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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 44. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 44.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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des Choschen Misch pat nab Orach Chajim scheinen ihm all» zur Genüge bekannt. Um diese jedoch umgehen zu können und sich als Mann des „Gesetze»" über die andern Parteien dennoch erhaben zu wissen, muß di« Einheit ter Gemeinden z<?rtrünimert und diese in eben so viele »Bekenntnisse" aufgelöst werden, als dem „Israelit" gesällt Um die Einheit der Gemeinde zn retten, habe ich in meinen beide» Artikeln einen Vorschlag zur Reorganisation der bestehenden Verfassung der Synagogengemeinden in Preußen gemacht, dabei aber wohlweislich nur von „Umrissen und Grnndzügen" hierzu gesprochen, nicht aber damit ein fertiger Gesetz geben wollen. Diese Arbeit muß schon den berufenen Gesetzgebern überlassen bleiben; uns kommt es nur zu, Anregungen zu geben, einen neuen Gedanken in die DiScussion zu bringen. Ich habe ausdrücklich in meinem Artikel bemerkt, daß ich mir nicht einbilde, ein Radikalmittel gefunden zu haben, — weil eben jedes menschliche Gesetz, auch da» beste, seine Lücken hat und nicht Alle zugleich befriedigen kann. Die Einheit der Gemeinde zu erhalte« und doch der religiösen Gewissensfreiheit den freiesten Spielraum zu gewähren, t«S war das Ziel, worauf ich mein Auge richtete. Denn die Einheit der Gemeind« erhält nicht bloS da» religiöse Gefühl in un» lebendig, sondern versetzt uns allein in di« Lag«, unser religiöse» Fühlen und Empfinden auch A n d e r n mitzutheilen, und dieses Gefühl, wo eS erstorben ist, oder nur noch unter der Asche glioimt, wieder zu neuem Leben zu wecken und anMsachen. Alle Glieder Israels beten den Einig-Einzigen, den Heilige» Israels an. All« habe» dieselbe Leidensschult durchgrmacht. Alle stammen von denselben Vätern, Abraham, Isar »nd Jacob, ab, sie gehören All« also auch zusammen und sind nicht in „verschiedene Bekenntnisse" zu trennen; was di« Parteien von einander trennt, ist nicht die Einst verschiedener Eonfesfionen, nicht die Verschiedenheit und der prinzipielle Gegensatz der Glaubenssätze, der Dogmen, de« Wesen« (ich schließ« natürlich hier Diejenigen au«, die überhaupt jede» Sottesglauben, jed: Offenbarung u. s. w. laug» neu), sondern eine verschieden« Ansicht von der historischen Entwickelung unserer Glauben»formen, die mit dem -ipij», dem Glauben an sich. Nichts zu thun haben. Darum ist tote Einheit im Judenthum nicht nur möglich, sondern geradezu unentbehrlich, und unsere Gegner wissen eS auch nur zu gut, daß der Schwerpunkt de» Judenthums zwar in der Familie liege, seine Verkörperung aber in der Einheit der Gmeinde zum Ausdruck gelangt. Ohne diese Einheit find die Bekenner de« Einig-Einzigen zerstreut und zersplittert, Jeder auf sich selbst, auf seine eigene straft hingewii'sen, ohne Sammel- und Mittelpunkt, wie wesenlose Atome mitten in eine erdrückend« Mehrheit Andersgläubiger »ersprer.gt und einer unsicheren und freudlosen Zukunft ausgrsetzt; die Einheit der Gemeind« aber ist unser lebendiger Sammel- und Mittelpunkt. Ihr gebührt zunächst In« Pflege des EuItuS, darum Hab« ich ihr in meinem Vorschläge die Herstellung von Gotteshäusern und deren Einrichtung zuge- «trsen, und nur die Bestreitung des Aufwandes dev. Mitgliedern einer Synagoge Vorbehalten, da man von der Einheit der Gemeinde eben nicht mehr verlangen kann, als daß sie jede» ihrer Mitglieder die Möglichkeit bietet, das religiäse Bedürfiüß ist. öffentlichen Gottesdienst« je nach seiner religiösen Richtung besnedigen zu können; da aber der Aufmand der Synagoge eben je nach der religiösen Richtung ih.er Mitglieder ein verschiedener, bald mehr, bald weniger kostspieliger ist, so muß dieser den Bedürfnissen und der Geschmak-irichtung ihrer eigene» Mitglieder überlasse» bleiben Der Einheit der Gemeinde habe ich (enter die Herstellung und Erhaltung aller CultuSinstitnlionen, als da sind: Be gräbnißplatz, Mikwa, Echcchita und ReligionSschule, zugewiesen. Ich halte es wohl für uiöglich, saß die Gesammt-Geneinde mit ihrem Begräbnißplatz, tritt ihrer Mikwa und Schechila, die ihrer Aussicht unterstellt ist, auch ihre strengste Parteirichtung wird befriedigen können., weil eS ja auch den Fortgeschrittensten gleichgültig bleib.-n kann, wenn diese selbst unter die strengste Eontrolr gestellt werden. AnrerS verhält e« sich freilich mit der AleligionSschule, — da wird in großen Gemeinden wohl neben ',eder Synagoge auch ne Herstellung einer ihrer religiösen Richtung entsprechenden Religionsschule nöthig sein, die dann der Aussicht der betreffende» EultuSoertretung unterzuordwm wäre. Doch ist e» ,a möglich, daß die ganze Schulfrag« in ein neue» Stadium rückt und mit dem un» in Aussicht stehenden organischen Schulgesetz so entschieden wird, daß wir die jüdische ReligionSschule bei der Ordnung unserer Verhältnisse ganz au» den Spiele lassen können.*) — Der Einheit der Gemeinde bleibt endlich, wie sich ja ganz von selbst versteht, auch di« Errichtung und Erhaltung von gemeins'hafllichin Wohlthätigkeitsanstalten» die Besoldung der Rabbiner und EultuSbeamten für die verschiedenen Synagogen und endlich, die Tilgung oer gemeinschaftliche» Schulden vorbei lte«. Der ' Israelit" sieht wohl ein, daß für die Thätigkeit der einheitlichen Gesan.mt-Gemeinde genug übrig bleibt. Um der Ge w i s s e n« f r e i he it innerhalb der einheitlichen Gesammt-Gcmeind« den freiesten Spielraum zu schaffen, habe ich für große Gemeinden di« Errichtung so oieler Synagogen in Aussicht genommen, als für die Befriedigung de» gottesdienstlichen Bedürfnisses nöthig ist, und habe die Form de» in ihnen abzuhaUenden Gottesdienstes ebenso wie die Wahl ihrer EultuSbeamten den Mitgliedern dieser Synagogen selbst anheimgrstcllt. Mehr kann doch wahrlich für die Gewissensfreiheit nicht gefordert werden. Daß die Errichtung und Erhaltung mehrerer Synagogen nur in große n Gemeinden möglich ist, sieht ein Eind ein, und da -och irgend eine Grenz« angenommen werden muß, so habe ich eine groß« Gemeind« in Zahlen definirt. Di« Ansichten können natürlich darüber aujeinandergehen, wo der Begriff einer großen Gemeind« anfc.ngl und aufhört; doch wird sicherlich hierüber ein« Einigung möglich sein.') In kleinen Gemeinden ist freilich nur di« Erhaltung einer Synagoge möglich. Da aber auch hier die Form der Gottesdienstes und die Wahl der Eultusbeauiten in die Hand der Gemeinde selbst gelegt ist, so kann «in Gewissenszwang auch hier nicht befürchtet werden, nur daß sich sreilich die Anhänger der extremsten Richtungen, deren hier doch nur wenige Einzelne sein können, in die goldene Mitte werden schicken müssen. Der „Israelit" braucht sich *) Den, Diffenz der Parteien wird aber der Religio»«untericht nie entgehen können I <A«d.) ') wa«. hier gesagt ist, gilt auch von dem vruchtheil einer gro» hm Gemeinte, für dm «in besonderer Gottesdienst nöthig wird. —

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