Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 14-15.
- Article
- Beilage zu Nᵒ 14-15.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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■ f<- , i. ' •:nn.i -■9 Feuilleton. Da» Mädchen von Langer.*) In Langer, einer Hafenstadt de» Kaiserihnn» Marocko, lebte «in jüdische» Ehepaar, da» sich unter dürslig» Berhältniffcn immerhin anständig ernährte. Hajim Hachuel. so hieß der Mann, plagte sich von früh bi»' spät auf der Straße mit Hausirhandel, wobei er von seinem fast «rivachsenen Sohn« Aachar unterstützt wurde. Aber da» Glück wollte ihrem Fleiße nicht lächeln, so daß der Erwerb de» Handel» kaum für di« Familie hingereichl hätte, wenn nicht Hachuel» Weib, Sinicha, eine jo kluge und unermüdliche Person gewesen wäre Denn nicht nur, daß sie mit Hülse ihrer Tochter alle häuslichen Arbeiten selbst verrichtete, die beiden Frauen benutzten auch jede Mußestunde zur Anfertigung oon Handarbeiten, intbrsondere von künstlich geflochtenen Drathgürieln, die bei den Damen de» Lande» sehr beliebt sind. Diese Tochter war im Jahre achizehnhundert rin und dreißig, in welchem diese Geschichte sich ereignete, siebzehn Jahre »lt und von so wundervoller Schönheit, daß die Sage ging, die Juden würden um ihren Besitz von den Maurer, beneidet. Ihre Eltern batten sie Esther genannt nach der Matter ihre» Valer», die in ihrer Jugend, wie die alten Leute in Tanger sich noch wohl ctinmruu, eine» ähnlichen Rufes genossen hatte. Dem schönen Kind« wollte die stete Beschäftigung uicht behage«, sie hätte gar zu gerne dann und wann rin herzliche» Geplauder mit einer Gespielin gehabt. Ost, wenn sie i>» Hose bei chrec Arbeit saß, während die Mutter im Hause beschäftigt war, ließ sie die Hände in den Schooß sinken und blickte gedankenvoll zu dem blauen Himmel empor, der sich prächtig über ihr wö b:e. Sie dachte an den wunderbaren Garten, den sie einmal besucht, mit seinen Rosen und goldgelben JaSminbüschen, mit seinen pupurnen Trauben, die am Rohrgeslecht emporrauklen und an da» liebliche Thal vor der Stadl, von drm krystallhellen Bu-Sefa durchströmt, wo sie zuweilen an Festtagen mit den Ihrigen unter blühenden EÜronen- und Orangenbäumen gewandelt, wo sie gern ein Blümchen ain Ufer gepflückt hätte nach Art junger Mädchen. Aber Simcha war streng. Sie liebte nicht unnütze Worte, noch wußte sie, wa» Zeitvertreib sei. Esther durfte da» Hau» nicht oerlasien, selbst am Sabbath nicht, denn ihre Mutter hatte vergesse», wie einem Kinde von sicbenzehn Jahren zu Muthe ist. Unter diesen Umständen war Esther einer Bekanntschaft froh, die sie sonst nach den Boniriheilrn ihre» Volke» verschmäht hätte. In ihrer Nachbarschaft wohnte ein Maurisches Weib, das sich rühmte, alle Neuigkeiten der Stadt, von denen die arme Esther sonst kein Sterbenswörtchen zu hören bekam, au» erster Hand zu besitzen. Dazu war e« dem Mädchen, wenn e» bei sinkender Sonne ein Paar Minuten vor di« Thür schlüpfte, ein süßer Trost, sich von Tahara. so hieß die Maurin, bedauern zu lassen; ja, wenn sie erzählt hatte, wa« sie den Tag über von früh an halte schaffen müssen, wenn dann dir mitleidige Tahara voll Erbarmen die Hände über den Kopf zusammenschlug, so wurde da» gut« Kind ganz gerührt und fing an zu glauben, daß ihr Schicksal wirklich bejammern» merth fei. Wir mußte e» auf diese» schon überspannt« Gemüth wirken, al» die Mutter eine» Tage», sei e« an« übler Laune, ,«t es au» gewohnter Strenge, da« junge Mädchen wegen Zeines, wie diese glaubte, unbedeutenden Versehen» hart au«- schalt, ja, mit Schlägen bedrohte Außer sich vor Singst und Entrüstung stürzte sie au» ihrem väterlichen Hause and suchte instiuktmäßlg der ihrer Freundin Schutz. Die Maurin erhob sich erschreckt, al« Esther mit lautem Schluchzen in ihr Zimmer gewankt kam und jammernd neben sie auf da» Polster sank. *) Xu» «. tzerzberg » .Jüdisch« FamUienpaPiere." ($<w*utj, Otto Stcifan.) Da« fehlt meinem GoldNnd t rief Tahara, dem Mädchen niederknieend e« liebevoll umfaßte, wet-kan» so hart sein, meine sanfte Taube zn kränken, wer bet de« Anblick solcher Reize ungerührt bleiben? Spotte nur, murmelte da» Mävcheu, spotte nur, Tahara. ' ü Blüthe der Schönheit, sagte die Maurin, warum quälst Du Dein Herz und verschließt Deine Schm.rzen? - Wa» helfen Worte, rief Esther, sich niit üderströinenden Augen ansrichtend, wozu soll ich klagen wie ein'Kind? Mag der Grant mich verzehren, daß ich früh dahtustcrbe, ohne da» Leben gekannt zu habe'». Bei Allah, Du verfnudigst Dich, meine Freundin. — Wie viele Jünglinge ivanoeln vorüber, die schönsten Herrn, von Tanger, und sehen sich die Augen an», nur eilte» Blick von Dir zu erhasche». Ich habe Dir schon ein Mal untersagt, Tahara, «ntgegnele Esther da» Köpfchen zurückwerfend, mir von solche» Dingen zu sprechen — Rein, wenn meine Mutter mich nur liebte — uno doch, bin ich nicht ihr eigen? Arbeite ich nicht für sie von Morgen bi» auf d-m Abend? Ader nie nennt sie mich ihre Liede, ihre Vielgeliebte, wie Du e» thust, Tahara — und nun soll ich gar wie eilt« Sklavin behandelt «erden. Arme», unschuldig gemarleNc» Geschöpf, seufzte die Maurin. Erneute Thränen, erneuter Jammer de» jungen Mädchen». Und wenn ich nun ei» Mittel wüßte, Esther, Dich au» aller Noth zu befreien, ja in eine» Zustand der Wonne zu versitzen? Das Mädchen richtete sich halb auf und sah ihr« Fren»- din mit großen, verwunderten Augen an. Wie oft habe ich Dir, fuhr die Maurin fort, von de» Vorzügen de» Islam erzählt, wie oft bedauert, daß eine Perle wie Du unter de» elenden Juden verkommen soll. Geh', Esther, ich spreche nicht» Schlimme» von Deinen Elter», aber siehst Du nicht selbst aus Eurer Untkrdrückuag, daß Allah sein Antlitz oon Euch gewendet und Gluck und Heil au seine Gläubigen gegeben hat? Und Du zumal, dt« von der Mutter tyraniiisirl wird! Und was wird da» End« sein? Wenn e» hoch kommt, heirathest Du einen erbärmlichen Schacherjnben, mußt Dich abarbeiten und quälen wie eine schwarze Sklavin, beu Hausstand zu bestellen. — Nein, Esther, dazu bist Du nicht geboren. Du mußt die Gemahlin de» ersten Manne» von Tanger werden, zehn Sklavin»«» müssen auf Deinen Wink fliegen, während Du, auf prächtigem Ruhebett liegend, höchsten» die zarleit Finger rührst, um die achijailige Laute zu schlagen. Di« Jüdin erwiderte Nicht». Gelt; meine Sonne, fuhr die Maurin fort, da« behagt Dir? Nun, laß mich nur machen, und Du sollst Del» Wunder sehen. Wa» schwitzest Du für Thorheiten, Tahara? Glaub' mir, ich würde nie eine gute Mohammeoaneriu werde,,. — Aber ich muß gehen — und sie schlüpft« mit den Füßche» in die ihr in der Aufregung eulfallenei, Pantoffeln — wa» wird nur die Mutter sagen! Laß mich -gthe», Esther, bleib Du hier. Schlaf rik wenig, mein Kind und beruhige Dich. Wen» ich mich der Sache aiinehme, wird Alle» gut werden. Wirklich, Tahara? Und sie drückte di« hart« Hand der Maurin gegen ihre Brust. — Aber Du hast noch nie mit der Mutter gesprochen. Auch für Deine Mutter habe ich rin Mittelchen, ent« gegnete die Alte geheimuißvoll, sei nnbesorgt; nur warte, bl» ich zurllckkomme. Gewiß, gewiß. Gott geleite Dich, Tahara. Al» die Maurin fort war, rückte die schöne Esther die Polster zurecht und mit der Empfindung eine» Schulkind«», dem unerwartet die Lectio» erlassen, legte sie den Kopf auf da» Kiffen, und die Hände um da» Haupt geschlungen, desse» Locken mit silbernen Schnüren durch flocht«,, waren, mustert« -