Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 42.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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oder die Siepublik mit der millionenmal angepinselten Devise von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — er kennt keine Gleichheit, nicht einmal im Tode und für da» Grab, «r thnt nichtgr atir! E« ist nicht uöthig, daß wir auf die Einleitung diese« Artikelzarückgehen und die Resultate recapituliren. Cs ist alleselbstverständlich. Berichte und Correspondenzeu. Deutschland. Stettin, 20. Oktober. «Wer Butter aus dem Kopfe bat, soll nicht in die Sonne gehen, wer in einem Gla-Hanse wohnt, nicht mit Steinen werfen," so und ähnlich lauten treffliche Sprüche jener Tugend, welche „die Mutter der Weisheit" ist. Wenn sie, ihrer Popularität ungeachtet, doch nicht immer befolgt werden, so geschieht bas offenbar entweder au» Frechbeit, welche die fragliche Butter, resp. da» Glas, durch dreistes Bedecken de» Blicken entziehen will, oder aus Bornirlheit, welche selbst von dem Borhandensein jener Dinge nichtweiß, oder in blinder Leidenschaft. — Wie kommt es nun, daß Pastor Quistorp sich noch fortwährend mir den Juden beschäftigt, nach ihnen mit Steinen wirft und sich, trotz seiner Butter, in da» Sonneulicht der Oeffentlichkeit stellt? —Man sendet uns ein ganz frisches Exemplar seiner „Deutschen Wacht" mir folgendem Artikel: „Zunahme der Juden in Berlin. Ein liberales Blatt berichtet: „Am Versöhnungstage waren die drei Hanptsynagogen der jüdischen Bevölkerung in der Hauptstadt so von Andächtigen gefüllt, daß durch die in Folge dessen entstandene große Hitze viele Beter ohnniächtig wurden und midi Hanse geschafft werden mußten. Wie wenig diese Synagogen der Zahl der jetzigen jüdischen Bevölkerung Berlinentsprechen, mag daraus erhellen, daß außer den 4 hier noch existirenden größeren Synagogen von Prioatgemeinven etwa 20 Säle und Zimmer eingerichtet und auch an de.» Feste noch überfüllt waren." — Ein Zeicheir der Zeit, dazu denken gibt! Daß iir Berlin die Juden mit der lawinenartig wachsenden Gesammtbevölkerung an Zahl gleichfalls riesig zunehmen, kann un« kaum wundern; aber die Zahl der betenden Jud:n wundert uns gar sehr. Denn wenn man die traurige Thatsache erwägt, baß unter den Juden sich viele mir betrügerischen! -Schwindel befassen, den Handel mit unsittlichen Büchern, Bilder» u. s. w. mit Vorliebe fördern und auch sonst allerhand unsaubere Dinge und Geschäfte betreiben, dann kömmt einem bei diesen 24 gefüllte» Räumen de-„VersöhnungstageS" unwillkürlich der Gedanke: GibtS denn bei den Juden auch Ablaßhandel und Ablaßglauben? Oder wird hinfort etwa ein neuer Geist und Sinn die Judenschaft beseelen, daß Trug und Schwindel und schmutziger Gifthandel au« ihrer Milte verbannt sein wird? Das wäre zu wünschen!" Wo bleiben also unsre Sprüchwörler und wo das, einem gelehrten Manne natürlich auch bekannte lateinische von den Grarchen, die nicht über Aufständische klagen dürfen* Der Rami Quistorp war früher nur in unsrer Nähe bekannt, dann Hot der „Kladderadatsch" eS besorgt, daß man ihn weithin nennt, und ein Berliner Börsenblatt hat den Titel des „Pleite- PastörchcnS" noch weiter populär gemacht. Wie dos Blatt vbrau-gesagt, ist der Name geblieben, und wie daS Börsenblatt verkündet, hat eS der darüber angedrohtcn Jnjuricnklage ruhig cntgegengesehen; eS hatte dem Manne .-xplicirt, ««'man unter „Pleite" verstehe, und daß er durch den AtlSgang der von ihm getriebenen frommen Geschäfte zu den „Pleitiers" gehöre. Nun ist der Nanie Quistorp aber noch weiter bekannt, auch in gewisser Weise berühmt und Bielen theuer, sehr theuer geworden! Freilich nicht der des P-stori, aber der seiner Brüder. Unter allen Gründern die »lichsten Zugrundrichter. Luch sehr fromme, sehr christliche Leute, di« auch viele fromme Stiftungen gegründet und dadurch hoch hinansreichettde Protection gewonnen haben. Zwar, soviel n:an hier in loco, wo man e« ja genau wissen muß, behauptet, persönlich ebcenh aste Männer, uno nicht einmal im Anloniur'ich.» Sinne; aber immer ist der Name vor der Hand mit ein in Schwindel sondergleichen verknüpft; alle- Schwindel, Pleite, zerbrochen; da knüpfen sich an den Namen tausend und aber tausend ruinirre Existenzen, der Schweiß de» ehelichen, betrogene» Arbeiter», die Sparp ean ge der Wittwe, d e AlterSnolhpsennige des Invaliden, vie in Gründer-Rauch ausgegangenen Slaalspapiere und Hypotheken der Pensionärs. — — Und das wagt in dem gleis, GlaS bereits gebrochenen Hause mit Steinen zu werfen, w:gt mit so viel Butler (und welch ranziger Butter!) in die Sonne zu gehen?! Erdrerstel sich über Jaden-Schwindel zu klagen?? O Gracchus! Berlin, 2i. Oktober. (Or.-Corr.) Am Dienstag den 21. d. M. fand in dem großen, festlich geschmückten Saale der Gesellschaft der Freunde in der neue» Friedrichsstraße di« Eröffnungsfeier des orthodoxen Rabbinerseminars statt. Die Feier begann init einem Chorgesang, nach welchem He, r Rabbiner vr Hildesheimer die Eröffnungsrede hielt, in welcher er die Aufgabe des Seminars dahin bezeichnet«, Rabbiner zu bilde», die ein festes unwandelbares Judenthum lehren, unbeirrt durch di« jeweiligen Zeitftrömungen. Nach ihm sprach Herr Rabbiner vr. Cohn aus Mecklenburg-Schwerin; er legte in länger:,» Vortrage dar, daß das Juoeulhum imnier dieselbe Wahrheit, dieselbe Lehre bleibe; bei ihm könne nicht von Form und Wesen die Rede sein, denn wie man tu n Körper nicht von lrer Seele scheiden könne, weil beide eins sind, jo unzertrennlich seien Form und Wesen der Religion Israels. Wenn man die For», zerbreche, verliere sich auch da» Wesen, es sei di- Aufgabe derjenigen, welche berufen, da» Judenthum zu lehren, auch die uns überlieferten Formen zu erhalten und unser» Nachkommen zu vererben. Hierauf bestieg das Mitg ied d«S Euratoriums, Herr Banquier Schwarzfchild aus Frankfurt a. M, vie Tribüne und gab eilten Rückblick über das letzte Säculu», in Bezug auf die dar:» «urstandenen reformistischen Bewegungen im Judenthum uno deren Erfolge, die er überhaupt dem Umstände zuschrieb, daß die alten Rabbine», welche damals die Lehrstühle inne hatten, mit Ausnahme der talmudischen Kennrniffe, jeder wissenichaft:. Befähigung enlbehrten. Herr Studiosus Cohn aus Mainz legte noch in <:uem Vonrage die Schwierigkeiten dar, »nit welchen ein Jüngling, der ,rch dem Rabbinerfache widmet, zu kämpfen hätte, um die »öthige wissenschaftliche Grundlage sich zu erringen, er habe sich ,n den verschiedenen Disciplinrn nur auf Uniwegen and oft vielleicht auf falschen Wegen die Kennlnisse zusammensuchen müssen, deren er bedürfe. Herr Rabbiner vr. Hild.'Sheimer sprach demnächst das Hanolhin Teichua, und fand durch eine» Chorgesang der Schluß de:: Ferrr statt. Minister Falk ließ se,n Richter,cheinen durch dringende Amlsgejchäfle «nischuldigen. Rach Beendigung derselben gab Herr vr. Hildesheimer einem engeren Kreise seiner Freunde und Anhänger ein Festmahl, weiches, wie wir hören, in heiterer gemülhilcher Stimmung verlief, gewürzt durch mehr oder minder ge.streiche Tischreden. Berlin. Ende September. (Or.-Corr.) Wir knüpfen, Herr Redacleui, an Ihre letzte Bemerkung zu unierm Bericht in Rr. 37 an, iu der Sie zur Ihre Person Verwahrung dagegen einlegeit, als ob Sie den u»ter dem dort besprochenen Ausruf genannten Herren irgend einen hinterhältigen Gedanke», etwawie eine Jnlrigue impuliren wollten. Dies« Ihle Verwahrung machen wir vollständig zu der un,rigen, ivie wir dies schon in km qu. Bericht angebeutet haben. Da um diese Zeit des jüdisch-religiösen Jahres das Gewissen empsinolicher zu sein nnd lauter zu sprechen pflegt als >onft, und da wir un« der Strafe für de».„ungerechten Verdacht gegen rechtliche Menschen" nicht auSsrtze» wollen, so erklären wir