Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 41.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/5369809-5935028-5935814--2351-5371843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hosmeistei style uns arme Juden ob unserer gar eigenthümlichen Religionsgesetze und Gebräuche von Zeit zu Zeit abzukanzeln, uni den verwöhnten Gaumen der diversen Leser zu kitzeln, uns gleiebzeitig ein klein wenig lächerlich zu machen — da niußte nun freilich bas allen Juden noch mehr ober weniger heilige Neujahrsfest Rosch-Haschana und sogar der Joinkippur herhalten, und während sich minder anspruchsvolle Journalisten damit begnügten, die jüdischen Jomiin-noroim zu halbwegs verdaulichen leichtgewürzten Jeuilletonsarlikel» zu verarbeiten, oerstieg sich ein vielgelesenes „demokratisches Organ" gar bis zu einem Leitartikel unter der Ueberschrifl „das Hauptbuch des Himmel»", in welchein »us den heterogensten Ingredienzen, als da sind: Zchofar, Gerichtstag, Wallfahrt nachLourdes, Groß-Rabb i n e r Isidor, Jesuiten, ein journalistischer Brei zusamnien gerübrk wird, der an Unverdanlichkeil seiueS Gleichen sucht, »nd der end ich garuirl mit der bescheidenen Aufforderung, mit deni Roich-hasmana tabula rasa ju machen, den Lesern in echten ReformiruugS Hautgout präsenlirt wird. Fürwahr ein „demokratisches Organ" ihäte besser daran, das religiöse Gefühl im Volke zu schonen, und es zu jener geistigen Selbstständigkeit zu erheben, die noch allezeit durch richtige Anschauung zu dem Postulale gelangt, daß wahre Bildung sich mit positiv religiösem Leben gar gut verträgt. Im böhmische» Israel, das doch gewiß in Religionssachc» nicht allzu scrupulöS ist, hat das frivole Hineinziehen jüdischer religiöser Festtage in das Labyrinth des polilischen und socialen Charivari einen peinlichen Eindruck gemacht, man empfindet es eben schmerzlich, daß während die Herren Feuilletonistkn de» WeihnachlS-Christabend alljährlich verhimmeln, de» Oster- und Pfingstlagen mehr oder minder poetisch angehauchte Ärtike widmen, sie bloß u n s < r c hohen Fest- und Feiertage, bloß n »se re jüdischen Satznngeu als profanei., vogelfreien, recht pikanten Stoff zu witzigen Causerien annectiren und die ätzende Lange des Spottes über dieselben ausgieße» zu dürfen glauben — „habeant sibi!“ Daß die glücklich heimgekehrten österreichischen Nordpolfahrer mit einem ungeahnten außerordentlichen Enthusiasmus, unter allgen einem Jubel empfangen wurden, würde ich als durch die Journale genügend bekannt geioordeu in diesen gesch. Blättern nicht erwähnen, wollte ich die Leser nicht auf den Umstand au merksam machen, daß der die Expedition begleitende Schifssarzr Dr. Kepes, dessen beispielloses aufopferndes Streben viel zum Gelingen des Unternehmens beigetragen, ein Ui gar jüdischer Confession ist. Ein blutjunger Doctorsohn wohlhabender Eltern, trieb ihn reger Wiffensdrang und Thateniurst, zu dem Entschluffe, sich der Rordpolexpedilion adjung re» zu lasten, und seine Hingebung, seine Tüchtigkeit und ein unerschrockenes Wesen, hat aberntalS den Beweis geliefert, daß auch der Jude, wo cs sich um edle hohe geistige Jntereffen handelt, den Gefahren, ja dem ihm in tausend schr-cklichen Gestalten entgegrngrinsenden Tode, muthig in» Angesicht zu schauen vermag. Lemberg Die Etatthallerei von Galizien hat ein Circularschreibcu ar. die Bezirkshauptleute in Betreff der jüdischen Privat- und Winkelschnlen der s. g. Chadurim*) (so schreibt man, indem inan das jüdisch-deutsche verhunzte Hebräisch noch einmal verhunzt) erlaffen. Davon wird nur die Einleitung, die Schilderung der fraglicheir Institute lesenSwerth sein, denn waS mit den gegebenen Instructionen rc. bezweckt sein soll, vernlögen n>r nicht abzusehen Es heißt also daselbst: „Seit uralten Zeiten existiren in unserm Lande jüdische Winkelschul« n sog. Chadurim Jedes Städtchen, ja sehr häufig auch ein Dorf, wenn e» eine israelitische Bevölkerung hat, Hot auch ein Chajoer; in den Ortschaften mit einer zahlreichen jüd.schen Bevölkerung gibt eS gewöhnlich mehrere solche Chajter». „Diese Winkelschnlen besmhe» die jüdischen Kinder von •) Do« Bort «rinnert «n yant antlH 3*f. 46, J. bai t«m i »ach «er «»t. Dies« Ihiwuri« gleich »,chm" «serstet^ Maychokreft«. j 4. bis zuni 10. LebenSjabre. In engen schniutzigen dumpfigen Stuben versammeln sich 15 bis 25 Kinder und bringen dort den ganzen Tag zu. Ein Bester, in der Regel auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stehend, ertheilt den Kindern den Unterricht, ivelcher mit einem mechanischen Lernen deS HebräischleseuS beginnt; hierauf folgt das Lesen der Bibel im Urtexte und deren Uebersetzung auf eine den Kindern (un-?) verständliche Sprache. „Die Kinder, welche diesen Unterricht bereits geendigt, gehen in die Chajbers zweiter Klaffe über, in die sogenannte Talmudschule, in welcher der Talmud der Hanptgegenstand bildet. Mil»,iler werden in de» Chadurim die Kinder außer in den obenerwähnten Gegenstände» »och im Rechne», deutsch Lesen und Schreiben, und anderen Eleinentargegenständen untcrrickitck. Auch de» Unterricht in diesen Gegenständen erlheilen die Lehrer mechanisch, da sie selbst nicht die erforderliche Bildniig besitze». ES unterliegt keinem Ziveisel, daß die i» Frage stehenden jüdischen Winkelschnlen, in dem Zustande, in welchein sie sich jetzt befinden, einen sehr schädlichen Einfinb auf die sie brsnchende Jugend ansübe», und dies sowohl in physischer wie in intelleclueller Beziehung. Die engen, schmutzigen und dumpfigen Lokalitäten, in welchen die ChajderS gewöhnlich unterbracht sind, wirken schädlich auf die physische Entwickelung deS Kindes, und die Kinder den ganzen Tag in solchen Schulen zubringen zu lasten, widerspricht den ersten Grundsätze» der Hygiäne, so daß schon sanitätSpolizeiliche Rücksichten entschieden fordern, diesem Uebel abznhelsen; das mechanische Eiuleruen in den Chajbers trägt ferner zur Erstick:ng Anlage» der Kinder, der geistigen bei, anstatt sie zu entwickeln Es verdienen diese Schulen unisomehr unsere Ausinerksamkcit. da ein bedeutender Theil der sie be uchenden Kinder mit dem hier empsangcnen Unterrichte ihre Ausbildung abschließe». Eine sehr große Anzahl israelitischer Kinder besucht iveder die Volksschulen, noch erhalten sie privat im einen für diese Schulen vorgeschriebene» Unterricht und entziehen sich so dkm Schulzwange; zum Schaden der israelitischen Bevölkerung wird so da» Gesetz der betreffs der Einführung de» Schulzwanges verletzt." Nun folgen langathmigc Verordnungen und Weisungen. Die BezirkShauptlcute sollen strenge Aufsicht führen. Alle jüdischen Kinder im schulpflichtigen Alter sollen entweder öffentliche Volksschulen besuchen oder solche Privatschulen, welche dem Gesetz entsprechen. Zu dem Behufe soll jeder Chajder- Lehrer und jeder, der fortan eine Privalschule gründen will, sich über seine Befähigung auSweisen und zwar-durch ein Attest von seiner CultuSgemeinde!! — An dieser Probe hat man wohl genug. Wenn daS Reicript nicht im vollwichtigsten Canzleistile gehalten wäre, so könnte mau eS für eine Parodie halten. Frankreich. Paris. (An» dem September-Berichte der All. Jsr. Univ.) Ueber die Verhältnisse der Israeliten in Rußland hat das Crntral-Com-te verschiedene Berichte erhalten, welche Folgender besagen: Man hofft zuversichtlich, daß die russische Regierung sich die Verbreitung de« Schulunterricht» unter den Juden sehr angelegen sein lassen wird; eine Einmischung ausländischer Israeliten zu diesem Behufe wird ebenso unnütz wie unmöglich sein. Man glaube auch nicht, daß die Israeliten in Rußland selbst den Werth der Schulkenntniffe unterschätze». Die Zeiten haben sich geändert. Jeder weiß, daß man di« Landessprache, daß man lesen, schreiben, rechnen, etwa» Geographie u. s. w. lernen muß Seitdem die Regierung de» Juden für den religiösen Unterricht freie Hand läßt, wird der weltlich« Unterricht in den Elementarschulen gesucht, und durch da» neue Militärgesetz werden die Schule» sich ganz gewiß sehr «ehre» und verbrffera. Luch fehlt e» nicht an Geldmittel, ju diese» Zweck«. Regierung svweht »t» - Gemeinden besitzen deren zur Genüge; t» ist also gm, «f