Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 7.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 51 — Dr. Michael Sach«. Et» Ert,,en«g»tl«tt zu» 34. Schetnt 5624. E» find bkute 11 Jahre verstriche», seitdem vielbeklagt und vielbeveint Michael Sach« von un« geschieden ist. Unnütz sch'tnt es, sein Bild in unserem Andenken auffrischen I» «ollen. Denn unvergänglich müßte e« haften in den Herzen derer, die ihn einst den ihren genannt; di, j, i» da« »t« an« Marmor gemeißelte Antlitz mit den wunderbar leuchtenden Augen und den schüngereimlen Dichlerlippen geschaut; di« jemal« seinem Wort« gelauscht haben, da« zündend hervordrang nu« gluthvoller Begeisterung; denen e« vergönnt war, einen Blick zu werfen in die« kindlich weiche und doch - felsenharte, edle, reine Herz. Unnütz wäre r», wenn wir nicht wir wären und nicht in unseren Tagen lebten, in denen man Götter und Helden wechselt wie philosophische , Systeme, und Gunst und Verehrung wandelbar ist, wie politische Meinung und Stimmung. Freilich, leicht ist «S zu sagen, wa« der seltene Mann »n« war; treu und überzeugend aber zu schildern, wa« er der Gesammtheit war, für die er gelebt und gewirkt hat, da« wird dieser. Worten nicht gelingen, da« wird g a n z erst spätere« Geschlechter« möglich sein. Zu frisch ist heute noch sein Grab; noch bedecken e« die Wogen der Parteianschauungen, von denen er selbst umgeben war, denen er stch entgegenwars, die er allein zu lenken und zu beherrschen wußte. Schlecht al er schreib: sich die Geschichte eine» Leben« herau« au« dem Kampfe der Parteien und ihrer widerstreitenden Ansichten. Ander« erscheint da« Wirken Michael Sach«' denen, «elchen Religion die niedrigste Stufe de« denkenden oder vorstellrnden Bewußtsein« ist, denen sie höchsten« al« Philosophie de« Volke« und der Kinder gilt; ander« muß e« denen erscheinen, die, wie er selbst, i» der Religion den Inbegriff aller erhabenen BolkSrcgungen erblicken und im Judenthum den vieltansendjährigrn unsterblichen Vertreter eine» monistischen Ideal >«mu« anerkennen und Hochhalten. Denn im Dienste der Religion, der jüdischen Rrligion, stand Michael Sach«, nicht blo« al» Prediger der Gemeinden von Prag und Berlin, wie sein Beruf e« wollte, sondern mit der ganzen Kraft seine« Geister und Herzen«, mit der ganzen Energie seine» Können« und Wollen«. Im Dienste dr« Judenthum» wirkte er, redete and schrieb, lehne und lebte er, weil er in ihn«, wie er r« lehrte und lebte, da« wahre Menschenthum verkörpert sah Wer darum im Judenthum nur noch eine morsche, vom Alter und vom Aberglauben zertrümmerte Ruine erblickt, der mag die Persönlichkeit Sach«' verehren, aber seine Wirksamkeit kann ihm nur al« eine Danaidenarbeit erscheinen. Ihm ist Sach« ei» Schwärmer, der da« wahre Wesen der Dinge nid)t zu erkennen vermochte, der e« nur wie durch einen trüben Nebel erblickte, der sein Herzblut hingegeben hat an eine verlorene Sache. Wer da« Judenthum nicht blo« al« Reliquie, nicht blo« al« Nicht-Ehristenthum gelten läßt, wer in ihm eine uralt« und doch noch jugendlich frische Macht erblickt, die, von ihren mittelalterlichen Schlacken befreit, dereinst noch segen-reich auf die Geschichte einzuwirken berufen ist, dem ist Michael Sach« ein wahrer GotteSmann, welcher der würdigsten Aufgabe seine gewaltige Kraft geliehen bat, in dem der Seist der alten Propheten lebendig geworden ist. ~ Jenerr erscheint Sach-' Wirksamkeit, wie die Bahn eine« mächtigen Schiffe«, da« auf einen Moment tiefe Furchen iiu Meere zieht, doch nur, damit die nächste flüchtige Welle sie verdeck«. Diesem, un», lebt sein Wirten fort, wenn auch unsichtbar urd unerkannt, in all de» Tausenden, deren beste Strebungeir an seinen» Geiste sich entzündet haben, in denen er die Keine edler Erkennlniß gepflanzt hat durch Wort »nd Schrift und vor allem durch sein Vorbild. Denn vor Allem bat Sach« durch sein Leben gelehrt, daß gründlichste Gelehrsamkeit und modernste Bildung wohlvereiabar sei mit dem Glauben «nd de« Gesetze de« Judenthum«; daß man auf der Höh« der neuen Zeit.ihrer Wiffenschaft «nd Philosoichie und zugleich treu und unverrückt inmitten der Religio» stehen könne, welch« die älteste verkünderin de» GotteSglauben« ist. Wie verschiedki» auch Sach»' Wirksamkeit beurthellt «erden mag. einig sind Alle, die ihn gekannt haben, über den Werth seiner rd!> n Persönlichkeit, seine« freie»», hohen Sinne«, seine» unorrglrichlichci» Talente«. Er hat Gegensätze in sich vereinigt, die von gewvhnliehen Naturen »ieinal« versöhnt werden können. Er »var rin Philologe von gründlicher Gelehrsamkeit, der die Zierde jeder philosophischen Facultät gewesen wäre, und ein Dichter m>« kühner glänzender Phantasie; er war ein Redner von irinreißender Kraft de« Worte» und ein Kritiker, der mit schneidiger Schärfe den Gegenstaud der Untersuchung musterte „nd meisterte; er war ein Genie, da« blitzartig schnell die Wcchrheit erkannte und darzustrllen vermochte, und ein Forscher, der mit unverdroffenem Fleiße Steinchen auf Steinchen häufte zu seinen» wissenschaftlichen Bau; er »var frei von den ll'orurthetlen kleiner Geister, ungeseffelt oou Autorität und blinder Verehrung de« Ueblichea oder Hergebrachten, und doch unbeugsam streng in der Beobachtung auch der klei»»sten rarbinischen Satzung, auch de« geringsten religiösen Brauche»; er war unerbittlich in seinen Anforderungen an sich selbst, »iber mild und duldsam gegen ander« Denkende und ander« Gläubige; er war ein Mensch mit dein zartesten Gemüth, edel und hilfreich für Arme und Bedrängt«, aber schroff, ja unnahbar hart, ivenn Niedrigkeit oder Frivolität ihm entgegentrat. Eine Bereinigung solcher Gegensätze war sein Wesen, und Vielen mochte e« darum al« e»n Räthsel erscheinen, da« roch leicht gelöst werden kann, ivenn nian den innersten religiösen Quell zu erkennen und zu würdigen vermag, von dem au» nach den verschiedenste» Seiten hin die« reiche Leben ciu«- strömte. Eine Vereinigung solcher Gegensätze sind auch seine Schriften. Diese sind zahlreicher, al» man von dem über die Maßen beschäftigten, von Arm und Reich, von Fremden und Freinden in Anspruch genommenen Manne erwarten sollte. Sie zeigen un« den Dichter und Denker, den Reimer und den Gelehrten, überall al« Meister de« Worte«, überall anregend, oft neue Wege bahnend durch nie vorher betretene Gebiete der Literatur. Sein erster«« größere« Werk ist die „Uebersetzung und Erklärung der Psalmen", dem sich halb zahlreiche Beiträge zu Zunz' Bibel der J-raeliten anschlossen. Zehn Jahre später als die Psalmen erschien „die religiöse Poesie der Juden in Spanien", «in Werk, in dem ebrnio sehr di« kräftige, geistvolle Darstellung der geschichtlichen Scencrie. wie die formvollendete sinnige Uebersetzung alter Originale unser« Bewunderung verdient, und deffen Anregung selbst Heine'« wild« Leier in den reinen frommen Tinen seine« Jehuda bei» Halevy (Romauzero 1865. S. 195 356.) erklingen ließ. Auf ein andere« Gebiet versetzen un« di« „Beiträge zur Sprachuns AllterthumSforichung", in denen Sach« die Beziehungen zwischen SemitiSmu« und Sriechenlhum untersuchte und für Sprachkund«, Geschichte und Literatur ungeahnte Ausschlüffe gab. Eine Reihe von Schülern und Nachfolgern haben hier den Schatz vermehrt und verwerthel, deu Sach-' tief emdringende Forschung entdeckt hat. Unerreicht aber stehen jene Meisterwerke da, in denen seine Kunst der Nachbildung hebräischer Originale fast Rückert'« unerreichtere Meisterschaft bewahrt. Wer kennt sie nicht die herrlichen au» altersgrauer Zeit zu un« dringende,», durch Sach« und Veit neu erweckten „Stimmen vom Jordan und Euphrat k" Unvergänglich wie die Gebete der Juden wird seine Bearbeitung ihrer „Festgebete" sein, die» Werk, da« die vollendest« Sprachgewandtheit und die entschiedenste Dichterbegabung uur im Verein mit der lautersten Religiosität zu erzeugen vermochte. Und da« schönste Denkmal hat Sachs noch nach seinem Tod« in seinen „Predigten" sich errichtet, die, von seiuem treuen Freund« vr. D. Rosin herausgegeben, fort und fort Liebe zum Judenthu« und zu edlem» reinem Lien-