Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 14-15.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/5369809-5935028-5935771--2089-5371614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Aschen Gesetze» durch de« Paster Bienemann taufen zu lassen Wäre da» Taufvorhaben der Maria P«rez wirklich reiflicher Ueberlegung und inniger Ueberzeugung entsprungen, so »äre auch nicht zu fürchien gewesen, daß sie sich von der Mutter hätte abhalte» lassen; die Herren wußten aber ganz gut, wie e» mit dieser Ueberzeugung stand und daß Maria Perrz, Dank dem auf sie angewandten Verfahren, blo» in einer Art Betäubung handelte, au« der sie erwachen mußte, sobald sie einmal N«uendrttrl»au hinter sich haben würde. Danach ist auch zu bemessen, wa» e« mit dem »Verlangen* der Maria Perez nach der Taufe, da« sie an den Hrn. Pf. fB. in einer diesen selbst »überraschenden Weise* gestellt haben soll, für ein« Bewandtniß hat. Wir glauben gerne, daß Maria Perez weder mit Pistolen »och anderen Mordwaffen bedroht und zur Taufe gezwungen worden ist; wir fragen aber, ob bei einem l7jahrigr» Mädchen noch von freiem Willen die Rede sei» kann, wenn r« Monatelang fich unter den an«gesprochendsten Pieiisten bewegt, keinen ander» Menschen zu Gesicht bekommt, wenn e« jeden Tag hären muß, «i» für die Bekehrung der ansonsten dem Hällenpfuhl verfallenen Juden gebetet wird, wenn man ihn» verbittet, den Sadbath auch nnr durch da« Anziehen seiner bessern Kleider zu feiern, u s. w. Diese WillenSfreihrit wird am besten charakteri-irt durch ein« Anekoote, welche Maria Perez dieser Tage gesprächsweise und ohne di« Absicht, der Anstalt zu schaden, erzählte. Eie hatte in NendettelSau eine« Tage« die Befürchtung geäußert, ihre Mutter könnte dorthin kommen, «nt ihr wegen ihre» Uebertritl« Vorwürfe zu machen Die Antwort, di« sie erhielt, war ungefäbr folgende: Da brauchst DrfDich nicht zu fürchten. Wenn sie kommt, wird sie auch bekehrt, denn von Reuendettel-au geht Niemand weg. ohne Staust zu werden. Hr. Pf. W. überläßt e« schließlich den llligdenkenden zu entscheiden, ob hier rin »Mortarafall* vorliege oder nicht. Wir wollen weder mit dem Herrn Pf. W, noch mit der demselben schüchtern sekundirrnden »N. Pr.* Ader die Berechtigung de« Ausdruck« strritea, der sich un« In »nserer gerechten Entrüstung über diesen die Eiviiisalion de« 19 Jahrhundert« in» Antlitz schlagenden Vorfall unwillkürlich i« di« Feder drängte; wir glauben aber der Zustimmung aller villigdenkenden sicher zu sein, wenn wir dabei bleiben, daß hier eiu eclatanter Fall der tadelntwerthesten Proselyten- «acherei und Seelcnfängrrei vorliegt, der den Menschenfreund um so mehr anwideri, al» hier Kinder ihrer Mutter entfremdet worden find. Und da« ist geschehen, Herr Pf. W. mag da sagen wa« er will; Niemand wird behaupten wollen, daß die Ktnde»lieb« und der Respekt vor der jüdischen Mntter erhöht wird, indem man den Kindern sagt — e« ist die» eine von beiden Schwester» bestätigte Thatsache — sie sollen nicht zu den Juden zurückkrhren, sonst würden sie von denselben erwürgt oder vergiftet. — E« wäre doch gewiß innerhalb der Thrtftenheit selbst dev BekehrungSeifer dieser Herren ein weiter Spielraum gcboteu; da gibt »«Unglückliche der Verzweiflung zu entreißen, verlorene zu retten, Verwahrloste zu ordenUichen Menschen heranzuzirhen, Unwissend« zu unterrichten ». s. w. Aber da« genügt ihnen nicht; ein« Judenseele ist ttntn wie einem Gourmand ein tzaut-Gout-Wildpret; ihr zu lieb lassen sie Alle» im Stich, rt«kiren sie Alle», werfen Geld HU« Fenster hinau«, und ein bekehrter, schmutziger polnischer Jude mit struppigem Bart und den unappetitlichsten Gewohnten, der seinen eigenen früheren Glaubensgenossen ein Pfahl Flessche war, dünkt ihnen lieblicher, al« ein ganze« Dutzend rriugewaschrner und vor der Verwahrlosung geretteter Ehristenklnder. Man hat berechnet, daß den englischen Gesellschaften für Judenbekehruna, ein« in« andere gerechnet, jede »geret- 1«t«*Judenseele auf 7000 Psd. St. -- 84,000 fl. zu stehen Imait. Die Deutschen werden e« auch nicht billiger thun tum; bei un« ist aber da» noch schlimmer, daß da« Geld nicht au» den Kaffen einer reichen Aristokratie fließt, sondern baß.«» Misfionrfteuzer find, an denen der Schweiß armer Leute klebt, mit welchen die Inden »bekehrt* werden. Und wa« haben diese Bekehrungen gewöhnlich für einen Erfolgs von 10 Proselyten bleibt kaum einer Christ; di« meisten satteln wieder um, um sich vielleicht noch ein- oder da« andere Mal »bekehren* zu lassen. Wa« hatte speciell die Bekehrung in dem vorliegenden Falle für einen Erfolgs Der Bruder Perez, dem Hr. Pf. W. da« höchste Lob erhellt und der sich sogar der Theologie widmen wollt«, bat nach der Angabe seiner älteren Schwrster «ine orthodoxe Jüdin geheirathet, muß also, da e« in Rußland kein« Elvilehe gibt, znm Judenthume zurückgetreten sein. Dutha Perez, die Jüngere, ist munter wie ein Fischlein im Wasser und will Alle«, nnr nicht nach Neuendettel«au zurück, und wa« Maria Nerez, die Getanfte, andelangt, so können wir dem Hrn. Pf. Ä zur Beruhigung mittheilen, daß da« Stadium de» Blbellesen« und de» Seufzen« nach dem Seelenbräutigam bei ihr bereit« vorüber ist, und daß ohne jede menschlich« Einwirkung — wer Hrn. Dr. Lcvin kennt, wird un« da» glauben — Dank der frischen, entnüchternden Nürnberger Luft, ihr« Heilung von der Neuendetiel«a»er Krankheit sehr große Fortschritt« macht. E« freut un» da« herzlich, nicht al« ob un« die Religion de« Mädchen» nicht vollkominen gleichgültig wäre, «andern weil in dieser Zeit de« Fasten« und der Kasteiung nicht« so erheiternd auf un« einwirft, al« der Anblick betrogener Be—kebrer * Weiter ist dann im »Frank. Cur* noch vom Amte Kl. HeilSdronn nachstehende Erklärung erschienen: »In der Zuschrift de« Herrn Pfarrer Weber von NeuendettelSau »1« dato J;7. Febr. 1874 — Nr. 108 Ihre» Blattes — ist bezüglich de» Mortarafalle« bemertt: „Am 26. Dec. 1873 wurde die äl.ere der Schwestern getauft, sofort ersuch:« man da« k. B»ztrk«amt HetlSbronn um einen Paß für die Kinder — erhielt aber keinen.* — Zur Aufklärung über diese Weigerung diene folgende Miltheilung: Einige Tage nach den WeinachtSfeiertagen kamen in mein Amtszimmer zwei Diakonissinnen von NeuendettelSau mit zwei Mädchen, die ich zuvor nie gesehen, mit dem Ansuchen, ihnen Pässe nach Odessa auszufertigen. Die eine wurde al» Dutha Seldin, die andere al« Zierle Seldin au« Odessa vorgestellt, und bei Letzterer bemerft, daß sie vor wenigen Tagen zur protestantischen Kir<he übergetreten und in NeuendettelSau getauft worden sei. Ich stellte vorerst die Frage, unter welcher Aufsicht und unter welchem Schutz beide Kinder die edensoweite al» beschwerliche Reise, namentlich in jetziger Winterszeit unternehmen würden, worauf mir entgegnet wurde, daß diese beiden Kinder mit einer Legttimation, die ich nur ausfertigen möchte, die Reise für fich unternehmen wollten. Ich stellte beiden Diakonissinnen vor, wie gewagt ein solche- Unternehmen für diese Mädchen sei, und bemerfte zugleich daß ich e« vor meinem Gewissen nicht verantworten könne, solche unerfahrene junge Mädchen ohne allen Schutz, lediglich mit einer Retselegitimation in die wette Welt zu schicken, und daß, so lange dieser Punft nicht bereinigt sein würde, dem gestellten Gesuche nicht entsprochen werden könnte. Hellsbronn, 2. März 1874. Stahl, königlicher BezirkSamtmann.* (Dr.-Corr.) Au« Zitt«» erhalten wir die Nummern 14 und 18 de» in Bauzen-Zittau erscheinenden Bauzener oder Oberlaufitzer Anzeiger«. Erster« enthält «inen Leitartikel: »Da« Jiwenthum und die ehrlich« Arbeft,* abgÄruckt au« der »FreiheU* von L. R. Zimmermann, die zweit« einen ebensolchen: »Da« Jud-ntbum und die ehrliche Tolerant,* von vr. Karl Roscher. Schon au« diesen Titelangaben ist leicht zu ersehen, daß in dem ersten Artikel da» Judenthum, da« soll heißen: die Juden, und die ehrliche Arbeit in Gegensatz gebracht find, und daß der zweite Artikel eine Entgegnung auf jenen ethält. Zimmermann beginnt mit den Dorten: »Wer da weiß, wie unverhältnißmäßig za' lreich da» Judrnthum bei allen betrügerischen Unternehmungen und der sie fördernden Sorte von Journallstik vertreten ist, der u. s. w* — E« ist nicht sprachmeisterltche« Bemängeln, wenn wir de« Ausdruck »Judenthum* in der ihm hier gegebenen Bedeutung