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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 14-15. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 14-15.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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108 ihnen gesagt: .Hier habe ich eia Buch, darin steht, daß un« sere Vorfahren in Egypten gewesen, za Srlaven gemacht und dann unter den und den Umständen wunderbar befreit worden find. Darnm müßt ihr vaa nnn an eia Fest feiern» dürft eine Woche lang nicht- Gestiuertes genießen und müßt Mazza rffen, auch ein Lamm sollt ihr opfern und verzehre, u. f. w." Würden uni re Vorfahren allesammt dageglaubt, würden st« nicht gesagt haben: von derartigen Dingen haben wir nie etwagehört, da« ist erlogen!? — Doch schließen wir noch nicht voreilig. Geglaubt hätten sic vielleicht, so wie man eine Erzählung glaubt, weil r» der Müh« nicht verlohnt, die Wahrheit kritisch zu erforschen. Die Grieche» haben ja auch die Mythen, welche ihnen ihre Rhapsoden sangen, für wahr gehalten. Aber die Satzung! Nehmen wir «in Gleichaiß autäglicher Wirklichkeit. Ein Mensch, den wir gar nicht oder nur obenhin kennen, koninit zu un«, bringt unvon fernen Verwandten oder Bekannten Grüße, erzählt un-, wo und wie er sie gesehen, gesprochen, wast« undurch ihn sagen lassen u. s. w. Vielleicht ist an allem kein wahre» Wort; so der Mann aber nichtweiter von unwill, so haben wir zu Mißtrauen wenig Anlaß, wir nehnien ihn freundlich auf, hören ihm zu und glauben seine» Berichten. Wa« liegt daran, wenn e» nicht wabr ist? Wir haben un» in keine Unkosten gestürzt, und hätten wir einem Schwindler freundlich die Hand gedrückt, wawäre e» weiter? Rückte aber der Jemand nun niit der Aufforderung herau-, ihm, im Aufträge unsre- Bruder«, Vater« u. f. w., von dem er die angeblichen Grüße gebracht, Geld oder Gelde-werth einzuhändigen, dann hat wohl unsre Leichtgläubigkeit rin Ende. Ein Narr, wer gleich darauf eingeht; der Kluge, nein der nur nicht ganz Einfältige spricht: Darüber muß ich mich doch erst näher erkundigen. Eine Erzählung glauben — warum nicht!? Ist die Geschichte hübsch, wird ste anaiuthig erzählt, schmeichelt sie noch unsrer Eigenliebe, stimmt sie sonst mit unfern Ansichten, mit anderen Berichten überein, so wird man nicht viel grübeln. Forschen wir denn jetzt, wenn wir eine nicht allzuphantastisch« Novelle lesen, ob und welche Thatsachen oder Erlebnisse der Verfaffer wohl benutzt, in seine Erzählung verwebt habe, ob alle« erfunden, ob allewahr? So habe» die Griechen und Römer geglaubt. Aber die Satzung! „Run (hätte der Unbekannte gesagt) müßt ihr auch Peßach halten!" Ist es denkbar, daß J-raeliten je so unvernünftig gewesen wären, dazu befolgen, daß nicht Alle, oder doch die Aelteren, Klügeren gesagt haben würden: unsere Eltern und Großeltern haben davon nichtgewußt, nichtgesagt, haben da» nicht gethan, wir lassen unkein solche» Joch auflegen! So ist die Thatsache durch die Beobachtung der Satzung beglaubigt. Wir sind Zeugen, so lange wir beobachten. Machen wir sozusagen die Gegenprobe. Wenn jetzt all« Juden aufhören würden, P.ßach zu feiern nach der Satzung der Torah, so würden nach 60 Jahren einige alte Leute sagen: wir erinnern unnoch, in unsrer Kindheit Mazzah gesehen oder gar gegessen zu haben — nach 100 Jahren würde der Eine oder der Andere sagen: ich erinnere mich, einmal von meinem Großvater etwas von einer Peßachfeier gehört zu haben. Die Geschichte würde in der Bibel stehen bleiben, auch gelesen und erzählt werden, und dabei würde, »ie gesagt, beiläufig erwähnt werden, daß alte Leute sich noch ' v.r* '>!>.§- diese« und jene» Umstande», der mit der Erzählung in Der» bindung stehe, erinnern könnten. Aber bie Geschichte von dem An-zug au« Egypten würde historisch in demselben Range stehen, wie die Oythe vom trojanischen Pfetüe und von den Horaticrn and Cnratiern. , Baawur seh lo amarti ola beschaah schemazah umaror uiunachim lefauechah, heißt es darum in der Hagadah. Rur wenn und solang« Mazzah und Bitterkrant vor un» liegen, können wir sprechen: Gott hat un» au» Egypten geführt. Die Wallfahrte« «ach Grätz. Im „Hamaggid" veröffentlicht der Rabbiner Elia« Guttmacher zu Grätz eine lange, in beweglichen, ja kläglich flehenden Worteil abgesaßte „Bitte", seine« hohen Alter» und seiner Schwäche schonen und ihn nicht mit Besuchen belästigen, resp. ihn, nicht Hülsesuchend« zusenden zu wollen. Er sagt unter Anderem: „Seit einiger Zeit hat sich «in Gerücht verbreitet, e» sei mein Gebet der Erhörung gewiß, und mein Segen besonder» wirkung-reich, und so kommen ganze Earavanen zu mir. Ich muß die» ablehnen, nicht au- Bescheidenheit, sondern der Wahrheit gemäß. Man glaubt vielleicht, daß ich tiefe kabbalistische Kenntnisse besitze und mich mit praktischer Kabbalistik beschäftige. Fern sei die» von mir, ich habe schon früher bekannt gemacht, daß die» ein großer Jrrthum ist, und Biele haben persönlich gehört, daß ich nieinen Segen stet» nur wie ein gewöhnlicher Mann ertheile. Ich werde gern Jeden in mein Gebet einschließen, der mir schriftlich seine Roth klagt, wenn ich auch nicht die Briefe beantworten kann, aber Niemand möge hierher kommen. Es entsteht auch durch diese» Wallfahren üble« Gerede, Chillul haschem, und ich betrachte e« nur al» ein besondere« Glück, daß man mir nicht Eigennutz und Geldgier oorwirft, indem e» bekannt genug ist, wie fern mir diese Dinge liegen." Bekanntlich haben die Wallfahrten nach Grätz seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sich gezogen; viele Blätter haben Berichte darüber gebracht (vergl. auch hier in Nr. 11 unter „Beuthrn"), e» ist sehr natürlich, daß diese Vorgänge Spott Hervorrufen. Er kommen, wie wir nicht nur au» den erwähnten Berichten, sondern auch von Augenzeugen erfahren haben, ganze Echaaren, hauptsächlich au» Rußland und Galizien, nach Grätz, um den Segen, die Fürbitte de» Rabbiner» zu erlangen, Rath zu erholen oder auch Kameoth (Amulette) von ihm zu enipfangen. Auch Länder deutscher Zunge stellen zu den Gläubigen ein kleine» Tontin» gent. Daß die Ehassidäer in Rußland und Galizien au» den Ursachen zu ihren „Rebben" wallfahrten, ist bekannt, jetzt ist diese» Uebel nach Deutschland verpflanzt, nimmt bedenkliche Dimensionen an, und muß um der Ehre de» Judenthum» willen bekämpft werden. Freilich kann die» in diesem Blatt« nicht direkt geschehen, denn Diejenigen, welche e» lesen, bedürfen der Warnung und Aufklärung über den Aberglauben nicht, und die Glaubenden werden durch unsere Worte nicht belehrt. Nur durch Bildung, durch richtige Erkenntniß der Grenz- und UnlerscheidungSlini« zwischen Religion und abergläubischem Wahn kann dem EhasfidiSmu» «tu Ende gemacht werden. Die Wundergläubigeu und Wunder-

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