Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 14-15.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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?'x'^ ^rT^'.v1 — 109 — süchtigen Bxrbcii durch bk Einrede oder den Spott derjenigen, de» sie für einen Ungläubigen halte», nur bestärkt und fa- »atifirt; der von ihnen für rechtgläubig Gehaltene muß ihnen sagen, daß sie sich in einem Jrrthum befinden. Tin grober, ja der allergrößte Theil der echten und bedeutenden Talmudgelehrten hat seit fast zwei Jahrhunderten, seit dem Auftreten der Sabbathianer und ihrer Ableger, der Ehassidim, entschieden gegen dk Kabbaiistik, d. h. die s. g. praktische Kabbala, Front gemacht, die Beschäftigung mit ihr verdammt. Die» thut in seiner Weise auch der Rabbiner Guttmacher, und sein Proclama wird ja den Eindruck machen, daß er von der mit ihm getriebenen Berhimmelnng nicht» wissen will und den Glauben an sein« übernatürliche Begabung, oder wie man die Sache bezeichnen mag, von sich weist. Freilich thut er die» in seiner Weise, die nicht die »nsrige ist, und soniit haben wir zunächst, zur Richtigstellung de« Unheil», die P.rson und dk Sache au»«i»ander z» halten. Der Rabbiner Guttmacher ist ohne Zweisel ein Mann, der booa fide handelt. Seine Religiosität ist eine ganz und gar aufrichtige, er ist von der Wahrheit seine» Glauben» überzeugt. Aber e» geht ihm, wie dem Görhe'schrn Zauberlehrling; di« er rief, die Geister, wird er nicht mehr lo»; nur mit dem Unterschiede, daß e« sich hier nicht um Geister, sondern um Menschen, zunächst polnische Juden, handelt. Er hat auch diese nicht gerufen, aber er hat sich in den Ruf «ine» Wundermanne» gebracht, und nun kommen sie in Haufen. Ob sein Protest jetzt noch wirten wird, ist fraglich. Dazu kommt, daß, wenn er von Eigennutz frei ist, die« schwerlich von seiner Umgebung gilt. Behält er von den Spenden der zu ihm Wallfahrenden nicht« für sich, so wird doch gewiß manche» davon in die Taschen seiner „Diener" fließen, und Schank- und Speisewirthe u. s. w. in Grätz nebst sehr vielen Andrrm machen ein zu gute» Geschäft, al» daß sie nicht die Wanderungen kräftigst fördern und den Ruf von geschehenen Wunderdingen möglichst verbreiten sollten. Der Rabbiner zu Grätz glaubt nun nicht nur an die Kraft de« Gebet» und der speziellen Fürbitte, ferner nicht nur an die Wirksamkeit gewisser Grbrle, sondern auch an Dämonen und an da» „Besessensein", an die Möglichkeit der Austreibung böser Geister, an die Wirkung von Zauberei und an Entzauberung — alle« die» in der Weise früherer Zeit und un» fernliegender Bildungrsphären. Aber er will nicht für einen Wunderthäter gelten. Sein Gebet, sagt er, verricht« rr mit Andacht, er traue ihm keine „Wunderkrafl" zu; seinen „Rath" erthcile er nur nach bester Einsicht in die speziellen Verhältnisse, oder er rathe und «ahne lediglich, auf Gott zu vertrauen und ihm die Sache anheimzustellen, Gott werde helfen; seinen Segen ertheile er nur, wie jeder Andere, (BIBG DTK) ohne zu glauben oder wenigsten» zu sagen, daß derselbe besondere Kraft besitze, und Amulette endlich habe rr wohl dann und wann gegeben, ab-r nicht in kabbalistischen Zeichen und Fornieln, sondern lediglich in Bibelversen und sonst „zulässigen Namen und Sprüchen." So sagt er sowohl in der erwähnten Bekanntmachung, wie ausführlicher in einem kürzlich veröffentlichten Buche, Nachlath Zebi. Aber er berichtet in dksei» Buche auch, allerding» gelegentlich, von einer durch sein Gebet bewirkten Heilung eine» Knaben, dessen Krankheit er al» durch Hexerei entstanden und durch übernatürliche Wirkung gehoben betzejchnet und fchUdert. E» wäre unnütz und überflüssig, hkr l unsre von der seinigen ganz abweichende .Ansicht auSzusprechen, genug, «v glaubt an da« Bezeichnet«;^ noch «ehr, rr sagt: wenn dk Ungläubigen und die „Neuerer" da« Faktum gesehen hätten, so würden sie vielleicht belehrt werdrn. Wir toleriren seine Ansicht, solang« und soweit sie sich auf seine Person beschränk«, aber e» ist kein Wunder, daß solche Erzählungen Wahn und Aberglauben fördern, daß sie ihm wahnerfüllre polnische rc. rc. Juden auf den Hal« ziehen, bi» e« ihm selber zu viel wird. Und hier hat unsere Toleranz rin Ende. Können wir die Sach« nicht ändern und dk Wallfahrten weder mindern noch hindern, so ist r« doch unsre Pflicht, den Wahn al» da» zu bezeichnen, wa« rr ist, da» Judenthum von jeder Solidarität mit diesen Auswüchsen frei zu erklären und au« diesem Grund« gegen da«;mnze Treiben kräftigst zu protrftiren. Ein« weitere Begründung diese» Proteste», eine Erläuterung über da» Berhältniß, d. h. da« schreiend« M i ß verhLltniß, zwischen wahrem Judenthu», und den Autschreitungeu und Autgeburten der Mystik, Dämonologie und Kabbalistik, sowie über die Entstehung dieser Dinge und ihr Eindringen in da» Judenthum, würde ein Buch erfordern. lieber den Umfang, den die Wallfahrten nach Grätz angenommen haben, und da» dadurch gegebene Aergerniß verweisen wir auf die Berichte der Journal«, lieber dk Entstehung so mancher Wundermähr, über dk Art, wie selbst wider Willen von dem Rabbiner zu Grätz die fraglich« Gläubigkeit befördert wird, führen wir schließlich eine einzig« Thatsache an, die un« dieser Tage von einem Herrn au« Th. (an der russischen Grenze) der täglich Gelegenheit hal, die Pilgerzüge nach Grätz zu sehen, erzählt worden ist. Ein russischer (oder deutscher?) Jude hatte einen Prozeß in erster Instanz verloren, er reist nach Grätz, um zu fragen, ob er appellirrn solle und in zwriter Instanz gewinnen werde. Dorf erhält er die (stereotype) Antwort: „Bettrauen Sie auf Sott, so wird noch Alle» gut werden!" dazu den Segen de» Rabbi. Der Mann kehrt heim, appellirt und — gewinnt seine» Prozeß. Da« Wunder ist fertig! Wir brauchen gewiß nicht zu sagen, daß der Spruch de» Rabbi an sich vollkcmmen unverfänglich ist und doch mit heidnischen Orakelspi:üch«n verfänglichste Ähnlichkeit hat und, nachdem er eiugetioffeu, dieselbe Wirkung auf gläubige Semüther hat, wie jene. Berichte und Correspondeuzeu. Deutschland. Stettin, 26. März. Die von dem Rabbiner Hrn. Dr. JecheSkel Caro in Dirschau verfaßte und versendete tition war un« kurz vor Schluß de« vorigen Blatte« zngegangen, wir haben daher nur den Inhalt derselben mit einigen Worten angeben können und theilen sie nunmehr «örtlich mit. „In den Einem hohen Hause überreichten Denkschriften und Petitionen des deutsch-ier. Gemeindebunde», de» Vorstände» der jüdischen Gemeinde zu Berlin und Anderer ist nachgewiesen worden, „daß mit Aufhebung de» Parochialzwange» für die jüdischen Gememden die Mehrzahl derselben, welche nur durch die Steuern ihrer Mitglieder existiren, nicht bestehen bleiben können, chre Institutionen verfallen müsse,, und sie chre Beamte« zu erhalten nicht vermögen werde». Denn bei dem Wegsall aller Verpflichtungen gegen dk Gemeinde bei dem AuSttttt au» derselben „au» eoufessionelle»