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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 44. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 44.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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btr weiß recht wohl, daß e» ju alle« Zeiten, von Mose» dir auf den heutige« Tag, Parteien innerhalb unsere- Glaubengegeben hat, nüt dem Unterschiede nur, daß ewährend unserer mehr als dreitausendjährigen Geschichte noch keiner Partei, so bitter und scharf sie anch die anderen bekämpfte, beigekommen ist, sich von der Gesammtheit loszusagen und gegen dir Einheit de- Judrnthnm» Front zu machen; in die E i n h e i t des JudenthumS da» Schisma verschiedener Bekenntnisse hineinzvtragen, das ist die eigenste Errungenschaft unserer moderneu Orthoooxen. Einige Beispiele iverden hier wohl genügen. Ulzur Zeit des ersten Tempels die Fürsten und Vornehmen. die Priester und ihr Anhang, ja selbst der größte Theil de- Volke» dem Heideathum huldigten und den Tempel de- Einig-Einzigen durch Götzendienst besudelten, was thaten da die Propheten mit ihrer Partei, die doch sicherlich nicht minder als die heutigen Orthodoxen für Gott und ihren heiligen Glauben glühten und begeistert waren? Suchten sie da den Riß durch die Feststellung de» Schisma noch weiter und unheilbarer zu machen? petitionirten sie bei ihren eigenen GlaubenSbehörden um LoStrennung, um Zertrümmerung der Einheit ihre- Glauben», um Theilung ihrer Religion in „völlig entgegengesetzte und sich gegenseitig ausschließend« Bekenntnisse"? O nein! Mit Klarheit und Bestimmtheit, mit Wärme und Begeisterung verkünden sie gerade die Einheit ihre« Glauben» und wahren sie den traurigen Verhältnissen ihrer Zeit gegenüber al» ihre heiligste und theuerste Hoffnung; ja »och mehr, mit hell leuchtenden Augen, schauen sie in die Zukunft der Jahrtausende und erblicke« am Ende derselben ein goldene- Zeitalter, in dem alle Menschen ohne Unterschied der Sprachen und Sitten sich um die Fahne de» Einig-Einzigen schaaren und nur eine GlaubenSgemeinde bilden werden. — Schlagen wir eia Paar Blätter in unserer Glaubensgeschichte weiter um. WaS lesen wir au» der Zeit de» zweiten Tempels, al» du GlaubenSgemeinde Israels in vier Parteien, in Pharisäer, Eadducäer, Effäer und Hellenisten zerfiel, die, da» wird wohl kein Kundiger läugnen können, eben so schroff wie die heutigen Parteien einander gegenüberstanden und von einem prinzipiellen Gegensatz ihrer religiösen Grundanschauungen beseelt waren? Wollten sie da ebenfalls Bresche legen in die Einheit de» Judenthum» und diese» schiSmatisch in vier „völlig entgegengesetzte und sich gegenseitig ausschließend« Bekenntnisse"' getrennt und aufgelöst wissen? Selbst damals, da doch di« 03N DK3V nach dem Zeugnisse de» Talmuds * *) in üppiger Fülle wucherte, dachte keine Partei an die Auflösung der Einheit des Judenthum» in verschiedene „Bekenntnisse." Die milden Mischnalehrer, die im Volke den größten Anhang hatten und, wenn sie wollten, eine unbezwingliche Einwirkung auf die Gestaltung der religiösen Institutionen ausübten, nahmen im Kampfe gegen die anderen Parteien nicht zu Waffen der Gewalt chreZuflucht, sondern verließen sich auf di: siegend« Macht der Wahrheit, die sie vertraten; ja, al» selbst der Hohepriester im Verdachte stand, dem SadducäiSmus sich hinzuneigen, versuchten die Mischnalehrer etwa nicht, denselben von seiner Stelle zu verdrängen*» und ihren Vertrauensmann an feine Stelle p» setzen, dahten auch nicht daran, sich von der Gesammtheit zn trennen ind ein eigene» „Bekenntniß" z» constituiren, — sondern S.tte», wa» man that, war, daß man dem Hohenpriester unmittelbar vor dem BersöhnungStage, da derselbe allein imTempel drnDienst zu verrichten hatte, in» Gewissen redete und die überzeugend« Macht der Wahrheit allein auf ihn wirken ließ.') So bekämpften damals t« Parteien einander, und man trat mit ganzer Kraft für ti« Wahrheit, die man als solch« erkannt hatte, ein; man haßte einander redlich, — aber an dir Eiuheit de» Glauben» wagte Niemand Hand anzulegen. Man hatte bei allem Hass« unt bei aller Abneigung doch noch «ine gewiss« Achtung vor der r.eberzeugung Anderer, und bei dem redlichsten Streben, seiner Ueberzeugung zum Siege zu verhelfen, blüb man in der Wahl der Waffen doch an der Grenze stehen, wo die Einheit de» Glauben» bedroht schien. Waren ja damals nicht blo» die verschiedenen Parteien, sondern ost auch die Glieder ein und derselbe« Partei von einem prinzipiellen Gegensatz in den religiösen Grunl»- anschanungen beseelt! Ist eS ja allgemein bekannt, daß die Schule Säfammai's oft verbot, wa» die Schule Hillel» erlaubte,!mß diese rein sprach, wa» jene für unrein erklärte!') Und dennoch verketzerten und verfolgten, verdächtig» len und schmähten sie einander nicht, sondern waren gegenseitig von E -fühlen der Hochachtung, Liebe und Freuudschajt beseelt. *) Diese wenigen Beispiel« au» msserer Glaubensgeschichte werden genügen, um sestzustrllen, daß e» ersten» zu keiner Zeit an „völlig entgegengesetzten und sich gegenseitig au«schließenden" Parteien innerhalb de» Judenthum» gefehlt hat, daß aber zweiten» diese Parteien bi» zur Stunde wohl redlich einander bekäinpft, ein Schisma aber niemal» Hervorgerufe« haben und sich als verschiedene Bekenntnisse niemals angesehen nässen wollten. Wie kommt nun der „Israelit" dazu, nur von Parteien in der heutigen Judenheit zu sprechen und vom Staat zu verlangen, daß dieser sich in die inneren relig ösen Angelegenheiten de» Judenthum» misch«, diu Einheit desselben zertrümmere, und dieselbe in mehrere Bekenntnisse!tnd Serien auflöse? Mit welcher Stirn könnt«, dann solch« „Männer de» Gesetze»" im Judenthum vor ihr«. Gott hintnten und noch da» alte Wort beten:!jn*3 *rnx 'u Sotr *|om -vi *rrw "pcn tttk n* Wie künnien dieselben Männer, die den Buchstaben de» Gesetze» aus ihre Fahne gkschrieben haben, sich noch mU de« scharfen B.'stimmungen de» Schulchan Aruch absinden, du dieser al» Pflichten gegen die Einheit der Gesair.mtgemeintn vorschreibt? Man sage etwa nicht, diese Bestimmungen wäre« dem Verfasser jener Artikel unbekannt gewesen, denn er schreibt . ja auSdrück ich: „da» Gesetz schreibt un» al» religiöse» Gebot vor, der Gemeinde un» anzuschließen und deren Lasten mit zu tragen (El 747)." Die einschlägigen Bestimmung«« *) Die« geht zu weit! Nur unter sadducäischer Negierung mußt« man sich auch einen savductischen Hohenpriester gespien lasse». (JU*J •) «dijoih 4, 8. •) Joma 18, K 19, b. •) Jebanoth 14, b. Nur «tn»,l p-, Zeit de« ». Dempel» trenn»! sich ein« Partei unter dem Einflnß ihrer frnnde» Alieder m» der Einheit loh, und sofort »urd« au« de« Bekenntniß innerheld de» Jndenthuml ein« i»«e Neligt»» außerhat» desselben. ') Joma 9, b.

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