Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 43.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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eigt, daß bie Völker sich als «ine Familie erkennen, deren einzelne Glieder «nr in den Werken de» Frieden» wetteifern wollten. Di« Versammlungen. Lehren und Strebungen der Friedensfreunde fanden laute Zustimmung. Zwar der alte Lord Feuerbrand, der Erfahrene, der de« stolzen Nationalgefühl feine» Volke» nie etwa» vergeben, und darum so oft mit dem Ariege gespielt hatte, sagte warnend: „wir treiben in den Krieg"; «» wurde nicht geglaubt. Da kam die Krisis, die Kanonen sprachen, da» Eine war alrbald entschieden, daß e» zwischen den Völkern noch „im allen Rechte stand." Jeder weiß, wie auf jenen, fern in der Türkei und auf entlegenen Meeren geführten Krieg noch mehrere gefolgt sind, von denen der eine immer noch unmöglicher erschienen war, al» der vorhergehende. Ebenso weiß Jeder, daß wir eben wieder eine Krisis erleben, die vielleicht, bis dieses Blat t gedruckt vorliegt, schon eingetreten sein wird. Wer hätte vor Kurzem noch es für möglich gehalten, daß ein Volk, welche» unbestreitbar so viel Geist besitzt, wie da» französische, so entschlossen und vollständig mit der Vergangenheit gebrochen, die alten Traditionen so gründlich abgethan hat, daS so viel auf seine Freiheit und Ehre hält und sich zu Gute thut, wir sagen, daß das französische Volk die. unendlich« Lächerlichkeit einer Restauration der Bourbonen über sich bringen, sich so dem Hohngelächter aller Welt preiSgcben werde? Vielleicht geschieht eS auch nicht! Wer kann c» wissen? Eine Krisis wird eintreten, dann wird die Frage entschieden sein. Genug der Beispiele aus dem uns hier fernliegenden Gebiete der Politik, begeben wir unS auf da» un» näher angehende der Religion. Wer hätte, al» Piu» IX. die Bahn der Reform und einer liberalen Regierung unter dem begeisterten Zuruf aller Eonfessionen einschlug, als der Katholici»mu» selbst vor den Angriffen eine» Rouge, die sich doch nachher als so unbedeutend und wesenlos erwiesen, zu wanken schien, wer hätte damals Alles, was wir seitdem erlebt haben, ahnen können, ja nur einen kleinen Theil von demselben? Man stritt, ob der KatholiciSmuS in bewegbarer Frist sich auflöfen, ob noch einmal ein Papst gewählt, dann, ob das Eonctl wirklich, ernstlich ausgeschrieben werden, ob eS zu Stand« kommen werde, dann, ob man wirklich da» neue Dogma zu votiren, zu verkünden wagen könne. Die Krisis ist eingetreten, d. h. die Thatsachen haben darüber entschieden, daß fast Alle», wa» die auf ihren Fortschritt, auf ihre Bildung u. s. w. so stolze Zest für unmöglich erklärt hatte, dennoch geschehen ist. Eo läßt sich noch jetzt, und jetzt erst recht, über da», wa» nun in der Abwickelung der religiösen Fragen und Wirrungen geschehen wird, mit Gründen hin und wieder streiten; Thatsachen, Krisen werden entscheiden; aber höchstwahrscheinlich nicht so gar schnell, denn, wie wir schon in den einleitenden Sätzen gesagt haben, die Entwickelung und der Verlauf einer Krise im Gebiete de» Geistigen geht nicht so schnell von Statten, wie auf dem des Materiellen. Und sollte es auf dem Gebiete de» Judenthum» ander» sein, kann eS anders sein? Lange schon behauptet man unter unS von der einen Seite, daß das Judenthum durch den Fortschritt der geistigen Entwickelung dahin gelangt sei, den größeren Theil der überlieferten „Formen" entbehren zu können, daß der geistig« Inhalt derselben nicht bedürfe, daß der Monotheismus im Geist und Gemüth der Juden so befestigt sei, daß er die „schützenden Hüllen" entbehre« könne; Andere dagegen halten die» bestritten. Man hat von der ersteren Sette weiter bebauptet, der Lehrinhalt der israelitischen Religion sei bereit» Eigeuthum aller höher gebildeten, vorurtheilSlosea Geister, darum sei oder werde ein specifische» Judenthum allgemach entbehrlich; Andere haben, auf entgegengesetzte Erscheinungen hinweisend, die Folgerung auf da» Entschiedenste verneint. Da» Streiten mit Gründe» würde zur Verständigung nicht um einen Schritt näher führen. Die Krifi» ist seit einiger Zeit eingetreten, und die sich au» ihr ergebende Antwort wird nicht lange mehr zweifelhaft sein. Wir sehe», daß von dem positiven Judenthum bei denen, welche den bloßen Lelirinhalt festhaltcn zu können vermeinen, ein Stück nach dem andern fällt, daß ihre Kinder von dem Judenthum bald gar leine Kunde mehr haben werden, die Existenz der Festtage vergessen, die Bedeutung derselben ihnen weit unbekannter, a!» die der altgriechischen oder römischen Feste, der Gottesdienst, und wäre er ganz deutsch, unverständlich und unwirksam, weil Bedeutung und Gewohnheit de» Beten» an sich fremd geblieben, und entweder nur «in Gebet u« irdische Btdürfnisse de» Tage» noch da» Gemüth ergreift, oder weil mit dem Glauben an einen lebendigen schicksalelenkenden Gott, auch die Bitte und Fürbitte eine Thorheit erscheint... Der Moncthcismu» aber, so sehen wir e» klar, ist bei Juden (der Geburt nach) wie bei Nichtjuden keineswegs so befestigt, daß er nidit durch Atheismus und Nihilismus verdrängt würde. Da» Alle» ist Thatsache für Jeden, der nicht die Auge« verschließen will. Wäre ei Fabel, so müßten wir hinzusetze», „was die Fabel lehrt." Die Thatsachen der Krifi» aber spreche» deutlich; «» wird überflüssig sein, noch erläuternd hinzuzufügen, daß auch in Hinsicht auf da» Judenthum theoretische Ansichten und Pochen auf Fortschritt der Zeit durch Thatsachen widerlegt werden. . Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stettill, 24. Oclober. Ein« Eorrespondenz au» Berlin im „Israelit" der vorigen Woche giebt un» Anlaß zu eine« Nachträge zu unserm Leitartikel im vorigen Blatte. Wir haben da, an der Hand der Thatsache, einerseits di« Nachtheil« der in Frankreich bestehenden cenlralistischen Verwaltung der jüdisch-religiösen Angelegenheiten durch den Staat, andrerseits die Gefahren der in Nordamerika herrschenden schranken-, losen Freihet und Concurrenz bei der Bildung von Synagogengemeirden geschildert. Eine Betrachtung der französischen Synagogenverfaffung hat für un» kein praktische« Interesse, sie wird auf Deutschland, namentlich auf Preußen, nicht übertragen werden, sie ist e» daher nicht, auf die wir heute zurückkommen. Die nordamerikanischen Verhältnisse aber werden von Vielen als Ideal angesehen, und e» sind, wie bekannt, jetzt vornehmlich unsere Orthodoxen, welche alle Hebel ansetzen, um sie auf Preußen zu übertragen. Wir wollen hier nicht darauf Hinweisen, daß für un» in Deutschland dadurch nui noch mehr als bisher „die Partie ungleich stehen" ’ ■ würde, weil die in Nordamerika seit der Unabhängigkeitterklärung durchgesührte vollständige Trennung des Staat» von .; der Kirche bei uns noch ziemlich lange frommer Wunsch blei» H den und d:r Staat noch lange den verschiedenen Kirche» seine Unterstützung und Förderung gewähren wird, selbst dann gewähren wird, wenn er momentan mit einer solchen auf sehr . gespanntem Fuße steht. Wir wollen ferner den Orthodoxe« gegenüber di» argumentum ad hominem gebrauchen, daß.> "1H in Nordamerika, von einige« rein an» russische» und oergl.i.W