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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 33. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 33.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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heroorgehm würde. Es hat nur vielleicht Mancher Unheil geahnt, eS lag in der Lust; jetzt kennt jeder Tertianer den Arsammenhang der Tinge, er weiß daß jene« Attentat gleichsam das Signal zum Kriege gegeben hat, auch hat, unser- WiffenS, noch kein noch jo ernster und kritischer Forscher, jene Geschichte und deren BÄ>eurung als fable convenue bezeichnet. — Seit dem Kiifinger Attentat nimmt die Erbitterung und Verwirrung tagtäglich zu, die gegenseitigen Vorwürfe steigern sich, man glaubt Angehörige zweier Weltkörper mit einander streiten zu hören, soweit gehen die Ansichten, nicht nur über bestimmte Fragen, sondern über jede Basis einer vernünftigen L esprechung auseinander. Was dem Einen ein Axiom ist, ist den» Andern Wahnwitz, was der Eine als klares Natur- und Vernunftrecht hinstellt, nennt der Andere schreiendes Unrecht. Weiter wollen wir nichts gesagt haben. Unglücksprophet einst gewesen zu sein, ist nicht unser Wunsch, als narrischer Lügenpropher jetzt verlacht zu werden nicht unser Begehren. Auch schreiben wir keine theologftch-politischen Blätter. Aber auf eine andere Nutzanwendung wollen wir Hinweisen: sie liegt sehr nahe und ist wirtlich nützlich für Juden. Die gestrige hiesige „91 3t Z." brachte den Brief eines Abgeordneten der Eenirumsfraction an einen Freund und Kollegen von der liberalen Seite. In die>em Briese, der morgen >chon die Runde durch die meisten Zeitungen machen wird, heißt es ganz vorn: Irgend ein Lump wagt sich an das Leben des ersten Reichsdeamlen heran, und weil dieses Buben Eltern katholisch find, werden wir Katholiken für den Kissinger Mordversuch verantwortlich gemacht Sage mir: ist das, von dem Unlogischen abgesehen. an,ländig? Um Rullmann's wegen hat man uns Alle in die Acht erklärt, ich komme mir seitdem wie vogelfrei vor, wie ein Mensch, der gar nicht mehr Anspruch hat auf Achtung und gesetzlichen Schutz." — In ähnlicher Weise haben seit dem 13. Juli schon viele Katholiken geklagt; kein Ehrlicher und Nickstoerblendeter wird in Abrede stellen, daß diese Klagen höchst gerecht find. Wir Juden speciell aber brauchten uns eigentlich nicht gar sehr zu schämen, wenn wir ein ganz klein wenig Schadenfreude darüber empfänden, daß auch einmal andere Leute, die es an uns oft erdient haben, fühlen, wie das thut, wenn ganz schuldlose Menschen für die That eines Lumpen verantwortlich gemacht und in die Acht erklärt werden. Und doch handelte es sich hier um eine Schandthat, die wenigstens auf kurze Zeit das ruhige Urtheil trüben konnte. Wie viel tau,endmal aber ist die Gesammiheit der Juden verantwortlich gemacht worden, weil irgend ein Lump, dessen Eltern Juden sind, ein blindes Pferd verkauft, eine gestohlene Hose gekauft oder eine Schuldverschreibung von fünf Thalern gesät,chl hat Sagt doch der große Haufe v o n v o r n herein bei solchen und ähnlichen Vorfällen gar nicht „der R. R." sondern „d i e Juden". Und überwallender Zorn, empörtes sittliches Gefühl dieni doch da nicht als Entschuldigung des „unlogischen und unanständigen" Urtheils. Wir unterdrücken jedoch die Schadenfreude, gerade bei so ernstem Falle, gern und leicht; aber wir wollen es uns merken, zur Nutzanwendung; an Gelegenheit dazu wird es ja doch nicht fehlen. Au» Beulhen (O-Schl.) berichten die Zeitungen unter dem 20 Juli: „Der Sohn nues achtbaren Bürgers von hier, des Kaufmanns B' . , ha: vor kurzer Z.it in Bayern mit einem jungen handel'ü bugen Bruder Sinrio ein Duell, zu dem er mit Absicht deransg fordert war, bestehen-müsien, taS wohl ganz gegen ven Willen des Beleidigten mit dem Tode seines Gegners entere. Der junge Bl., ern äußerst befähigter junger Manu, Halle in Breslau stucarl und war vor Kurzem nach Leipzig gegangen, uul dor: se.ne Studien forlzusetzen Leider kam er hier mit einem jener jungen Leute zusammen, die jede Gelegenheit an den Haaren derbeizuziehen trachten, um nur „anzudinden". So geschah eS auch mit Bl., dem er solche erbärmliche Rebeusarirn in Bezug auf je nen Glauben au de» Kopf warf, daß dieser gezwungen war, den Beleidiger zu fordern. Das Duell wurde aus Pistolen verabredet und sollte nicht in Leipzig, sondern an einem kleinen Orte i» Bayern stattfinden. Duellanten und Secnndanten reiste» dahin ad. und obgleich Bl. noch auf dem Kampfplatz« bereit war. seine Forderung zurückzunehinen, fall« sein Gegner Ab- > bitte leiste, so ging derselbe auf diesen Vorschlag nicht ein, sondern drstand aus dem Duell uiid büßte nach wenigen Minuten seinen Leichtsiu» mit dem Tode." Es war leicht zu errathen, daß der hier erwähnte Studiosus Bl. ein Jude fei, und daß eS sich um eine Beschimpfung desselben als Jude gehandelt habe. Wir habe» aus bester Quelle erfahren, daß eS jo ist, dazu noch einige nähere Umstände, die jedoch an der Darstellung im Ganzen nichts ändern — In studentischen Kreisen kommt Beleidigung de« jüdischen Commilitonen seiner Religion wegen äußerst selten vor; wie die Dinge zur Zeit noch liegen, ist dann Duell meist unvermeidlich, auch in der Regel nicht gefährlich und nicht tragisch un Ausgang. Schon vor 1866 wurde erzählt, daß Bismarck als Eorpsburjche mi. einem jüdischen Studenten, der, ivcnn wir uns recht entsinnen, Wolf genannt wurde, an einander geraihen war uud gehörig „abgeführt" wurde. Das hat sehr heilsam auf ihn gewirkt, denn BiSmarck ist wohl vor seiner Umwandlung ein prinzipieller, politischer Gegner der Juden gewesen, aber von dem pöbelhaften oder kleinlichen Haffe war er schon 1847 frei. Ihn wie inanchen Andern hat ein Rencontre ans der Universität und ein gut angebrachter Hieb davon curirt. So ist auch, beiläufig, Fritz Reuter um einiger Späße in seinen Dichtungen willen und wegen einer in nicht ganz nüchternenl Zustande verübten Rec« noch nicht unter die Judenfeeffer zu rechnen. Cr war in zu treuer und alter Freundschaft mft seinem „Doctor Michel" (Sanft -Rath Dr. Michael Marcus in Anclam) verbunden, un» das sein zu können Pnnitz (Prov Poie»), 31. Juli (Or.-Corr.) Wir haben schon mehrfach in Ihrer Wochenschrift gelesen, daß Juden an israelitischen Feiertagen von den Gerichten zuni Termin oorgeladeu worden sind, und daß mehrere sich in solchen Vorfällen an den Minister haben wenden müffen Aber folgender Vorfall ist noch nicht vorgekommen (?) uud verdient wohl bekannt genacht zu werden Vor Ostern d. I. war hier ein durchreisender Bettler, dieser versuchte an mehreren Stellen eineu Thaler zu wechseln, nahm das erhaltene kleine Geld und steckte den Thaler wieder ei», behauptend, daß er einen solchen bereits gegeben habe. Dieses Gaunerstackchen versuchte er auch bei mir; er wurde abgefaßl, und ich wurde alS Zeuge oorgejchlagen. Ich erhielt ionach am siebenten Peßachtage eine Vorladung vom Kreisgerlchte Rawi:jch, am folgenden Tage daselbst zu erscheinen. Di« Entfernung von hier dorthin beträgt 2'/, Meilen. Ich ließ sofort vom hiesige» Bürgermeister eine Eingabe machen, daß ich heule weder schreiben, noch heule oder morgen nach Rawitsch reisen dürfe Nach einige» Tage» wurde ich zu einem aul>ermeillge» Termin geladen und wurde zugleich, wegen Verabsäumuug des ersten zu zwei Thalern Strafe verurtheilt. Ich führte beim ersten Richter, beim Kreiegerichtsdirecior in Rawitsch und beim Appellalionsgerichte in Posen Beschwerde, wurde aber adgewiesen. In einer Umersuchungssache gegen einen Betrüger sollte tch meinen Feiertag verletzen, während man den Betrüger selbst an seinem Feiertage in Ruhe läßt! — Hier handelt es sich nicht um die zwei Thaler, die ich schon bezahlt habe, aber eS kan» doch auch vorkomulen, daß inan den Eantor vom Betpult, den Rabbiner von der Kauzel wegholt, wenn man sie z. B. am ersten Reujahrslage vorladet, am zweiten 10 Meilen entfernt ein Zeug- »lß abzulegen (Mit dem persönlichen Siftiren geht es doch nicht so schnell! Red.) Der Richter behauptet, daß es das preußische Gesetz so bestimme. Rach meiner schwachen Einsicht müßte dieser Vorfall un» veranlassen, in höheren Instanz« Abhülfe zu suchen; eS gibt doch keinen wichtigeren Punkt,«» für die Freiheit und Gleichheit des Judenthum» zu streb«, . als daß man für Abschaffung eines solch« Gesetzes wirke. —-gj

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