Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 21.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Austände hi Jerusalem.') II. Jerusalem, im April 1875. 8. <S( war gewiß nur ein erfreuliches Zeichen det Zeit, als einige junge Männer Jerusalems sich zusammenthalen, um hier, au Israel» heiligster Stätte, eine Bibliothek ins Leben zu rufen, welche alle jüdischen und auf da» Judemhum Bezug habenden Werke enthalten sollte. Nichtachtend der sich über ihren Häuptern zusammenziehenden Gewitterwolken, gingen sie nulhig an'S Werk, fest entschlossen, daeinmal unausbleibliche Donnerwetter über sich ergehe» zu laffen und schlimnisten Falle! ihr einzige» Existenzmittel — die Ehaluka — ihrer sch inen Idee zum Opfer zu bringen. Um den um Palästina hoch verdienten Mann zu ehren, und andererseits die Nutorität seine» RamenS als Blitzableiter zu benutzen, sollte die Bibliothek den Namen de- Sir Moses Monteftore führen. In einem verbindlichen Schreiben an die Administration der embryonalen Bibliothek ersuchte Montefiore, man möge seinrul Namen noch den seiner verstorbenen Gemahlin Juditt hinzufügen, und schloß dem Briefe eine fünf Pfund Sterling-No e bei. Mittlerweile war die Bibliothek in die Acht erklärt worden, und als die Sendung der Fünf-Psund- Nole ruchbai wurde, schrieben die Nabbinen an Monteftore, er möge bodi lieber sein Geld den hiesigen Armen, als der auch karailische Bücher enthaltenden und bereit» mit Eherem belegten Bibliothek zuivcndeu. Da brachte die letzte Post rin neue« Schreiben Montefiore's an die Administratoren der Bibliothek, in ivelchem er dieselben aufforoerr, sich den Wünschen der Rnbdinen zu fügen, widrigenfalls er feinen Namen der Bibliothek entziehen müffe. Mit anderen Worten heißt da»: man uLge die Bibliothek fahre» laffen, und stätt deren einige Talnindexemplare mit dein Namen Montefiore-Bibliothek belegen. E» fällt niir sehr schwer, zu glaube», Sir Mose» Montefiore halte da» Anstiegen eine» tarailischen Werke» rn einer Bibliothek wirklich für religionswidrig; andererseits hat dieser Mann e» sicherlich nicht nöthig, sich von Leuten terrorisiren zu lafi^i, Me er mit Wohltharen förmlich überhäuft hat. Um so bedauerlicher ist dieses Schreiben Monteftore'». Hat denn der ede Greis noch tmnier nicht eingesehen, daß eben diese» den hiesigen Großkophta» „alle» zu Äesallen-lynn" eS war, welche» so ziemlich alle seine Bemühungen zu Nichte machte? I Doch nicht die Bibliothek ist e», für di« ich eine Lanze brechen möchte; beklagen nur muß ich die betrübende Erscheinung, daß jede hier sich regende fortschrittliche Idee nicht nur nicht die nö hige Unterstützung in Europa findet, jonderu geradezu von dort aus im Seime erstickt wird. Mit welchem Rechte klagt uns denn Europa de» ZelotiSuiu» an, wenn feine besten Männer, bewußt oder unbewußt, ihm Borschub leisten, seine freisinnigeil Männer in übertriebener Empfindlichkeit sich in's Schmollwinkelchen zurückziehend, die Hände in den Schooß legen und so den Finsterlingen freie Hand laffen?! Oxr glaubt man, durch bloße Philippika'» gegen *) Du«, eia Bersehen ist bei dem erste« Artikel OrtSbeteichmmg und Lhisire b* »erf. «eggebtieben. Aufmerksame Leser «erde» gleich, wohl geiunde» habe», daß der «rtitet nicht tom «ednkteur herrührt, um in Zerns Uem geschrieben ist. da» hiesig« Treiben, Cultur im Oriente verbreiteit zu können? Nein! „man verschließ« nicht die Augen vor den hiesige a Zuständen, und thue doch etwa» für Jerusalem"! Handeln sei die Parole u,«d Opferbringen, aber planmäßig, zielbewußl. Lernen wir Beide« von den Zeloten, deren Rührigkeit und einmüthige« Zusammengehen bet Verfolgung ihrer dunkeln Zwecke, die Indolenz und den Jndiffenn» ti»mu» der vorgeschritteneren und gebildeter» Juden geradezu beschämen. Möge» die JSraeliten Deutschland», sich den Eulturkampf ihrer christlichen Mitbürger vor Auge» haltend, die verhältnißniäßig geringen Opfer nicht scheuen, welch« erforderlich sind, um die Eivilisation unter chren Glaubensbrüdern in Jerusalem zu verbreiten; dann wird sich sicherlich ein jeder freisinniger Jude diesen edlen Bestrebungen anschließen, in der Ueberzeugung, daß nur Bildung und Wiffen jene Panacee ist, welche di« hiesigen traurigen Zustände, die dem gesummten Jndenthum zur llnehre gereichen, mit der Zeit heilen kann. Berichte und Lorrespoildenzeu. Deatschlaad. Au» BreSla», im April wird der „Jüd. Pr." berichtet: „Die politischen Zeitungen brachten in letzter Zeit, anlehneud an dir VoikSzählungsrrsultat«, vom Dezember 1871 rin« für die Jsraetlteil geradezu erschreckende Statistik über die Anzahl der Blinden, Taubstummen, Blödsinnigen und Irrsinnige» im preußische» Staate, die man den häufigen Heirathen unter Verwandten zuschreidl. Wir laffen sie hier folgen: Bltude. Taubstumme. Blödsinnige. Irrsinnige. Eoangrl. 899 965 1437 847 Sathol. 997 1037 1846 884 Israel. 1354 1489 1836 1697 Diese Zahlen sind in Betreff der Juden so haarsträubend, sie würde», selbst wenn man mit Zehn dividirte, noch so uiwerhältnißmäßig sein, daß man dabei an die Angabe von 1438 Judentaufe» in Preußen im Jahre 1873 erinnert wird. So vir man bei letzterer, nach augenbl ickliche» Srchdefinnen, fragen mußte: wo in aller Well sollen den» alle diese Taufen vorgrkommen sein? so muß mau auch hier frage», wimmelt e» denn bei un» von solchen Unglücklichen? Man denke an Taubstummen-, Blinden«, Irren-Anstalten — ist da die Zahl der Juden etwa so groß, wie die der Satholik.n und Protestanten zusammen?! Aber da» mußte dann längst well kundig sein! E« ist ja wohl möglich, daß dir Zahl der fraglichen Unglücklichen unter Juden verhältnißmäßig größer sein kann, al» unter Ehriste», aber in solchem Mißververhältniß? da» ist der reine Unsinn! E. Au« Ritteldentfchlünh, 3. Mai. (Or Eorr.) Ich lese in Ihrem Blatte Nr. 19 eine kurze Notiz über den Unfall, der am ersten Prßachtage die Synagoge zu Nürnberg betroffen hat. Andere Blätter, von denen ich die „jüd. Pceffe" und die „jüd. BolkSzeitung" lese, haben etwa» ausführlicher berichtet. Di« Artikel de» erstgenannten Blatte», welche» bekanntlich der strengen orthodoxen Richtung angehört, lautet: „Al» zur Feier de« Peßachfefte» eine groß« Anzahl Andächtiger in der hiesige,» neuen Synagoge versammelt war, ertönte während der vom Rabbiner Dr. Lew,« gehaltenen Predigt plötzlich der Ruf: „Feuer"! Der dir heilige Lad« ziereirde Vorhang — ein Geschenk der hiesige« israelitischen Frauen — halte, vermuthlich durch eine Garflamme, Feuer gefangen. Im ersten Moment wollt« die erschrockene Meng« blindiing» zu den AuSgang»lhüreu eilen, doch e» gelang 6e* beruhigende» Lorten de« Rabbiner», die dnrch rin Gedränge zn be»