Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 5 (1874)
- Issue
- 5. Jahrgang Nᵒ 2.
- Date
- 1874-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Vethau» venoandelt. Die Gebetweise ist noch jene drangvolle, hastige, der Schuierzen-schrei de» Mittelalter», keine da« Ohr erfreuende Harmonie, keine da« Auge ergötzend« Dekoration. Rur zwei Synagogen, die sogenannten reformirten, »uacden hiervon eine Aufnahme. Aber di« Reform besteht hier nicht in einer Arndernng oder Verkürzung der Gebete. — den» e« ist von dem alle» Gcbetritu« kein Buchstabe fallen gelassen — sondern nur in einem edleren Borlrag derselben, im Gesang und Ehor. Aber, wa« inan hier der Aesthelik zu gut geihan, da« hat man vlr Frömm:gkeil abgezogen: ES fehlt hier jener Schmuck, den ich Ihnen al« die einzig: Zierde der orthodoxen Synagogen bezeichnet habe. Roch schlimmer al« n.it dem Belhause steht e« hier mit dem Lehrhause. ES flieht hier zwar eine Unzahl Chcder«, wo kleine Kinder in dumpfen Stuben in die Dialektik de« Talmud«, iit die juridischen Controverse eingewecht werden; aber nicht eiu« einzige Religion-schnle, wo hebräische Grammatik, wo eine lichtvolle Kenntniß der Bibel, wo dir Geschichte unsere« Volke« den Kindern gelehrt würde. Die Ursachen dieser und ähnlicher Mängel sind aber nicht im Wesen der hiesigen Juden, sondern in den politischen Berhältnissen zu suchen. E» ist kaum ein Jahrzehnt, daß die Juden hier vollständig rmancipirt sind, dc.ß man die Kopfsteuer von unserem -Haupte genomnien, daß mau di« Pforten unsere» Ghetto'« gesprengt, und un« ein menschenwürdige« Dasein gewährt hat. Manche nun, durch vermögen oder andere Verhältnisse begünstigt, konnten nicht schnell genug die Talmudstuben mit den classischen Schulen vertauschen, um sich die Bildung anzneignen. welche sie berechtigt, an dem Leben der Gegenwart den vollsten Antheil zu nehmen und sich in Achtung bei ihren nichtjüdischen Mitbürger» zu setzen. Daher findet man hier schon heute eine beträchtliche Anzahl jüdischer Männer und Jüngling«, welche sich in der Arena der Reuzeit, auf allen Gedieteu de« wissenschaftlichen Leben«, in der Literatur und der Publizistik sieißig tummeln, und auf keinem Feld« gegen ihre christlichen Mitbürger zurückstehen. Aber der Zeitraum diese« neuen Leben» war noch zu kurz, die Aufgabe zu groß, de» versäumte» zu viel, und für jüdische« Wiffen, für jüdische Literatur und iiieschichte, für jüdische Interessen blieb unsere» jüdischen Repräsentanten der Bildung kein Spielraum. Dazu kommt noch der Umstand, daß man ihnen in ihrer Jugend die Wisserschasl de« Jndenthum» in keinem günstigen Lichte gezeigt, daß di« glänzende»« Seiten der jüdischen Literatur, de« jüdischen Alterthum« ihnen verhüllt blieben, und e« ist kaum zu verwundern, wenn sie ihre» Blick diesen Disziplinen nicht gerne wieder zuwendeu wollen. — Ader diese Bildung-betheiligten machen doch nur den bedeutend kleineren Thril der hiesigen Gemeinde au«. Eine größere Anzahl sicht noch auf jenem Standpunkte starrer Orthodoxie, welcher in Deutschland längst überwunden ist. Besonder« ist es der Ehassiditinu«, der von Tag zu Tag üppiger »ouchert, »ud mit mittelalterlicher Mystik und kabbalistischen Formeln einen tollen Spuck verführt. E« ist di« ficischgeivordene Romantik. Die große Kluft zwischen Ehasfldi«mu» und Reform wird au«grsüllt von de»' Partei de» Leiitrum«, welche eine lange Lette von der verschiedenartigsten Färbung bildet. Bei diesem »veiten Au-einan xrgehcn der Parteien haben wir hier deimoch kein Schisma zu befürchten. Denn einerseit» ist diese Trennung ei»«« mehr äußerliche. Wenn der Orthodoxe dem Reformer auf religiösen: Gebiete begegnet, also zunächst in der Synagoge, so hindert ihn nicht», mit ihm zusammen zu beten, da der Gebetritu« nicht im Geringsten geändert ist. Dann aber begegnen sich Lhassidim und Resormirte oft al« Glieder derselben Familie, deflelden Berwandtenkreise«, und Manchem, der heut« der Fortschritt«partei angehört, haftet «och der EhassidiSmu« in der Seele wie «ine nnipr*T KDTJ, denn er war in seiner Jugend selbst ein eifriger Shassidäer. So zeigt sich hier uns«' Lebe« in unbestimmten, sormenlosen Umrissen, «in dunkle», chaotische» Gewirrt. Aber in diesem 8ao» weben herrlich« Keime, in diesem Gewirr« sind die «mente z» «ine« nwtn Orgo.ni»mu» vorhanden, -in göttlicher Geist schwebt über dieser dunkle., Flutb. und in ihr ist ein gewaltiger T rang zum Licht, zum neuen Leben vorhanden, ein Gejiihl für alle» Gute, Eole, Wahre. Bor Allem aber findet mau hier ein warme», jüdische», für alle» Wohlthun begeistertes und opfersähige» Herz. Daß diese Meng« bei solchen Anlagen dennoch so wenig zum Fortschreiten aas der neuen Bah», geneigt ist, koinint daher, weil der Weg zum gelobten Lande tx:r neuen Verheißung nicht über den Sinai führt, weil ma» mit jedem Schritt zur Bildung von dem Pfade der uralten Wahrheiten abgedrängt zu werden befürchtet. Ich habe idle Mäuner einen »vahren Seelenkampf kämpfen sehen, che sie sich entschlossen, ihre Söhne auf qa« Gymnasium zu schicken, und schöne Frauenaugen sah ich weinen, weil ihre Kinder am Sabdath die Schule besuchen, ll^a» ist jedenfalls ein Kampf, der lichtvoller strahl:, al« manchei: Sieg, den in Deutschland der Fortschritt bereit« errungen hat Hier haben Sie nun rin Bild unserer hiesigen Verhältnisse, in dem zwar viel Scharten vorhanden, aber auch die Lichtseite» nicht fehlen. Sicherlich »vird auch für un« dce Zeit komme», wo »vir au« diesen Wirren, au« diesen Dunkelheiten, zu einen, neuen, verjüngten Leben heroorgehen werden, und wenn auch dieser Zeitpunki sich nicht genau destiinnle», läßt, so kann er doch nicht gar zu fern mehr liegen. Gebe Golk, daß ter Anblick de« neu sich erhebenden Tempel« die Herzen begeistern, und mit dein Emporwachsen diese» GolteSzelle« auch in den Zelten J-rael« Bildung, Gesittung und wahre Eckmntniß erblühe! — Großbritannien. Londou. Am 17. December hat eine wichtige Sitzung de» Board of Deputie» stattgesunden. E« wurde Über die — wie s. Z. kurz erwähnt — vor ein paar Monaten beantragte Zulassung eine» Deputaten der Berkeley-Street Synagoge, d. h. der Refornigeiretnde, früher s. g. West« nd Synagoge, verhandelt. Di« Del alten wurden, sorveit au« den Berichter: zu ersehen war, ohne Leidenschaft und ohm: Berührung eigentlich theologischer fragen geführt. Die Bertheidiger de« Antrag«» beriefen sich oiämehr hauptsächlich darauf, daß de:: Board lediglich „eine politisch« Körperschaft" sei, da» will sogen, di« Gemeinden led glich in Beziehung auf ihre äußere Stellung zu vertreten, religiöse Fragen aber nicht zu behandeln Hab«; daß seit sehr langer Zeit keine religiöse Debatte in den, Board entstanden, und daß die Animosität, welche einst durch da» Austaucken Der Reform wachzerufen worden, längst geschwunden sei. Ein Mitglied berief sich darauf, daß er ja selbst zu jener Resoringeineinde gehöre — ihm wurde freilich erwidert, daß er hier »licht al« Vertreter oder Mitglied der letzteren, sondern al« Deputirter für eine andere Genwinde sitze. Gegen den Antrag wurde geltend geinacht, daß die Berkelciz-Street Gemeind: sich ja noch gar nicht zum Eintritt in den Board geincldet habe, daß e« wohl möglich 'sei, daß sie fü, die ihr eröffne»« Mitgliedschaft danken n»erd«, und daß sie sich bi» jetzt noch nid»t in den Organismus der übrigen Gemeinden gefügt habe. Andere meinten, sie würde die» thun, nienn man sie zuließe. Rur ein Mstglied erklärte, gestützt auf Ixn Ausspruch de« rvrmaligen Oberrabbiner Herschell, das» er die fraglich« Synagoge gar nicht al» eine solche anerkennen könne, und daß daher für Zulassung eine» Deputirten die unerläßlichste Vorbedingung fehle. Die Abstimmung uiurde namentlich verlcmgt und ergab 14 Stimmen für, 11 gegen den Antrag, einer enthielt sich der Abstimmung, drei, danutter der Präsident, waren entschuldigt. Palästina. Bericht aa« de« Freiherr von Rvthschild'schea Hospitale «ud den damit verhundeueu humane» Austalte» i« Jerusalem da» Jahre 5633. 1) Die Anzahl der in diese« Jahre im Hospitale behandelten Ktanken betrug 46V; «nd zwar: 24ö Männer und SlL Flauen. End« Sllul de» Jahre» SSSL find t« Ho»pitale vtrblieben IS Kranke, »ud zwar S Mönner und