Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1875-01-01 · 6. Jahrgang Nᵒ 19. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
6 (1875)
Issue
6. Jahrgang Nᵒ 19.
Date
1875-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5369809-5935045-5937955--2624-5372088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Itofig o«t dieser Neuen«? Abstand nah«. Die Sache war aber do»ü noch keineswegs zu Ende, denn t» dem „JSraelita", uujerm hiefigen Organ für jüdische Interessen, ward« Herrn Klüger tnr Borwurf gemacht, daß er al» Prediger gegen ein« Reform swotestlr«, welche zur Verschönerung de» Gottetdienste» und zur Erhebung der Andacht berufen fei. Herr Klüger sah sich bahn genöthigt, in eine« längeren Artikel in derselben r>ng eine Meinung in dieser Frage Sffemlich auszusprechen. Byrg auf di« theoreüsche Seite die,er Frage stellt er in diesem Artikel die eigenthümlich« Hypothese auf, daß der gothtsche Tomstyl, der im 8. und 9. Jahrhundert zur Geltung kam, vor dem vordringenden Lhristenthum dazu erfunden sei, um die lgeiden Germanien», welche Naturgotthei:ea verehrten und nur im Waldesschauer, beim Rauschen der Bäume, unter dem Rolen d«S Donner» ihr trotzige» Gemüth im Gebete zu öffnen vermochten, von dem WaldeStempel loSzureißen und ihnen denselben täuschend zu ersetzen. *) Wenn so die gothische Kirche, künstlerisch betrachtet, nur eine Kristallisation fei de» WaldeStempel», so sollten auch di« brausenden Tön« der Orgel — dieselbe ist in. ihre» Anfängen schon früher bekannt, scheint aber erst um diese Zeit ihre wahre Bestimmung ersimgt zu haben — gleichsam da» Rollen de» Donner» ersetzen, und diese« Ale», vermischt mit dem Geläute der Glocken, sollte einen Effekt Hervorbringen, stark genug, um selbst diese kühnm Ratursöh ne zu erschrecken, zu erschüttern and im Gebete Hinzuwersen. Da» Judenthum aber, sagt der Verfasser in besagte« Artkel weiter, dessen Gebet mehr au» Psalmen besteht, .jenem lyrischen, schmelzenden Sehnsucht-laut der Seele, jenen tiefgemü hlichen innigen Ergießungen de» Kinde» vor dem Vater, da» Judenthum bedarf solcher Effekte bet seiner Andacht nicht. SSenn sich auch nicht läugnen läßt, daß die Mustk zur Verschönerung beitragen könnte, so bleibe doch die Frage offen: Warum in dem Falle gerade ein« Orgel und nicht ein Orchester? Denn die Orgel mit ihren kalten Tönen, mit ihrem abgemeffeneu Rythmu» spreche mehr zum Verstand« als zum Herzen und harmonire daher weniger mit jenem stürmischen GeisteSflug, bei sich meisten» im jüdischen Gebete auSspricht. Und bei aller Pflege, heißt e» weiter, die seit Jahrhunderten von den grö'jteu, musikalischen Genie» der Orgel zugewandt wurde, hat sie sich doch immer nicht di« unbedingte Geltung zu verschaffen vermocht, hat sie sich weder in der puritanischen noch in der «pnechisch-katholtschen Kirche Eingang verschaffen können, und gerade in der neueren Zeit ist sie in künstlerischer Hinsicht von bedeutenden Stimmen bekämpft worven. Nachdem Hr. Klüger dies« und ähnliche Gründe gegen die theoretische Seile böser Frag« anführte, emwickell er dann seine praktischen Bedenken gegen eine solche Reform. Die Judenheit in Polen, sagt derselbe, befindet sich jetzt in einem Stadium de» Uebergauge», auf einer gewaltig bewegten See. und sie muß mir all,« Kräften arbeiten, um, ohne zu stranden, nach dem Hase» ihrer Bestimmung zu gelangen. E» find noch keine dreißig (zwanzig? Red.) Jahre, daß man den Juden in diese» Laude gesetzliche Freiheit und die Möglichkeit zu einer gebildeten Entwickelung gegeben hat, und wenn auch da» Volk in dieser kurM Zeit mit Riesenkräften gearbeitet hat, um da» Versännte von Jahrhunderte« nachzuholen, so ist e» doch bi» jetzt nur einer kleine» Minorität gelungen, sich der modernen Eultur entsprechend einzurichten und der bürgerlichen Stellung, di« maa ihnen eingeräumt, sich würdig zu zeigen. Aber da» Gro» ter Juden Polen» bietet noch den ganzen traurigen Anblick mittelalterlicher Zustätck«, und ihr Mißverhältniß zur europäischen Cultur gibt deu Feinden Jörael» ein« beliebte Waffe, um b*i ganze Volk zu bekämpfen. Daher sei «» die Wicht der mobemea und fortgeschrittenen Jude«, durch Gründung von Shule«, durch Heranbildung von Lehrern diese Maffe au» der RiLrigkeit zu erheben und da» große Erziehung-werk an ihren stirüdern zu. vollbringen. Diese Aufgabe sei au» doppelten Gründe« geböte« Denn ersten» dürfen die Tinen, denen *> ««se Iw« ist in pmvmae» Naktnrgeschtcht« de« »lttelaver« a»4z-fp>»chnd der Znfäll' «ine bessere Stellung «tngeräumt hat, nicht ruhig- und fteudig die Frücht« de« neuen Kanaan, die Früchte im > Laich« der nenenLreihett genieße», während ihre übrigen Brüder noch in der Wüste umherirren und elend und htlflo» sind. Dan» aber ist zu bedenken, daß der Schmutz, nüt dem man ' von allen Seiten diese Paria» bewirft, nicht ihnen, sondern vielmehr ihren gebildeten GlaubenSgenoffen gelte. Die Erztehung und Eulttoirungdieser Maffe könne aber nur dann gelingen, »venn man ihnen zeigt, daß die modern« Bildung nicht in Lonfltft stehe mit den alten Satzungen und den religiösen Wahrheit«« Au» diesem Grund« müsse bet der neue« Gestaltung Alle» vermieden werde», wa» da» Mißtraue» der Menge erregen könnte; deswegen darf an Reformen, wi» die Linführunz einer Orgel, jetzt keineswegs gedacht werde« Diese» Jnstrumeut, sonst ein Gegenstand der Harmonie, würde unter bewandten Umständen nur Disharmoiüe und Spaltung. Hervorrufen und die Lulturarbeit der Judenheit in Pole« hemmen anstatt förder« ... Der Artikel, von dem ich Ihnen nur einen kurM Auszug mitthetlte, hat hier bei allen gebildeten und einem besonnenen Fortschritt huldigenden Männern eine sehr beifällige Aufnahme gesunde« — Schließlich theile ich Ihnen noch mit, daß der Verlust, der da» Judenthum durch da» Hinscheiden Frankel» betroffen, auch hier einen tiefe« und schmerzlichen Eindruck hervorgerufen hat. Von dem genannte« Herrn Klüger, welcher ein Zögling de» Breslauer Seminar» war, ist in dem hiefigen „JSraelita" ein Nekrolog erschienen, welcher dem tiefen Schmerze Ausdruck gibt, «nb von dem Leben und Wirken de» Verklärten, wie auch von seiner Bedeutung für da» Judenthum ein klare» und ausführliche» Bild entwirft. Rpttawerifa. F. Ne»-V»rk, Mitte März. In meinem jüngsten Briefe nannte ich Ihnen Dr. Einhorn als den hervorragendsten jüdischen Kanzelredner unsere» Lande-, und ich glaube, daß ihm hierzulande allgemein, sowohl wegen de» ReichthumS und der Reife seiner Gedanken, al» auch wegen de» Schwünge» und der Kraft seiner flammenden Sprache, die erst« Stelle zuerkannt wird. Heute möchte ich Sie nun ans die gottesdienstlichen Borträge eine» anderen Manne» aufmerksam mache», die e» wohl verdienen, daß mit Worten warmen Lobe» auch vor weitern Kreisen auf sie hingewiesen werde. Herr Lieb» man Adler in Chicago hat in den letztenJähren durch die „Jewish Time»" eine Anzahl Predigten veröffentlicht, die in schmuckloser, aber herzgewinnender Rede au» dem Strome de» biblischen und nachbiblischen Schrlstthum» überraschend schöne, oft wahrhaft originelle Gedanken schöpfen, und die voll find von ächter Ehochmah im biblischen Sinn« de» Worte», von« Lebensweisheit, die sich erhebt auf dem Grund« wahrhafter Frömmigkeit.*) Die Gemeinde, in der Herr Adl r schon so lange wirkt, würde eine schöne Ausgabe erfüllen, wenn sie ihrem genannten Prediger e» ermöglichte, eine Sammlung seiner Reden in Buchform zu veröffentiichen, und wen» sie dadurch beitragen würde, daß unser» israelitischen Familie» eine ganz treffliche BolkSschrift dargeboten werden könnt«, ei« - Buch voll der gesundesten geistige« Nahrung. E» gibt noch eia« Anzahl anderer sehr guter jüdischer - Prediger in den Bereinigten Staaten, darunter auch solch«, die an dem, wa» man oratorisch« Begabung nennt, Herrn; *) Wir können nicht umhin, diese« llrtheil über di« Predigte« de« (wenn wir nicht irren, au« Frankfurt a. Blgebürtigen) Hrn. L. Adler, nach den wenigen Proben, di« wir gelrsen haben, unser« Zustimmung beizusügen. Lmerikanisch-jüdische Blätter veröffentliche« sehr oft, manch« allwöchemlich. Predigte« in deutscher «der englischer Sprache. Di« am«- „ litauischen Verhältnisse haben der Predigt — von der relig. Richtung? - gang abgesehen — bemerkrnewrrth« -igemhümlichkeitea ausgeprägt. S8m nimmt et, im Allgemeinen, mit dem Aangeltone nicht so genau, man geht auf praktisch« Anwendungen und D«n»«at«n mehr ein, al« e« in Deutschland di« Regel ist, auch spielt r«liglis« und politisch« Polemik eia« starke »oll«. — «it den am Schluffe dieser Lorresp. gegebene» -; EharakteriMe» können wir un« nicht üderall einoerstanden erklären: l von positiven Schöpsungen, von Lrkrlfftiguag de« praktischen Indentbimech. aU Frucht der Wirksamkeit der S. Adler, «nhor, un» Hirsch h»e», £ mir noch »enig gesehen. (Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.