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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 44. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 44.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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übrigens um di« kleine und Mittelgemelnde gar keine Sorg« z» machen. Meine» Wissen» ist nach der alten Verfassung nur in einigen wenigen großen ein Nothstand, die Hunderte von kleinen und Mittelgemeinden aber haben bisher sogar mit dem alten Gesetz noch recht gut au-kommen können, ja eS sogar wie einen Segen empfunden. Nur die wenigen großen Gemeinden haben uns den Sturm herausbeschworen, nur für sie isl eine Verfassungsänderung nöthig geworden. Und zwei dieser großen Gemeinden, Posen und BreSlau, haben einen Theil dessen, waS ich vorschlage, bereit» seit Jahren praktisch durchgeführt und sich recht wohl dabei befunden, so daß hier die extremsten Richtungen so friedlich wie möglich neben einander wohnen. Ich bin mir bewußt, für eine hohe und edle Idee, für die Einheit der jüdischen Gemeinden, zu kämpfen und in ihrem Sinn meine Vorschläge zur Reorganisation der Verfassung unserer Synagogen-Gemeinden gemacht zn haben. Ta die zarte Empfindlichkeit der Gewissensfreiheit sich innerhalb der Grenzen des alten Gesetzes jetzt beengt fühlt, so habe ich in meinen „Umrissen undGrlindzüge»"Bestim»iungenausgenommen, die allen Richtungen nebeneinander den freiesten Spielraum lassen. Sollten meine Vorschläge nicht genügen und auSrcichen, fo mache man bessere. Nur die E i n h e i t der Genreinden möchte ich unangetastet wissen, auch von den Orthodoxen unangetastet wissen, da diese sicherlich von den Bestimmungen deS SoKuloiinn Aruch über den „ Steuerjioang" ganz gut unterrichtet sind, und eS einmal in keiner menschlichen Gesellschaft «ad Verbindung, sei eS im Staat, in der Commune oder der ReitgionSgemeinde, ohne „Steuerzwang" abgeht. Für die Einheit der Gemeinde treten wir ein, — Untergeordneteist uns Nebensache. Um jene dem Judenthum zu erhalten, müssen wir bei den gesetzgebenden Faktoren alle Hebel ansrtzen. Vielleicht entschließt sich die Regierung, bevor sie den Entwurf eines Gesetzes zur Ordnung uuferer Gemeinde-Verhältnisse feststellt und in den Landtag einbringt, ebenfalls Bert rauensmänner aus denverschiedenstenParteirichtungen ein zuberufen und ihren Rath zu hören. In einer solchen Versaninilung dürfte e» sich unzweideutig Herausstellen, daß innerhalb deS JudenthumS für verschiedene „Bekenntnisse" kein Raum ist, daß unter den: Schutze der Einheit der jüdischen Gemeinde auch die verschiedensten Richtungen, dasern sie jüdisch sind und jüdisch bleiben, sich frei neben einander bewegen und — leben können, ganz ebenso wie es Jahrtausende hindurch möglich war. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettin, 31. Oct. Die „N. Stett. Ztg." schreibt: „AuS der Nachbarstadt Stargard wird uns ein Fall von häßlicher Proselytenmacherei mitgetheilt, der nicht verfehlen kann, gerechtes Aufsehen zu machen. Man schreibt »ns: „Ich theile Ihnen nachstehend eine Geschichte mit, von welcher Ihre Leser schwerlich werden glauben wollen, daß sie nicht in Rom,, fondern in Stettin in der zweiten Halste des IS. Jahrhun-' dert» spielt. Ein jüdischer Mädchen von hier (Stargardj, das seinen Eltern durch Anknüpfung unziemlicher Liebschaften schon mehrfach Summer bereitet, wurde von diesen, um dem Gerede hiesiger Stadt «in End« zu machen, nach Pyritz zu Verwandten gebracht. Sine» Tage» erhielte« die Ellern die telegraphische Rachricht, ihre Tochter sei unter Zurücklassung ihrer < Sachen spurlos verschwunden. Bald stellte sich )«doch heraus, daß eine mit de» verwandten de» Mädchen» in demselben. Hause wohnende pietistische Kürschnersrau, Namen» Lanzen, d e junge Dame mit Tractätchen versehen uno in chr« Conventikel mitgenommen, und alS die Verwandten sie deswegen bestraft, bei Nacht und Nebel entführt und zu Herrn Pastor Brandt, dem Vorsteher der Diakonissen-Anstalt zu N.u- Torney bei Stettin, gebracht, tvelcher sie in einer Herberge, Elisabelhstraße 9 eingemielhet hat. Hier wird |ie von einem förmlichen Spionirsystem umgeben, aus Schritt und Tritt bewacht, und nicht einmal den Eitern, die in Verzweiflung siitv, ungestörte Zusammenkunft mit ihrer Tochter gestaltet. Herr Pastor Brandt, den die Eiter» sprechen wollten, läßt sich consequent oerläugnen, und bei seiner letzten Anwesenheit in Stettin hat der ohnehin leidende Vater oeS Mädchens drei Tage )ort krank gelegen, ohne daß die angedtich »ach der Taufe zur Diakonissin bestimmte Tochter an das Krankenbett des VlNerS gelassen wurde. Das 'Mädchen ist vollkommen unwiff.nd in religiösen Dingen, kannte »ach dem elgenen Geständnß de» Pastors Brandt in einem Briefe, der mir zur Einsicht Vorgelegen, weder die iSraelittsche, noch di« christlich« biblische Geschichte, und e» vird mindestens ei» halbe» Jahr nöthig sein, um sie zu unti rrichte» und zn pruie», ob sie au« Ueberzeugung ihre Religion wechiein will. Da der Herr Pastor, wie er sagt, selbst leine Zell dazu hat, so wird er da» Mädchen nach Berlin zn Freunden schicken, weich« sich damu befasset, verirrten oder ungläubigen Seele» ml mujoreui dei gloriam zur Seligkeit zu verhelfen. Jnzioijcheu sind die Eitern in die tiefste Trauer versetzt, dem kranken Vater ,st die miralisch und gesetzlich verpflichtete Psiegerin entzogen und in eine Familie ein unheilbarer Riß gebracht: Alle« un Namen der Religion und zum größeren Ruhine Gotte«!" Der vorstehend ntitgerheilte Vorfall (setzt die Reoac:. der „N. St. Z." hinzu) verdient um so strengere Beurtheilung, al» in demselben der Geistliche einer Anstalt, d>« angeblich nur d,n Zwecke» der Wohtthäligkeit und Barmherzigkeit dienen soll, eine Hauptrolle spielt. Es ist ja bekannt, daß sehr Viele unserer Mitbürger die Begründung „Bethanien»" nur mit stiirkem Mißtraue» begleiteten, weil sie nicht einzujeheu veraiögen, daß Werke allgemeiner Menschenliebe, wie skrank«»- psiege und Heilzwecke, au ein destlmmle« kirchliche» Dogma gedunten seien, und baß c», wenn man den Bewohnern unserer Siadt ohne Unterschied deS Glauben» das Kranken hau» öffnet, nölhig sei, mit dem letzteren «ine eigene Kirche in Berbinoulig zu setzen, einen eigenen evangelischen Geistlichen auzustclleil und ihm ein besonderes Wohnhaus auf dem Grundstück „Bethaniens" zu erbauen. Man willecre irach den vielfältiger in dieser Beziehung gemachteir Etfahrungea hinter der so sichtlich in den Vordergrund lrelenben reltgiöien Außenseite eine propagandistische Tendenz der sogenannten inneren Nassion, für welche da» Krankenhaus nur den Ausgangspunkt biete. Diese Befürchtungen gelangteil seiner Zeit auch in unserem Blatte zum Ausdruck, doch die Verwaltung „Bethaniens" verwahrte sich damals entschieden gegen eilten derartigen Verdacht, und viele unserer Mitbürger ileßen sich iu Folge dessen bestimmen, der Anstalt aus ihre Bille G.ldberträge zuzuwenden. Der in Rede stehende Fall wrro ircher all' die früher erhobenen Zweifel von Neuem anrege», und die» wäre am meisten im Interesse der Anitalt >elbst zn bedauern. ES scheint unL daher nothwendig, daß die Verwaltung lich von dem Treibe» deS Anstallsg.istilcheu öffentlich lossagi, wenn die obigen, unS übrigens von zuverlässiger Seile mitgelheillen Thalsachen begründet sind. Unsere Slaot »st sur Mprtara-Geschichten nicht der rechte Ort, uno da« Urtheil unserer Mitbürger über jede An von Seeleufäugere», welche nothwendig den Frieden zwischen den verjchieoenen kirchlichen Bekenntnissen stören und die herltgsteit Familie,ibanoe zerreißen muß, kann sicher nicht zweifelhaft sei». (Ich bin gegenwärtig auf einer Reise begriffen und habe vorftehenie» Artikel, sowie «ine weitere in der „N. St. Z." erschiene» „ Serichtigung" de« Herr« Pastor Brandt nachge-

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