Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 11.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-5935028-5935763--2059-5371587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
echten moralisch«» Sin« und ohne wiffruschaftliche Bildung dis A« der Periode des Verheirat Heus, zu 16 bis 18 Jahren, auf, wo die Ettern den Jüngling für mehr oder weniger Geld einem Schwiegervater übergeben, oder vielmehr verkaufen. Bei dem Schiviegervater erhält er mit feiner Frau Loft, und hat zunächst keine Sorge», betreibt weiter talmudische Studien, die er dann aufgeben muß, wenn er sich ohne Rahrungszweig von einer Familie umgeben sieht, für die er doch einmal zu sorgen genöihigl ist, und da fängt er in die Welt hinein zu hanoel» an und schwankt von einem Geschäfte zum andern, deren Wendung er ganz dem Schicksale überlaffeu muß, da ihm Sachkennlniß völlig fehlt. — Neulich hat sich hier ein Leseverein gebildet, dessen Zweck fein sollte, der Sep ralionssucht, die so niächtig in allen hiesigen jüdischen Klaffen um sich greift, daß dadurch allen« guten Willen, der etwa erweckt wird, Hindernisse bereitet werden, zu steuern, aber leider haben die Hoffnungen sich nicht verwirklicht, denn der Leseoerein besieht kaum aus hundert Mitgliedern, so daß er nichts Wesentliches zur Besörverung der Bildung beitragen kann, es herrscht hier ein so indifferenter Kleinmuth, daß die mindeste ausgesprochene Schmähung auch deni durch sein Vermögen noch so unabhängigen, durch seine Bildung noch io freidenkenden Israeliten den Math den mint, sich einer Gelellichaft, deren Aufgabe Bildung zu verbreiten ist, anzuschließen, und manche, die im Geiste der Zeit leben wollen, beschaitigen sich mit literarischen Arbeiten, versteckt und verborge». Ärakau, in dir lebten einst Israeliten, die den Geist in sich und unter eiuander bereicherte», Israeliten, die die nationale Phantasie eniflaminten, jetzt bist du alledeffen beraubt, in dir findet wever der jüdische Nationalgeist seine gehörige Pflege, noch die Wlff.uschaft Schutz und Aufnahme Niemand ist da, verstoßen-s Israel, der deine schlummernden Kräfte wecken. Niemand, der dich zum wirtlichen und geistigen Leben ermuntern jollle. I. Machos. Großbritannien. London, 26. Februar. Vielleicht die unglücklichste Idee, auf welche die von der christlichen Kirche erfundene Propagandasucht hat verfallen können, ist die, JudenbekehrungSver- «ine zu gründen. Aber unglücklich wie die Idee ist, sie cxistirt «iuiual, und in dem reichen England findet sich schon immer eine Anzahl guter, mit Gold gesegneter Christen, die ihrScherfinn diesem Zw» cke widmen. Siebentauseno Pfund Sterling, wurde vor Kurzem in einein hiesigen Blatte behauptet, kostet jede bekehrte Judenseele, und der nur ein klein wruig rechnende Menschenfreund muh sich sagen, ob es nicht viel bester wäre, die Tausend« von Pfund Sterling zur Bekehrung der Heiden — nicht in Afrika und Asien oder in den Steppen Amerika- — sondern in London zu verwenden. Auf dem Kontinente, namentlich im russischen Polen wimmelt es bekanntlich von Juden, denen man es sofort anfieht, daß sie mit irdischen Glücksgütern nicht gesegnet sind. Diesen russisch polnischen Juden ist gar ivohl bekannt, daß die Engländer sich eS etwas kosten lasten, sie für den Himmel zu anncktiren, und weun die jüdischen Feiertage, deren rituelle Befolgung kostspielig ist, herankoinmen, begiebt sich wohl maucher Familienvater nach London, um die heilige Taufe ein- oder »iehrmal über sich ergehen zu lasten, und eilten Theil des verdienten Geldes an die Frau zu schicken, damit du je di« Oslerkuchen u. dergl. m. kaufen könne. Freilich finden diese Jndustrierilter ihr Geschäft nicht immer so profitable, wie ihnen vorgt'piegelt wurde, oder wie sie sich eingeredet haben, und dann gehen sie zum Judenthume zurück, aber nicht ohne «uit den Missionären erst „abzurechnen" d. h. ihnen die Fenster einzuschlagen oder dergl. Natürlich kommen dann die Schuldigen vor die Polizei, und das große Publikum hört von der Judenmisfion. Aber nicht immer sind es Familienväter, welche mit den Missionären in Berührung komme«. Da giebt es in Whitechapel rin« Anzahl junger polnischer Inden, deren Unterneh- «mngsgrist sie hierher geführt hat, di« hier durch Handwerk oder Schacher auf die eine oder die andere Weise reich zu werden hofften. Das ging aber nicht so, wie sie gehofft und erwartet, und eines TageS finden sich bie jungen Abenteurer — broolos; broolos in London. Was thun? Sie wandern die Straßen auf und ad, sehen die reiclig» füllten Tausend« und Zehntausenve von Läden und — ihnen knurrt der Magen. Stehlen ivolllen sienicht. Da hören sie von einem Eingeweihten — und deren giebt es in Whitechapel genug — daß für einen Inden nichts leichter fei. als den Magen zu füllen und Kleider zu erhalten Sie brauchen nur zu I)r. Stern zu gehen, zu erklären, daß sie gerne erfahren möchte«, wie es denn mit dem Mefsiah so eigentlich stehe, um in eine Anstalt geschickt zu werden, wo sie ohne Weiteres Esten, Kleidung, Wohnung und ein kleines Taschengeld erhalten.*) So mochte es dem sechzehnjährigen Harris Keoanski aus russisch Polen ergangen sein, der gestern vor den Geschworenen stand unter der Anklage, 12 Hemden und dergl. Sache» im Gesammtwenhe von 6 Pfv. Steel. aus der „Anstalt zur Bekehrung der Juden zu den Doktrinen des ChristenrhumS" gestohlen zu haben. Der Vorsteher dieser Anstalt sagte aus, daß der Angeklagte, der, wie er wußte, erst kurze Zeit in England iv.ir, und kein englisch verstand, mit einer Bescheinigung von vr. Stern, daß der Knabe sich bei ihm nach der Wahrheit in Betreff des Messiah erkundigt hat, zu ihm gekommen sei und natürlich Aufnahme gefunden habe. Nach dem Reglement des Asy.S mußte der Änfgenommene zweimal des Tages dem Gotlesvieusle beiwohnen, bis die Taufe an ihm vollzogen wurde. Der Vorsteher sagte, daß der Knabe mehrmals ivährend des GottesoiensteS geweint habe und namentlich am Sonntage, als er berelts fünf Tage in dem Asyl zugedracht hatte. An diesem Tage ivurden zwei von den zehn im Asyl befindlichen sämm'lich ausländische» Juden nach den Riten der anglikantschen Küche in Gegenwart aller Jnsaffen getauft. Die Taufe wurve in sehr feierlicher Weise vollzogen, die Predigt in englischer Sprache verrichtet, der Goilesdlenst in hebräiicher gehalten. Der Knabe halte nicht in die Kapelle gehen wollen, dann bitter geweint und nach seinen Kleidern gefragt. Zum Rachmitlagsgottesdienste kam er zuletzt, und am Abend gak nicht. Als man aus der Kapelle nach Hause kam, war der junge Mensch verschwunden, eine Kiste erbrochen, und mehrere Sachen waren daraus gestohlen. Später fand der Vorsteher bei dem Angeklagten zwei Kragen, die er aber als die fcinigeu erkannte. Rachvem dies g.-gen den junge» Ausländer vorgcbracht war, erhob sich der Vertheidiger, der seine Rede damit einleitete, baß er den mehrerwähnren vr. Stern der Jury als dasjenige Individuum vorstellte, welches den abeffynischen Krieg und dadurch für England eine Ausgabe vou 60,006,000 Thalern verschuldet hat. Vr. Stern ivar nämlich zur Bekehrung der Juden nach Abestynien geg.ngeu, hatte aber teilten andern Erfolg, als sich mit dem otöalg Theodor über die Königin von Saba (d. h. über beste» augev.iche Avstaminnng von dieser, Reo.) zu itreiten und ein- »etperrk zu «verden. Nachdem der Vertheidiger noch einige 0e,»erklingen über den Juvenbekehrungsoerein und deffen W.cksamkeil gemacht, erklärte er, daß te«ne genügenden Beweis« geg n den Angeklagten vorliegen, daß tausend gleiche und au« o.gelben Fabrik herstammende Kragen existiren, daß der Knabe vielmehr die Wahrheit gesagt habe, nämlich daß dt« Tlufceremonien ihn in Angst versetzt haben und er daher oaoongeiaufen sei. Ein Zeuge erschien, der dem Angrklagtea ein gutes Zeugniß ausjtellre, uns als eben ein anderer aufgerufen wurde, erhob sich der Oomann der G.fchworenen mit der Erklärung, daß die Jury nicht« weiter hören wolle, und diese sprach, ohne da« Resumä des Richters avzuwarten, ihr „Nichtschulbig" au«. (Wir entnehmen diesen Bericht der Engl. Corr. in der „Rat-Zeit." I» den englischen Blättern lesen wir die Ge- •) „Je». Wolrd" «eine, di« «l«st: när« l»sie» wahrschetallch ihr, Zi^ling« di« Wort« DKÖJ l«sra u -d erklär«: „VUd«r — »«-— >