Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 6 (1875)
- Issue
- 6. Jahrgang Nᵒ 4.
- Date
- 1875-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 30 — Vermischte und neueste Nachrichten. SRogbtinrn, 15. Januar. (Or.-Corr.) Die beiden hierorts sehr rwhlthätig wirkenden Vereine, die „isr. Kranken- Unterstützungs-" und die „Beerdigungs Gesellschaft" haben ihre Rechnung»-!4bschlüffe durch den Druck veröffentiichl und den Mitgliedern übersandt. Der letztere hatte 1874 an Einnahmen rund 3992 Rm. und an Ausgaben 3666 Rm. Das Gesammtvermögen dieser Gesellschaft beläuft sich auf 6765 Rm. Es ist im abzelausenen Jahre die Bella Friedeberg'sche (geb. Arndts Stiftung mit 600 Rm. hinzugekommen. — Der andere — jüngere — Verein, der es sich zur schönen Aufgabe stellt, den hülfsoedürstigen Mitgliedern während chrer Krankheit und dadurch veranlaßten Erwerbsunfähigkeit wöchentliche Geldunterstiitzungen in Höhe von 9 Mark zukommen zu lasten, hatte 1190 Rm. Einnahmen, die Ausgaben beliefen sich auf 1077 Rm. Das Gesammtvermögen dieser Gesellschaft besteht in 4080 Rm. — Die Verwaltung beider Vereine befindet sich in bewährten Händen. Düsseldorf. Zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde ist Herr vr. Wedell in Breslau einstimmig gewählt worden. Die erste Amtshandlung des Herrn Rabbiners wird die Einweihung uriserec neuerbauten Synagoge fein. Bromlierg. Der Vorstaud der hies. Synagogen-Gemeinde theilt zur kffentlichen Kenntniß mit, daß er sich unterm 6. Mai v. I. wegen Erlheilung des Mischen Religionsunterrichts beim hiesigen kö nglichen Gymnasium an das königl. Provinzial- Schul-Eollezium zu Posen gewandt, und von demselben auch unterm 15 Mai benachrichtigt worden sei, daß es wegen Einführung dieses Unterrichts bei jener Anstalt und der aus Staatsfonds zu bestreitenden Remunerirung des Lehrers dem Herrn Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten Vortrag halten wer!». — Auf Anordnung des letzter» ist dann auch der jüdisch« Religionsunterricht seit dem 1. Oktober v. I. in den UnterrichtSplan jener Anstatt ausgenommen worden. (Nähere Auskunft über die Ausführung dieser Anordnung, in welcher Weise der betr. Unterricht daselbst ertheilt wird, wäre wünschenSmerth. Red.) Fulde. Als Curiosum theile ich Ihnen folgendes Pröbchen von Bibelauslegung der „Fuldaer Zeitung" mft. Eie eifert betmmlllch als ultramomanes Blatt auch gegen die Freimaurerei lmd meint, daß schon die Bibel ihr Verdikt gegen dieselbe ausgesprochen. Zum Beleg besten citirt die gelehrte Fuldaerin Sprüche Salomonis St 6, V. 13, allwo es heißt: „Der Mann der Unthat winkt mit den Augen, scharrt mit den Füßen, zei zt mit den Fingern." Da hört Ihr'» Freimaurer, Salomo selbst, an besten Tempelsäulen, Jachin und Boas, Ihr bauet, soll Euch in seinen Sprüchen - - verurtheilt haben! Was doch die Fuldaerin in der Bibel belesen ist! Au» der Schweiz kommt uns die Nachricht über das von der Regie, ung einiger Cantone (Aargau und St. Gallen) zum 1. Januar c. ergangene Verbot des Vieh-Schlachtens nach jüdischer Satzung. Man scheint in den maßgebenden Kreisen der freien Schweiz" eine ganz sonderbare Austastung on Religions- und Gewissensfreiheit zu haben. Aus purem Mitgefühl mi> dem Vieh quält man eine ganze Menschenclafle. Ran müßte in der Schweiz Vereine gegen Judenquälerei errichten. Wir kommen auf diese wichtige Angelegenheit in der nächsten Rr. zurück. Rußlimd. Ein von einem „enttäuschten Rüsten" Unterzeichnete» „Eingesandt" in den „Times" lautet: „Ihre Leser werde!, sich wahrscheinlich erinnern, daß nach dem Aufenthalte de« Kaiser» von Rußland in London im vorigen Jahre eine Proklamation erlaffen wurde, welche allen russischen Unterthanen die sich keinen Mord haben zu Schulden kommen lasten, Amnestie zuficherte. Ich las das mit Freude. Ich hatte im Alter von 19 Jahren Rußland im Jahre 1849 ohne Paß vrrlaffen und kurz darauf hatte mein Bruder einen Ersatzmann für mich zur Armee zu stellen. Ich hatte Nicht» I verbrochen, außer daß ich mein Vaterland ohne Erlaubniß verkästen hatte; — ich wandte mich im vergangenen Juni an den russischen Eonsul Dr. Berg, um die Erlaubniß zur Heimkehr nachzusuchen und wurde beschieden, daß eine formelle Petition eingereicht wrrden muffe, nebst Referenzen auf Londoner Bürger. Da» geschah, und außerdem zeichnete ich ein Abkommen, eine Strafe von zehn Rubeln für jede» der 25 Jahre meiner Abwesenheit zu zahlen Alle» war zur vollständigen Zufriedenheit de» Eonsul» abgemacht, und ich wurde ersucht, die Antwort abzuwarteu. Im vorigen December erhielt ich eine Postkarte, die mich auf das Eonsulat lud. Ich ging mit einem Freunde dort hi», der jedoch vom Eonsul aufgesordert wurde, sich zurückzuziehen, da Zeugen überflüssig seien. Die Antwort, die ich auf meine Eingabe erhielt, war einfach diese: „Da Sie Jude find, dürfen Sie nicht heimkehren," nnd damit wurde auf ein Judengesetz vom Jahre 1863 verwiesen. Aber das Wunderbarste kommt noch. Ich wurde von dem Eonsul ersucht, di« Natur der Antwort nicht zu erwähnen. Warum, kann ich nicht sagen; au» Gerechtigkeit gegen mich und Tausend« meiner Landsleute bitte ich, dies zu veröffentlichen, damit diese Sache an die Hauplquelle gelange, und zweifellos im Geiste ider Amnestie auSgeführt werde." 8. 8. A»S Nordamerika. (Or.-Corr.) Hie und da in Zeit- und Wochenschriften findet man oft Urtheile über den fast in ganz Amerika verbreiteten Orden B'nai B'rtth, theil» lobend und theil» tadelnd (?) verbreitet. Schreiber diese» ist in der Lage, Ihrem gesckätzten Blatte einleitend das Programm des unabhängigen Orden» B'nai B'rtth hierdurch mitzutheilen. E» lautet: Ter unabhängige Orden B'nai B'rith, der e» sich zum Berufe gemacht, die Söhne Israel» in dem heiligen Werke der Förderung der höchsten Jnteresten der Menschheit zu vereinigen, insbesondere die Bedürfnisse der Armen und Nothleidenden zu erleichtern, die Kranken zu besuchen und zu pflegen, die Wittwen und Waisen zu schützen und zu unterstützen, und zwar nach den ausgedehntesten Grundsätzen der Bruderliebe; ferner den geistigen und sittlichen Eharacter unsere» Stamme» durch freigiebige Unterstützung der Wiffenschaft und Kunst, sowie durch Einschärsung der heiligsten und reinsten Grundsätze der Menschenliebe, der Ehre und de» Patriotismus zu mtwickeln und zu heben, nnd vor Allem die erhabenen, ewigen Lehrm de» Judenthum» unter seinen Bekennern zu lehrm und den Glauben unserer Väter al» die wahre Verkörperung aller jener Humanitätsgesetze in der Gesellschaft überhaupt zu vertheidigen, zu erhalten und zu verbreiten: bekennt sich zu folgenden Hauptgrundsätzen. 1. Alle Menschen find Brüder, Söhne Eine» Gotte», mtt denselben unveräußerlichen Rechten bekleidet. 2. Während Völker und Vereine durch da» Gesetz — die Verkörperung absoluter Gerechtigkeit — regiert werden müssen, sollen die geselligen Verhältnisse der Einzelnen von den Vorschriften der Lieb« geordnet sein. 3. Wohlchun und Aufklärung find die kostbarsten LiebeSgeschenke für die leidende Menschheit: die Söhne de» Bundes sind insbesondere zur Uebung de» ersten und Verbreitung der letzten berufen. 4. Die hohen Jnteresten der Menschheit werden am Besten durch die vereinten Bemühungen in Verbindung getretener Menschenfteunde gefördert und durch weise Maßregeln und Verfügungen gegen jede unberufene Einmischung von Gegnern geschützt. 5. Die göttlichen und ewigen Lehren de» Judenthum» bilden den Grund aller Bildung und Aufüärung der allgemeinen Liebe und Verbrüderung — die Verkündigung und Beobachtung derselben ist daher nicht» al» die Einschärfung und Uebung dieser hohen Güter der Menschheit.