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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 42. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 42.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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daß solche Beweise wirklicher, von jeglichem konfessionellen Unterschiede absehender Nächstenliebe in Holland nicht selten sind. (I. Chr.) London. Der Berliner Lorrespondenl der „Times" commentirt über die Ernennung deS vr. Friedenthal zum Minister, als „der letzten Ehrenstelle, welche den Kindern Israels in Deutschland bislang noch vorenthalteu gewesen ist." ES ist richtig, daß getaufte Juden zwar viele und verschiedene solche Stellen in Preußen bekleiden, aber noch keine Ministerposten. Da wir indessen nicht, wie die Engländer, zumal durch DiSraeli'S Borgehen, gewohnt sind, auch die christlichen Nachkommen von Juden noch zu den Juden zu rechnen, so bietet die Angelegenheit für uns kein Interesse. — Am letzten Sonntag im September war eine christliche Kirche der Hauptstadt (vermuthlich bei einem Erntedankfest) mit „Palmzweigen, Myrlhen, Weiden und Eitronen" geziert, in Nachahmung der jüdische» Gebräuche der HüttensesteS. Anzeig, n in den öffentlichen Plättern machteii vorher auf diese Decorirung aufmerksam. (I. Chr.) Feuilleton. Wilde Zeiten nnd milde Herzen. (Fortsetzung.) , „Gott behüte! Nichtvon alledem. Worüber sollte ich wich beklagen, da ich in Ihnen, edler Mann, einen zweiten Vater, in Ihrer guten Frau eine Mutter, in Ihren Söhnen wahre Brüder, in Ihrer ganzen Gemeinde nur Liebe und Theilnahme finde? Die Frauen Ihrer Glaubensgenossen bringen mir um die Wette, seit der Arzt mir zu essen erlaubt hat, alle Arten von Süßigkeiten, ausgesuchte Leckerbissen, mir dem Fremdling, dem Unbekannten. O, wie hat man mich sonst getäuscht, wenn man mir von den Israeliten ein so abscheulicher Bild entwarf. Man sagte mir, sie seien boshaft, grob, unmenschlich, ja grausam gegen andere Glaubensgenossen; hier sehe ich das gerade Gegentheil von Allem, waS nian mir zu ihrem Nachtheil beizubringen gesucht hat." „Der wild« Haß und die übelwollenden Nachreden, mit denen man unser unglückliches Volk verfolgt und anschwärzt, find Ausgeburten eines blinden Fanatismus und giftiger Unduldsamkeit, di« jeder vernünftige Mensch zurückweisen sollte, und die Gott einst von der Erde schwinden lassen wird" „Soll ich Ihnen nun, mein tugendhafter Herr Rabbiner, zwei Dinge verhehlen, die mich Tag und Nacht quälen, mich betrüben und mir centnerschwer auf dem Herzen liegen?" „Reden Sie, sagte R. Jacob Aron, vielleicht finde ich ein Mittel für Ihre Qualen, die möglicherweise nur eingrblldet und phantastisch sind." „Zuerst, sprach der Eapitän, muß ich Ihnen von einer groben Beleidigung und schweren Kränkung berichten, die ich ungezogener Weise gegen.(bei diesen Worten stieg die Erregung des Kraicken wieder bis zu Thränen, und er brachte «ur abgerissene Sätze hervor)... eine junge Frau von Ihren Leuten begangen habe, die in der Hand so etwa» wie eine vertrocknete Frucht hielt, womit sie mich bezaubert haben muß. — Ach, wie bereue ich da»! Wird mir die Frau je verzeihen? Und dann muß ich noch hinzufügrn, daß e» tu Ihrer Andachttftätte vorgefallen ist." Der Rabbi dachte einen Augenblick nach und sagte: ,,E« ist also eine Versuchung gewesen, der Sie nicht unterlegen find, der Sie glücklich widerstanden. Et war in unserm Tempel, sagen Sie, eine junge Frau, wlt war sie etwa angezogen? Der Krank« gab «ine kurze Beschreibung. „Heute Abend, sagte R. Jakob Aron aufstehend, werd« ich Sie wieder besuchen. Jetzt habe ich außer dem Hause dringend zu thun." Er ging alsbald zu feiner Tochter, lhat erst, als komme er nur, um sich nach ihrem mrd de« theuren Säugling« Be« 1 finden zu erkundigen, und sagte dann: ,^!ieb« Tochter, d, in Mann ist bizum Abend auswärts, und e» ist Niemand außer der Wartefrau da, so wünsche ich denn, daß du diese irgend wohin sendest, denn ich muß dich über etwas befragen, waS sie nicht höre» soll." „Lieber Vater, du machst mich neugierig; sprich nur, lie Wartefrau ist draußen beschäftigt und wird unS zunächst nicht stören." „Beracha, mein Kind, erzähle mir genau und ohne etwa» zu verschweigen, waS am ersten Tage Suckoth, in der Synagoge, zwischen dir und dem Capitän, der bei un» wohnt, vcrgefallen ist. D» brauchst nicht zu erröthen, liebe Tochter, alle Welt weiß, daß du eine tugendhafte und fromme Frau bist." Sie setzte sich Ihrem Vater gegenüber und erzählte Geitau die oben berichteten Thatsachen. „Du bist ei» Schatz, köstlicher al» Perlen, für deinen Mann, und eine Krone deS Ruhmes für deine Eltern Der Ewige gieße di« Fülle seine» Segens über dich au». Nun habe ich dich, liebe Tochter, um eins zu bitten" „Lieber Baier, ich stehe dir zu Befahl." „Der Eapiiän bittet dich tausendnial um Verzeihung. Wen» du ihn vorhin gesehen hättest, wie er sich härnite, heize Thränen vergoß, wenn du seine lebhafte Reue über die tir zugesügte Beleidigung kenntest, wenn du eine Joee von der Unruhe und den Gewissensbissen hättest, die sich auf seinem Gesichte aussprechen, so würdest du ihn, gewiß verzeihen. E» ist immer edel, dem Beleidiger zu verzeihen, wenn er aus» richtig bereut und nur i» einem Augenblick der Versuchung schlecht gehandelt hat.— mag die von ihm auSgegangene Beleidigung oder Kränkung auch noch so schwer gewesen fein " „Ach, lieber Vater, ich verzeihe ihm ja von ganzem Herzen." R. Jakob Aron lhat, wie er versprochen hatte, ging Abends zu dem Eapitän hinauf und sagte zu ihm: „Die Frau, die Sie so unbesonnener Weise gekränkt und > erschreckt haben, ist meine Tochter, sie gewährt Ihnen ganz und gar Verzeihung." „Himmel, rief der Capitän, so habe ich also Sie selbst beleidigt, würdiger Rabbi. Sie und Ihre ehrenwerthe Familie, die ganze brave Gemeinde. Welche Schmach und Schande! Wäre ich lieber an dem Sturze tobt geblieben, al» daß ich e» erlebe, so beschimpft vor Ihnen zu stehen. Wenn ich .... Der Rabbiner unterbrach ihn mit den Worten: „Herr Eapitän, ich habe meine Tochter mit Ihnen auSgesöhnt, damit ist die Sache erledigt. Sprechen wir über die Geschichte kein Wort mehr, so wird sie bald in vollständige Vergessenheit versinken. Da, — Sie haben mich ja gebeten. Ihnen die wundersani« Frucht zu zeigen, die sie in der Hand hatte, — da ist sie; ich schenke sie Ihnen, sie soll ein Zeugniß der Aussöhnung zwischen Ihnen und meiner Tochter sein." „Ich danke Ihnen, tugendhafter Rabbi, diese Frucht soll mir eine Reliquie sei», ich werde sie zeitlebens aufbewahren." „Die erste Schwierigkeit ist nun beseitigt, jetzt sagen Sie mir, wa» da» für ein zweiter Gegenstand der Unruhe urd Beängstigung ist, der, wie Sie heute morgen mir sagten, Sie drückt, oder da» GewiffenSbedenien, welche» Ihnen am Heczen liegt." „Lieber, hochherziger Herr Rabbiner, ich habe Ihnen bereit» erzählt, daß ich von adliger und reicher Familie bin, daß ich schon lange keine Mutier mehr habe, und daß ich meinen Vater seit einem Jahre verloren habe. Wir sind vier Geschwister, zwei Söhne und zwei Töchter, alle find vecheirathet, bi» auf mich, ich gehe jetzt in» achtundzwanzigsle Jahr. Aber ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß ich väterlicher Seit» ursprünglich au« einer jüdischen Familie herstamme. Jetzt bist ich fest entschlossen, zu diesem Glaube» meiner Ahyen zurückzukehren, und ich kann keine bessere Gelegenheit finden, mich in den Lehre« desselben unterrichten jtt lassen und in den Bund der Gemeind« Jakob» einzutrete r, l al» hier bei Ihnen." (Fortsetzung folgt.)

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