Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 24.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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— 196 — gen. Dari« wird unter Luderem alt Borwurf hervorgrho» den, daß da« Eomite mü dem Rabbiner Gesundheit in einer Sprache verhandelt«, die Letzterer nicht verstand, (man sprach mit ihm Polnisch, während Herr 9. nur „Jüdisch* versteht), daß die Reformer mit den Ehasfidäern sich gegenseitig die Hände gereicht, daß e« im Eomite Männer giebt, die — doch was soll ich Eie mit politische« und patriotischen Verdächtigungen hier behelligen? E« bleibt jedenfalls ein tragikomische« Eharacteristikum für diese Partei, daß anstatt ihre Kräfte nach Innen zu verwerthen, und nach ihrer Meinung die Leute „zu beffern und zu bekehren*, sie e« vorzieht, die Sünden und Fehler de« eignen Hause« dem LuSland« zu verkünden, und den fröhlichen Wienern durch polnische Broschüren nn schlechten De«sch den Humor zu verderden. Doch «ollen wir uns über dies« Finsterlinge nicht allzusehr grämen; ste find die Schatten der fiirheuden Rächt, welche da« Licht desto mehr illuftriren, fie find die naturgemäßen Rachftürme de« Winter«: Und wenn fi« auch maiich« Blüthen mit ihrem kalten Hauche ertödten, so find sie doch nich nicht vermögend, da« gewaltige Drängen und Sprossen de» jungen Frühlings mit seinen zahllosen Blüthen und Knospen völlig auszuhalten; Und driut der Wmter »och so sehr, Rit grimmigen Geberden, Und streut «r Ei« und Schnee umher, E« muh doch Frühling werden. Darum hoffe ich, daß trotz aller Hiuderniffe und Machinationen auch für unser Gemeindeleben der Lenz endlich erblühe» wird, und alle schlechten Schriften und Flugblätter werdest un« über sein Blättergrün mit der Gottesschrist nicht täuschen. Iknwäxien. Jaffy, 27. April. Di« Ernennung de« gewesenen Profeffor« und Kammerdeputirten Mus LioiuS MajoreScu zum Kultus- und UMerrichtsmiuister ist vor wenigen Tagen durch den „Monitor ofsicial* publicirt worden. Mojorescu zählt zu seinen Gegnern, die noch immer einslußreichen Führer der rochen Partei. Er hat allzeit eine derttsch-freundliche Richtung ln all seinem Thun und Lassen, in seiner Denk- und Schreibweise verfolgt, weswegen er auch so ziemlich oft der Gegenstand unverschämter Angriffe in unserer vaterländischen Journalistik war, und die« namentlich als Müarbeüer der hier erscheinenden ,6ourerbori literare* (Literarisch« Besprechungen), die bei jedem Anlaffe die deutsche Lileratur nach Geblchr würdigen. M ist überdies ein liberaler, freidenkender Mann von Geist und — Fachbildung; letztere Eigenschaft konnte man nicht jedem Ressortminister bei uns nachsagen, denn wir sahen schon in unserem Vaterland« Landwirthe auf dem Justizministrrsauteutl und Marsjünger auf dem des Unterrichts sitzen, wie z. B. den General Tell, den unmittelbaren Vorgänger M'S. Rumänien kann sich somit zu seinem neuen Unterrichlsmtnister graluliren, denn er hat daS Zeug dazu, unser beispiellos verwahrlostes Schulwesen auf eine menschenwürdige Stufe zu heben. Uebrigens wird man gut thun, nicht zu viel zu erwarten. Tenn wer in aller Welt hätte eS dem freisinnigen Premier Lasear Catargiu, wer dem Minister des Aeußern, dem vollendeten Weltmanne t oereSco zugeiraut, daß gerade unter ihrem Regime und ihrer Aegide ein Gesetz gegeben werde, so grausame, aller Eivilisation hohnsprechende Bestimmungen enthaltend, wie das über die Spirituosen, welches den Juden auf dem flachen Lande verbietet, geistige Getränke auszuschenten? Und dieses Gesetz tritt schon mit dem 8. nächsten Monats in Kraft und Wirksamkeit und wird, allen Aussichten nach, strenge und unbarmherzig gehandhabt werden. Wir sehen nun demzufolge tausende Mischer Famllim, die sich von dem Verkaufe geistiger' Getränke kümmerlich aber' ehrlich ernährt, an den Bettelstab gebracht und buchstäblich am Rande der Verzweiflung. Aller Mittel entblößt, aus chren jetzigen Wohnorten, srttlich mittelbar, ausgestoßen, was können diese bedauernSwerthen Geschöpfe beginnen, um den Ihrigen ein Stück trockenen Brodes bieten zu können, denn mehr hatten fie — bi« auf einige, wenige Ausnahmen — auch früher nicht. Wohl gibt da« Spirituosengefetz dem Bemittelten da» Mittel in die Hand, dieses selbige Gesetz in aller Form Rechtens zu umgehen — aber nur dem Bemittelten, der frellich dann nicht darauf angewiesen ist, in einer elenden rumänischest „Dorfschänke* sein Dasein mühsam zu fristen. Die Sach« verhält sich wie folgt: die Spirituosenlizenzen theilen sich in zwei Klaffen: di« erste Klaffe zahft 1600 Franc« jährlich und involvirt das Recht des Verkaufs im Großen und im Einzelnen, sowohl in der Stadt als auch auf dem flachen Land«; während dir zweite nur 400 Francs kostet und den Detailsverkauf in der Stadt den Debitanten ohne Ausnahme der Confessio» gestattet, in den Dörfern aber nur denjenigen, di« Communalrecht« haben. Da solche den Juden in dem „konstitutionellen* Rumänien nicht zustehen, so ist den Landjude» dadurch das Brod förmlich vom Munde weggenommen. , In demselben Lande nun, wo man dem Juden nicht da» kleinste Recht gewährt, wo man ihm bei jeder Gelegenheit moralische und physische Fußtritte versetzt, wo man ihn immer und immer wieder als Fremden bezeichnet — in demselben Lande verlangt man von ihm die Blutsteuer, dem Gesetz« zum Hohn, welches lautet, daß die rumänische Armee nur aus Rumänien pur saug zu bestehen haben. Demgemäß wurden bei der letzten Affenttrung bloS hier in Jaffy nahe an die 150 Juden affentirt. Im Ganzen wurden heuer 19,000 Mann für die aftive Arme« auSgehob«^ eine Ziffer, die im Berhältniffe zur Bevölkerungszahl und zur Stellung, die heute Rumänien einnimmt, geradezu eine horrende zu nennen ist. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Der hies. Vorstand erläßt einen „Aufruf*, um milde Gabcn für die abgebrannten obdachlosen Glaubensgenoffen in Eonstantinopel. Bromberg, 21. Mai. Der Kaufmann Levy in Jnowraclaw reiste geschäftlich am Himmelfahrtttage nach Pakosch. Unweit der Stadt begegnete ihm eine Prozession, L zog sein« Mütze und grüßte den Geistlichen, setzt sich dieselbe aber wieder auf und fuhr weiter. Plötzlich wurde er von mehreren Personen au« dem Prozessionszug« überfallen. Sie hiebe« auf ihn ein, nicht blos mit Stücken, sonder» auch mit den Stangen der heiligen Bilder. Blutig und bttäubt fiel er auf den Wagenntz. Durch da« wüthendende Geschrei der fromme» Menge wurden die Pferde scheu und gingen durch. Dieser Umstand rettete den Kaufmann vor weiteren Insulten. (Bromb.-Ztg) — Die Wahl des Stadtraths und Banquier« Dagobert Friedländcr zum Mitglied« de« Herrenhauses auf Lebenszeit ist durch Allerhöchsten Erlaß genehmigt worden. Pose», 26. Mai. Die Errichtung eine« dritten Gymnasiums in unserer Stadt, welches bei der außerordentlichen Uederfüllung der bestehenden beiden Gymnasien wohl längst eine Rüthwendigkeit war, ist, wie uns mitgetheilt wird, a« brlr. Stelle von dem Oberbürgermeister Kohlei« lebhaft befürwortet worden, und dürften die Bemühungen deffelbrn um Errichtung eines Simultan-Gymnasiums in unserer Stadt wohl nicht obne Erfolg sei. Lubltnttz, 23. Mai. Die städtische Schuldeputatiou hat in der Sitzung vom II. er. die Bereinigung der hiesige« Elementarschulen (der katholischen, evangelischen und jüdische») zu einer Simultanschule vorgeschlagen. Die Anfang« heftige Opposition des katholischen Psarrtr«, des evangelischen Pastor» und eines Mitgliedes der Schuldeputation jüküscher Confessio» wurde durch die gründliche und einleuchtende AuSeiuaudersetzung über die Vorzüge der Bereinigung aller drei Elemeutar« schulen zu einer Siumltanschule von Seiten de« Kreisschul»