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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 42. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 42.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Wohl verlangen die leitenden Männer de» FürstenthnmeS auch Patriotismus von Seiten der Inden. Ein schöne» Wort „Patriotismus", von hoher Bedeutung, von süßem heimalhlieblichem Klange! Da wären die Juden der so warmen Thei nahme aller cioilisirten Böller gewiß unwürdig, wenn sie k> ine guten Patrioten wären! — WaS verstehen aber die rumänischen Minister unter Patriotismus? Etwa di« Liebe zum Vaterland«, da» un» mit Wohlthaten überhäuft, da» unS schützt, da» uns nährt? Da wären ja die Juden vielfach edlere Patrioten al» sie, die Minister, selbst. Denn die Juden werden bedrückt, verfolgt, sind recht- und schutzlos, die Regierung reißt ihnen das trockene Brod au» dem Munde, und dennoch, dennoch lieben sie das Land. Es scheint, die Regierung fürchtet sich vor ihrem eigenen Gewissen; sie fühlt, daß ihre Handlungsweise varnach beschaffen war, jeden Funken Patriotismus im Herzen de» Juden zu ersticken. Versteht aber die Regierung unter PatriotlSmuS den richtigen Beitrag an Gut und Blut zum Wöhle d«S Vaterlandes, io muffe» auch hier die Juden als edle Patrioten crschcinen; denn ihre Steuergelder fließen sehr reichlich in den Staatssäckel, ihre Söhre dienen in der Armee, zurückgesetzl von ihren Vorgesetzten, mißhandelt von ihren Zeitgenossen, stiefniütterlich verstoßen vom Vaterland«. Für sie gilt kein Avancement — ob sie gleich eingeborene Kinder des Lande» und nicht auS Oest.rreich und Rußland Eingewandene sind, ob sie gleich keine Haarlocken, iondrrn die kurze Militärsrisur, und ob sie endlich auch keine langen Rücke (welche nach dem Eorrespondenl'.n deS „D. Tel " die Emancipation verhindern!), sondern den militärische!» Waffenrock der rumänischen Nationalarmee mit den glänzenden Messingknöpfen tragen. Diesen Patriotismus werden wohl dir rum. Regierung und ihre Sachwalter int „D. Tel." anerkennen! Wenn aber alle meine Ausführungen den Patriotismus der rumän Juden noch nicht hinlänglich uachgewieseu haben sollt '», so will ich eS der Oeffentlichkeil anheiinstelle», zu urtheilen, ob das nicht Patriotismus ist, wenn über 200,000 Einwohner jede Ungerechtigkeit, jedwede Bedrückung, ohne auch nur die Hand zur Abwehr zu rühren, über sich ergehen ließen und blos an taS Mitleid d«S civilisirte» Europa appellirren. Oder ist das nicht edle Aufopferung, pairiotlsche Selbstverleugnung, wenn wir jede Barbarei, jede Maffacre erduldeten, ohw zur verzweifelten Gegenwehr zu greifen und Riezuwagenlx» zu wagen! Schlimmer ergehen hätte eS uns nimmer können. Wir aber schonten daS Vaterland, den» wir wußten und wiffen wohl, daß eS dann zu ernsten Verwicklungen, die die Stellung Rumäniens gefährden mußten, kommen könnte. Das ist wohl Patriotismus, an dem auch ein rumänischer MinisterpfiffikuS nicht inäkeln kann. Mir kommt eS vor, als ob die Juden hier so handelten, wie ihre bariarisch ertränkten GlaubenSgenoffen in Galatz, die, ob sie gleich den Kahn ihrer Peiniger mit in die Tiefe ziehen konnten, es dennoch unterließen. Wir wiffen es auch, daß bald, in )ar nicht langer Zeit, die leitenden Männer Rumänien» e» für rathsam erachten werden, den den Juden gegenwärtig adgesprochenen Patriotismus in Anspruch zu nehmen, und daß dieser sich daun in schöne,» Lichte zeigen werde. — drf. Vermischte und neueste Nachrichten. . Berlin. Rach einer Notiz in Saling'» Börsenblatt „sollen in Deutschland 613 evangelische Geistliche leben, welche getaufte Juden sein." 613 — JHn! Wir überlaffen dem Börfenblatle die Verantwortung der Angabe, wahrscheinlich ist sie nicht zu verantworten. Königsberg in Pr. Auf den Antrag der juristischen Fa:ultät zu Königsberg hat der UnterrichlSminister die in 8 68 der Statuten derselben enthaltene Vorschrift, baß, wer sich bei ihr um den Doktorgrad dewerben will, sich zur christlichen Religion bekennen muß, aufgehoben und zugleich destirimt, daß bei dem bei der juristischen Promotion zu leistenden Doctoreide r» dem Doctoranden freigestellt bleiben soll, ob er ai» Schluß den Worten It» me deus adjuret eine besondere, seinem religiösen Bekenntniß entsprechende Be« kräftigungtforniel in lateinischer Sprache beifügen wolle. (Somit ist denn eine alte, erst unlängst wieder — wie auch in dies Bl. erwähnt worden — zur Sprache gebrachte Beschwerde endlich beseitigt worden.) Dresden. Di« Wittwe der vor mehreren Jahren verstorbenen Gelehrten vr. B. Beer, eine vortreffliche Frau, welche, man darf es sagen, eine Zierde ihre» Geschlecht» war (Gutzkow bezeichnet sie in einem Prioatschreiben al« „die Güte und Lebensweisheit selbst"), starb am 5. October nach langem schmerzhaften Leiden. Altona. Adoocat vr. Marburg ist wieder ilnv zwar mit ISS gegen IIS Stimmen in daS Abgeordnetenhaus gewählt worden. Die vorige ebenfalls auf ihn gefallene Wahl war, wegen begründeter Reclamationen, annullirt worden. E» sind also nunniehr wieder zwei Israeliten im Abgeordnetenhaus«; desgleichen hat daS Herrenhaus zwei israelitische Mitglieder: Rothschild und Sladtrath Fricdenthal in Bromberg. In Werl, einem bekannten westfälischen Wallfahrtsorte, unweit Soest, wo sich ein wunderthätiges MuttergotteSbild befindet, ist der israelitische GotleSacker kürzlich in der ärgsten Weise durch Umwerfen und Demolire» der Grabdenknüiler und Zerstören der Gräber verwüstet worden. Der israelische Gevieindevorstand hat auf Ermittelung deS Thäter» eine Prämie von 100 Thlr. gesetzt. Köln, 23. Eept. Der EommissionSrath Herr S. Benrdit hierselbst hat der israelitischen Gemeinde zu Frechen 2000 Thlr. als Geschenk überwiesen, uni solche zur Errichtung einer Mauer um ihren Begräbnißplatz zu verwenden. NiiNlberg. Etwa 60 Mitglieder der hiesigen israelitischen Gemeinde sind zu einer Separatgemeinde zusammengetrelen, um ei ien Gottesdienst nach alte,» Ritus einzurichten. Lemberg. Die „barmherzige Schwester" Elara, Jugendbiloneriu au der hiesigen Mädchenschule bei den Bcnediktinerinnen, kann aus die Methode, den jüdischen Mädchen den Besuch einer christlichen Schule angenehm zu machen, und auf die Art, die bestehende soziale Klusr zwischen Jude» und Ehristen auSzusüllen, ein Patent nehmen. Eine Schülerin der S. Klaffe in dieser Anstalt, welche 4 Klaffen daselbst mit vorzüglichem Erfolge absolvirt hat. aus ordentlichem Hause und von sehr guten Sillen, wurde ohne die geringfügigst« Ursache von der genannten Prieslerin der „Religion der Liebe" mit allerhand unästhetischen Ausdrücken traklirt, wobei da» Zauberwort „parszywa zydowka“ (aussätzige Jüdin) intonirt wurde, und gezwungen, die Stirne 3 Mal an die Erd« zu schlagen. Wr enthalten uns über diese Behandlung»weise der Kinder allen Eommcntar», können aber nicht umhin, unsere Bewunderung darüber auszudrücken, wie in dem Mund« der „Dienerin einer Religion" ein andere» GlaudenSbekenntniß al» Schiiähuiig gellen kann. (L. JSr.) Krakau, 8. Ocl. vr. Warschauer erhielt nur 68V Stimmen, sein Gegencandidat ist mit S44 St. zum ReichStagSab« geordnete» geivählt. Au» Holland Da» älteste, da» Etammland der praktischen Toleranz in Europa, macht noch fortwährend diese seine Eigenschaft gellend. Wir haben kürzlich berichtet, daß ei» junger evangelischer Pastor selber im In- und Ausland« für einen Juden collectirt hat, der wegen ungegründeler Anklage aus Brandlegung gefänglich eingezogen und dadurch in Armuth gestürzt war. Hier ist ein ähnlicher Fall. In Osterwoolde in Friedlang starb ein Jude und hinterließ «ine Wittwe nebst fünf Kindern ganz mittel- und hülslo». Ei« ernster Aufruf zur HülfSlentung wurde alsbald erlassen, nicht, wie anverSwr üblich, von Juden und zunächst an solche, sonder» von chnstlichen Bekannten und OrtSnachbarn de» Verstorbenen, an deren Spitz« der Pastor stand. Man sieht also.

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