Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 34.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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360 — vier »och um Lebt» lind. Seit dieser Zeit wurde sein Ber» mögen durch vier auf einander folgende Vormunde verwaltet, die au» seinen niulhmaßlichen Erben gewühlt waren und welch« »hi» eine monatliche Pension von 75 Franc« und spater 100 Franc« verabfolgte» Diese bescheidene Pension war nicht hinreichend sur seine Person, sowie für seine Frau und zahlreichen Kinder. Ec sagte sich aber in da« ihm von seinen Settenvermandten bestimmte Schicksal, bi« er vor einigen Monalen sich entschloß, die Aufhebung seiner Bevormundung zu verlangen. Nach Erfüllung der durch da» Gesetz vorgeschriebenen Formalitäten erklärte da« kaiserliche Landgericht von Muhlhausin, im Unheil vom 25. Juni, enigegen der Meinung der Mehrheit de« Familienraih«, welcher au« inuthmaßlichen Erben de» Wolff zuiauiinengesetzl ist, nach einer gepflogenen Untersuchung, au« welcher heroorging, daß Wolff im vollen Besitze seiner Geisteskräfte sei, denselben der BevoglUiig ciilhoben. Mit Rücksicht aber auf leine Gebrechlichkeu und sein hohe» Alter gab e« ihm einen RechtSbeistand in der Person de» Herrn Bernhard Goldjchmidi, Handelsmann rn Muhlhanje». Durch Versügung vom 26. Juni autorisirte der Olerpcokurator, mit Rücksicht darauf, daß e« a» der Zeit sei, die Kinder, welche an» der Ehe des Wolff mit der Luise Levy hervorgegangen sind, zu legitimiren, den Bürgermeister von BlotzheiNi, die Cwilehe nach einer einfachen Publikation vorzunehmen, welche am Sonntag, den 28 Juni, stallgesunden hat. Wie gesagt, fand die Hochzeit am 1 d. M. statt, und die vier Kinder Wolff» wurden zu gleicher Zeit legitimirr und sind nun die rechtmäßigen Erben ihres Pater«, während ohne diese Legitimatiou seine Seitenverwandten die legitiuien Erben gewesen wären. (Jnd. Alsac) Oesterreich. 6 Prag, 28. Juli. (Or.-Corr.) In der Sauergurkenzeit können die Berichte aus der Landeshauptstadt nur mager auSfalleu; in den Landgemeinden aber geht es desto lebhafter zu, da jetzt der sogenannte Entscheibungsmonat heranruckt, wo über las Bleiben oder Entlaffen der Lehrer entschieden wird. Die k.einern Gemeinden zeichnen sich in Böhmen, wie auch anderioärt», dadurch aus, daß sie bezüglich ihrer Beamten sehr du Veränderung lieben, und da in unserem Land« die israelitischen Gemeinden fast durchgängig zu dieser Kategorie gehöre», jo herrscht auch im Beamte»- resp. Lehrerwechsel eine nicht unbedeutende Rührigkeit. Die Stellung der jüdischen Lehrer in Cisleiihanie» bat sich überhaupt durch die neuen Schulgesetze, nach welchen jede confessionelle Schule vor dem Gesetz» nur als Privatschule gilt, verschlimmert; früher war jede Schme eine öffentliche, und die an derselben von der Gemeinde angefte Ilten Lehrer wurden als solche auch von der Stattha.teuer bestätigt, konnteii also nicht so leichterding« den Lauspuß erhalten; gegenwärtig aber hat der jüdische Vorstand da« alleinige Versügungsrecht, ein kleiner Zusammenstoß de« Lehrer» >».t dem Vorsteher, und die Kündigung ist fertig. Die arme» Lehrer waren unter solchen Umständen arg daran, wenn nicht der mit jedem Jahre fühlbarer werdende Lehrermangel als ihr rettender Engel erschienen wäre. Es ist leicht eine tüchtige Lehrkraft zu entl»iffen, die EoncurSauSichreibniig »»acht auch nur kleine Ausgaben, aber da sie oft wie eine Stimme >r der Wüste verhallt, die Zischlein nicht anbeißen wolle», uni» für die vacante Stelle sich keine neue Kraft meldet, so sieh: sich der Vorstand genüthigt, den Kündigungsuka» zurückzunehmeu; oft aber geschieht die« zu spät, der Lehrer ist schon arider weitig vergeben. Der Lehrermangel äußert sich besonder«, wenn es gilt, eine Lehrerstelle für den hebräischen Unterricht zu besetzen, da nmß man, uni eine tüchtige Person zu gewinnen, wie Diogenes ritt der Laterne am Hellen Tage herumsuchen, bei den junger» Lehrern findet man eine solche selbst mit hellbeleuchteter Laterne nicht, die jungen Jugendbildner betrachten da« hebräische Wifien für ihren Beruf als entbehrlich, gehen von der irrigen Ansicht au«, daß sie al« Pädagogen iuimerhür die Fertigkeit besitzen werden, in einem Gegenstände Unterricht tu erlheilen, wenn auch ihr Wiffen in demselben stch nicht über den Nullpunkt gehoben hat; ein Talclll, der sich natürlich bei den ersten praktischen Versuchen al« durchau« falsch Herausstellen muß. Wie dem für die Zukunft abzuhelfen ist — der hochachtbare, auch den Lesern diese« Blatte« rühmiichst bekannte Rabbiner vr. Ehrenlheil in Horste hat jüngst in einer Zeitschrift diese sehr wichtige Frage angeregt, doch ich erinnere mich nicht, daß er sie gelöst hat. Die Lösung ließe sich aber unschwer finden Wen» die jungen Leute tiefer blicken und die Rothwendtgketl erkennen möchten, daß da« hebräische Wiffen denn doch zu den unerläßlichen Attributen eine« jüdischen Lehrer« gehört, so haben die LehramlScandidaten in Prag vollauf Gelegenheit, sich mit den hebräischen Ditciplinen vertraut zu niacheu. Nebst dem öf» fentlichen Religionsunterricht, welchen sie erhalten, könnten sie durch den Besuch der hier bestehenden, von der Gemeinde erhaltenen Talmud-Thoraschulen ihr diesbezügliche« Wiffen bereichern, außerdem hat auch der Vorstand der israelitische« Landesjudenschaft in der Person de« greisen Herrn P. Spitz eine sehr tüchtige Kraft für den Unterricht de« Hebräischen für die Lehramtszöglinge bestellt. In den übrigen ini Lande bestehenden Lehrbildung«anstalten wird gewiß der bestellte Religionslehrer, welche» Amt gewöhnlich der Rabbiner bekleidet, gerne bereit fein, die angehenden Lehrer für ihren Beruf al« jüdische Lehrer heraitzubilde». Trotz des Mangels an tüchtigen Lehrkräften für da« Hebräische giebt e« doch viele Gemeinden, ivo die Schuljugend eine» ganz entsprechenden Unterricht in der Bibel erhält; diesen ertheilt größtentheil« der Rabbiner, namentlich in den höheren Klaffen, deffen Haupiwirken in de» kleinern Gemeinden sich »uf den Schulunterricht beschränkt. Da» Rabbineramt tst überhaupt bei der jetzigen Zerfahrenheit in den jüdischen Gemeinden keine Sinecure, war e« vielleicht niemal«, aber in den meiste» Landgemeinden Böhmen« wird denn doch zu viel auf die schwachen Schultern de« araten Rabbiner« gelegt: bei einem täglich vierbi» sechsstündige» Schulunterricht soll er noch das stets wache Gewissen der Genteinde sein, glänzende Predigten halten, eine» feinen Gesellschafter abgeben und noch viele andere Gemeindemizwoth beobachten, die der Gemeinde-Schulchan-Aruch enthält. Von einem Schulchan- Aruch (gut gedeckten Tische) de» Rabbiners im buchstäblichen Sinne aber kan» oft nicht geredet werden; selbst diejenigen Gemelnkeniitglieder, die >chon ihren ganzen Vorrath an jüdischem Wiffen vergessen haben, ciliren mit stannenerregender Geläufigkeit die Worte der Mischna: „Brod mit Salz sollst du effen u. s. w ", und gerade in diesem Punkte wetteifern sie mit einander, ihre strenge Observanz in den jüdischen Satzungen dem Rabbiner zu zeigen »nd bei ihm anzuwenden. Es ist allerdings wahr, die Gemeinde ist klein, ihre Leistungen können also auch nicht groß sein, aber dann sollten sie da« Gleich- - gewicht zwischen dem Soll und Haben besser beobachten und in ihren Ansprüchen gegenüber den Beamten sich etwa« mäßigen- Verhältnißmäßig am besten sind die Eantoren gestellt, sie sind sreilich sehr oft auch in der Schule beschäftigt, aber das wird mitgenommen, da« Eantoramt bleibt Hauptsache. Man muß es lobend anerkennen, daß die böhmischen Genieinden viel Sinn für die Hebung de« Gottesdienst»« haben, aber es geschieht hierin des Guten doch zu viel, wenn man zuerst an die Ausstellung einer Orgel, an die Einführung eines gemischten Ehoralgesange» und deutscher Lieder denkt, und in zweiier Reihe für Predigt und Ertheilung eine« entsprechenden Religionsunterrichtes sorgt oder auch nicht sorgt, al» wäre die Synagoge das Alpba und Omega de« Judenthums Sehr bezeichnend charakterisirt diese irrige Bestrebung die EoncurSauSschreibung der Eultusgemeinde Raudnitz: , sie sucht einen geschulten Eantor mit musikalischer Bildung, der zugleich Rabbiner sein soll. Also vor Allem Eantor mit musikalischer Kennlniß, und dann erst Rabbiner, al« wäre das rabbinijche Wissen eine Bagatelle, welche «an sich im Handumdrehen, vielleicht im halb schlafenden Zustand«, erwerben könne; wirb wohl ei» jüdische» theologpchs« lomea. ,