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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1874-01-01 · 5. Jahrgang Nᵒ 10. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
5 (1874)
Issue
5. Jahrgang Nᵒ 10.
Date
1874-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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moritunu est, moribundus est, mortnus est (er wirb sterben, er liegt im Sterben, er ist tobt.) Man kann das ja ohne Hyperbel, in zulässigem Bilde, ein TodeSurtheil »ennen. Dieses TMSuGtzeil »er We Hsde, iß Mkllugst va» Max Mülle« ausgesprochen «srde» Den meisten Lesern brauchen wir nicht zu sagen, wer und was Max Müller iß, für die übrigere her bemerk: M. MÄkrr, Prosiffsr in &tf«rb, ist einer bef größten tmb berühmtesten, vielleicht zur Zeit ber bedeutendste Kenner und Forscher ber Sprachwissenschaft unb ber mit bieser zusammenhängenden Bö kerkunde. M. Riüller hat einen öffentlichen Vortrag gehalten, in bem folgende Schlußfolgerung aufgestellt ist: Nur diejenigen Religionen können bestehen, welche energisch Propaganda machen, da» Judenthum thut dies nicht, folglich muß eS bald untergehen Etwas wörtlicher: Dada« Judenthuni keine milsionirende (missionarz-) Religion ist, vielmehr Proselyten von sich weist unb geringschätzt, so wird die Zahl (einer Bekenner sicherlich nicht wachsen, sondern seine Tage sind gezählt, obgleich wegen der physischen Kraft, der geistigen Zähigkeit, de» RacenstolzeS und deS GottesglaubenS seiner »ichänger, die Rationalität, die Religion und die alten Gebräuche derselben niujt so bald von der Erde schwinden werden. Diese Aussprüche haben in den judenbekehrungssreundlichen Kreisen Altengland» und Amerikas, aber auch unter den Juden dieser Länder selbst erhebliches Aufsehen erregt. Zu der Berühmtheit deS Mannes kam noch die des OrteS, an dem der Bortrag gehalten war. Müller hatte in der weltberühmten Westminster-Abtei gesprochen, und man wollte wissen, es sei das erstemal, daß ein Nichtgeistlicher von jener Kanzel habe reden dürfen. Demgemäß wurde der Bortrag in allen englischen Blättern vielfach commentirt, französische und italienische — jüdische — haben von ihm Notiz genommen; in deutschen, allgemeinen wie jüdischen, haben wir noch fast gar nicht» darüber gelesen. Man ist freilich in Deutschland nur in sehr kleinen Kreisen Juden-bekehrungSsüchtig, man hat, zumal jetzt, auch für religiöse Polemik viel interrflautere und spannendere Themata, und — ber Jrrthum Müller'« liegt zu sehr auf der Hand. Große Männer machen große Fehler. Müller» Beweisführung erinnert nicht nur an das „langsame Gift" deS Kaffee, bei dem Bolkaire 84 Jahre alt geworden war, weshalb er die Gifttheorie verlachte, sondern sie wirb durch die Statistik*), welche die starke Z u n a h m e der Zahl ber Juden nach weist, in fast greifbarer Weise widerlegt. Nichtsdestoweniger mögen hier ein paar Worte am Platze sein, um, von der Thatsache abgesehen, die Theorie zu erörtern. Dazu bietet uns eine Predigt, welche Hr. vr. Her man n Adler am Sabb. Ehannkah gehalten hat, und die jetzt gedruckt vorliegt, einen willkommenen Anlaß.' Die Predigt wendet sich geradeaus und gleich von der Einleitung an gegen den Müllerscheu Vortrag und widerlegt ihn SchrUt für Schrüt i» kräftig-entschiedener, würdiger, die Grenzen der in einem 1»r. Gotteshause zulässigen Polemik streng einhallenden Weise. Wir laßen da« zur Predigt Gehörige bei Seite und fassen de» Gedankengang kurz zusammen. Die Jude«, sagt Müller, haben ihre Religion nicht ausbreite» «olle« und habe» Fremde, •) wmet MmMt bk Zahl bec gab« |ent I «Ulk»« «, ii» pal «»epetßicher Jrrth u»! welche sie dennoch anfnahmen, nicht als gewonnene Seele» betrachtet, sondern als Freinde, denen mau bi» zum vierundzwanzignen Geschlechte nicht traue» dürfe. Aber, was das Sefte* betrifft, f» UuM bet Satz, beit M. im Sinne haben mnß: „sprüh in Gegenwart ein;» Nachkommen von Proselyten auch im zehnten (!) Geschlechte nicht verächtlich von Heiden.* Wer sieht nicht, daß hier nicht Mißtraue», nicht Geringschätzung, sondern zarteste Schonung das Motiv bildet? Das „Gewinnen von Seelen*, das unendlich oft wiederholte und eingeschärfte Gebot, den Proselyten zu lieben, noch mehr als de» gebornen Juden zu lieben, wird dann mit zahlreichen Eitaten belegt. Es werde» ebenso Beispiele von Proselyten angeführt, welche int Judenthum hochgeehrt sind. Allerdings ist das Judenthum nicht in dem Sinne eine missionirende Religion, wie es der Islam und das Ehristenthum sind, e» will weder Gewalt anwenden, noch Bekehrte kaufen, fangen oder erjagen; eS schreibt strenge Prüfung und Verwarnung der sich zum Hebet tritt Meldenden vor und zählt verschiedene Klaffen von Proselyten auf, deren Annahme unzulässig ist. Islam und Ehristenthum sind durch ihr Dogma genöthigt, auf jede mögliche Weise Proselyten zu niachen, weil beide jedem Richt-Ehristen oder Nicht-PioSlem die Seligkeit absprechen; nicht so da» In» denthum, welche» alle Fromnten ohne Unterschied des BekenntniffeS selig spricht und daher ruhig einen jeden bei seinem Glauben taffen kann. Eine Religion, meint Müller, kan» ihre Lebenskraft nur durch Bekehrung und Ausbreitung sicher». Wird die«, antwortet Adler, nicht durch da» heutige Fest widerlegt? Wer hat eifriger und rücksichtsloser für seine Religion Propaganda zu machen getrachtet, als Antiochu» — und wo ist er und wo seine Götter? Die Handooll Jude» aber, welche einem Felsen gleich Widerst md geleistet hat, ist noch da, ohne Propaganda, ohne Missionsanstalten. Aber da» Judenthum hat ohne Zweifel eine erhabene Mission, im richtigsten Sinne de» Wortes, zu erfüllen, es hat die Wahrheit zu tragen, ruhig und still zu verbreite», wie esJesaia» (42, 2) kurz und bündig lehrt. In Ruhe und Ausdauer soll e» die Treue gegen die GotteSlehre bewähren. Lin Theil dieser Ausgabe ist auch bereits erfüllt, indem die beiden Tochterreligionen wesentliche Glaubens- und Sittenlehre» de« Indenthum» ausgenommen haben; wir aber sollen den Monotheismus rein bewahren. In diesem Schluffe der Adler'schen Predigt ist der wichtigste Punkt, auf den e» bei der Debatte ankommt, berührt, aber eben nur berührt. Wir wollen da« Fehiende mit ei« paar Wortett ergänzen. Da« Judenthum sollte und v u r s t e nicht Propaganda machen, nicht auf Bekehrung ausgehen, sonst hätte es längst aufgehört, Judenthum zu sein. Das beweist eben das Ehristenthum selbst. 'Aus dem Strebe», die Griechen und Röuter, denen der echte israelitische Monotheismus unfaßbar erschien, zu gewinnen, ging die Triniiätslehro hervor, und au» dem Anschmiegen an den Göttercult der Bilderdienst. In dem Streben, die Herrscher Rom» z» bekehren wandelte die so einfache, von jeder Hierarchie freie Kirche der Urzeit sich in die römische und byzantinische um und wurde ganz verweltlicht. Um die nordischen Böller zu gewinne», schrieb Gregor der Große de» Sendboten vor, de« Heiden ihre Religionsgebräuche zu laffea und diese nur in christliche «mzuwandeln. So ist denn, wie hundertfach bereits nachgewiese» ist, nicht nur das WeihuachtG »nd löstet-

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