Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 10.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Fstgtn diese unau«gesetzt« Förderung de« Vettelwrsen» für täe Unterstützten haben müsse. Liegt e« nicht auf der- Hand, daß man ganz« Generationen aufzieht, die zu jeder Arbeit unfähig sind, weil sie nie Veranlassung und Nöthigung zür Arbeit gehabt haben? War nützen alle Veranstaltung,» fn Colonisation Palästina'» durch di« Juden, zur Heranziehung derselben zum Ackerbau, wenn sie in Folge ihrer Erziehung und Lebensweise körperlich zu schwach sind, um Landbau zu treiben. Auch die jüngste hochherzige That, durch «elche man den neunzigsten Geburtstag Monrefiore'S feiern will, mutz wiederum ohne Erfolg bleiben, wenn das Nebel nicht an der Wurzel angegriffen wird. (Da» wird ja deadsichligt. Red.) Jnoeh ist die körperliche Verwahrlosung und Herabgekommcnheit, die u. A. auch durch die frühen Heirathen gefördert wird, nicht daS größte Nebel; noch schädlicher sind die Einflüsse auf die geistige und die sittliche Entwickelung. Di« Bertheilung und Verwendung der großen Summen, die nach Palästina fließen, liegt in den Händen weniger Män- »er daselbst und kann ja in ihrer Einzelheiten von Europa auch nicht controlirt werben. Wo soll man da» Quantum von Uneigennützigkeit, UnpartheUichkeit und Selbstverleugnung hernehmen, da» für ein solche» Amt erforderlich ist? Wir «ollen uns keinen Illusionen hingeben. Die Bertheilung der Ehaluka ist eine scharfe Waffe in den Händen der Vertheiler gegen Alle, die sich ihnen etwa mißliebig machen. E» ist so und e» kann auch nicht ander» sein. Die Berhältniffe haben «» dahin gebracht, daß da» Wort de» Propheten Jerem. ö, 1 eine beklagen»werthe Wahrheit auch für di« Gegenwart gewonnen hat. E» ist ja ganz erklärlich, daß der Versuch eine» Einzelnen, für sich oder seine Kinder die Möglichkeit eine» anderen Erwerbe» zu eröffnen, mit Mißtrauen beobachtet »ird, da ja ein solche» Beispiel von gefährlichen Folge» für die Zuflüff« zur Ehaluka sein könnte. E» ist ja eben so verständlich, daß die große Maffe, in Armuth und Unwissenheit ausgewachsen, aller Selbstständigkeit baar, diese Existenz für ein nolhwendige» Attribut de» Leben» im heiligen Lande ansieht, daß ein gewiffer mystischer Zusammenhang zwischen dem traurige,» Zustande und dem heil. Lande hergestelll wird, daß man endlich auch nur den Gedanken zu einem Anfang« von profaner Bildung al? gleichbedeutend mir der "IBP betrachtet. Wie wäre e» sonst erklärlich, daß der Gedanke an die Gründung von Waisenhäusern in Palästina eine solche Wuth in diesen» Lande hervorgerufen, und daß — wir müssen immer darauf zurücktommen — ein Mann von ungeheuchelter Frömmigkeit, von unermüdlichem Opsermuihe für Palästina, ein Mann wie Herr vr. Hildesheimer durch die maßlosesten, von Jerusalem ausgehenden Schmähungen genörhigt wurde, au« dem Eomite für Errichtung von Waisenhäuserr au»zufcheiben! Wundern inuß man sich, daß der genannte Herr (s Nr. 7 der „Jüdischen Presse") die Nachricht, daß rin Herr Sneersohn, der seinen Sobn zur Ausbildung »ach Pari« gebracht, bei seiner Rückkehr nach Palästina von seinen Glaudensgenoffen mißhandelt worden sei, bezweifelir konnte. Wie wäre e» wohl Herrn vr. H. ergangen, wenn er al« Lomite-Mltglied zur Gründung von Waisenhäusern es gewagt hätte, in Jerusalem sich zu zeigen! Leider sind »n« Nachrichten über solche Ausbrüche von Fanatirmu» zugegangen, neben welchen die Schläge, die Herr Sneersohn «rhalteii hat, in den Hintergrund treten j Nachrichten, an deren Veröffentlichung un» nur die Rücklicht auf opn SlSrt verhindert. Und doch machen wir, wenn wir gerecht sein wollen, für derartige Zustände nicht di« palästinensischen Juden verantwortlich. Der größt« Theil derselben ist in diesen Zuständen ausgewachsen, hat keine Ahnung von befferen Berhältniffen und stimmt gedankenlos in da» Zetergeschrei gegen eine Verbefferung seiner Lage ein. Aber die Schuld trifft di« Führer, di« Leiter palästinensischer Angelegenheiten in Europa. ByVKia QQ7K1. Wir verm.ffen den rechten Muth, die dtchtt Einsicht und den festen Willen! Wie ist derselbe Herr Ä. G. Lewy, auf deffen Autorität sich der bewußte Artikel in der „Jüdischen Presse" beruft, seiner Zeit in dem „Orgaj, für da» orthodoxe Judenthum* behandelt worden, al« er voi» seiner Reise nach Palästina zurückgekehrt, dem tiefen Schmerze über da», wa» er wahrgenommen, einen maßvollen Ausdruck gegeben! Sie, diese Führer und Leiter, müffen zu der Einsicht kommen, daß mit der bloßen Förderung de« Bettel» die Zustände in, heiligeil Linde noch verschlimniert, nie aber verbessert werden. Sie haben die Pflicht, e» auSzusprechen: Man hat inJernsalem grade sowenig Recht, zu betteln, wie in Berlin oder in Stettin, oder in Mainz! Wirklich erwerbsunfähige Glauden-brüder verkommen auch in Europa nicht; aber jeder Vater, jeder Vormuiid denkt daran, da» Heranwachsende Geschlecht zur Arbeit, z,tr selbstständigen Ernährung vorzubereiten. Darum können wir un» auch für die sogen. Pilger» Häuser*) nicht erwärmen! E» ist ein neue» Almosen unter einer andern Form und unterliegt denselben Bedenken, die wir schon ausgesprochen. Vor etwa zwei Jahren hatte in Benin (wohl auch in anderen großen Städten) die WohnungSno!h eine bedenkliche Höhe erreicht. Wenn nun etwa eine Anzahl wohlthätiger Männer zusammengetreten wäre, ur.i ,. B. hundert miethfreie Wohnun-fen für arme Juden herzustellen, wo*- , wäre die Folge gewesen? Die Folge wäre gewesen, daß sich zweihundert**) arme Juden von irgend woher ausgemacht hätten und nach Berlin gekommen wären, wo man ja wohnen könne, ohne Miethe zu bezahlen. Natürlich ist eine solche Maßregel Nienlandem in der. Sinn gekommen; in entsprechenden Fällen hat man zu helfen gesucht, wie r» eben den Ninständen angemessen war und die Beseitigung der Wohnung»- noth den Verhältnissen überlassen. Wir können dem Artikel in der „Jüd. Presse* zugeben, daß die Einsammlung durch Sendboten reicheren Ertrag gewährt, al« die Zusendung an bestimmte Adressen. Bei den Bedenken aber, die wir gegen da» ganze Prinzip derartiger Unterstützungen für Palästina haben, tritt ja die Frage, wie die Mittel zu diesen Unterstützungen beschafft werden, in den Hintergrund. Nachschrift. Obiger Artikel war bereit» abgeschiikt, al» ich Nr. 8 der „JSraelitischen Wochenschrift* erhielt, in welcher sich eine von dem Sendboten Malko erlassene Erklärung befindet. Ich habe bereit», ehe ich dieselbe gelesen, bemerkt, daß ich keine Neigung empfinde, die Sache, um die e» sich handelt, zu einem Streit über eine bestimmte Persin herabzuziehen, und daß ich, wenn auch im Stande einzelne der von Herrn Malko bezeichnet« Punkte im rechten Lichte darzustellen, doch darauf verzichte, da e» niir um die Saä,e, nicht un> Personen zil thun ist. — Uebrigen« dient der in besagter Nr. 8 aufgedeckte skandalöse Vorgang dazu, die schneren Schäden, an denen da« Unterstützung-wesen leidet, ai.f> zudecken — natürlich nur für Diejenigen, die sehen wollen (Für Diejenige» aber, welche nicht sehen wollen, ist, wie „Habazel.* Nr 16 weiter berichtet, durch Riw in und Eons, bereit« eine neue Decke und mDS in Jerusalem gewebt worden, welche vielleicht so eben schon in M... au» gehängt wird. Red.) Stettin, 25. Februar. Im Leitartikel de« vorigen Blatte« hat ein geschätzter Mitarbeiter in kurzer, aber sehr treffender Skizze den Lebentgang, die wissenschaftliche und amtliche Thätigkeit de» sel vr. Frankel, seine Bedeutung für dir Literatur und die Entwickelung de« Judenthum» und sein persönliche« Wirken geschildert. Vor g'/, Jahren haben diese Blätter, au» Anlaß der 70jährigen Gedurttfeier de» verewigten, auch manche» Wort zur Eharacteristik derselben gebracht. Mit diesem und jenem hat indessen eine eigentliche *1 Diese Bezeichnung ist lchon an sich «in« höchst verkehrt«. iSir wallen gar nicht, daß Juden nach Jerusalem „pilgern", um dort m» vornherein Zuflucht, Obdach und Bro» erbitten zu müffen l (Red.) ") Zweihundert« l »u» dem „tzerzogthum" und Westpreuß« l «der au« Paten „100SI" (Red.)