Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 42.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-5935020-5935737--1887-5371432- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
an ihn gestellten Zumuthunge» zu entsprechen, und der im Stande ist, ei» volle» Hau» zu machen. *3» der That, Religion ist ein Geschäft, di« Gemeinden sind Concurrenten geworden, und da der Zug unserer Zeit zur Spekulation treibt, so wird diese auch auf jenes Geschäft angewendet. Die Ausgaben kommen nicht in Betracht, die Speculanten haben nur die Einnahmen im Luge, und um Kundschaft zu sichern, werden keine Kosten gescheut. Natürlich können nur reiche Leute dies wilde Wettrennen mitmachen, aber wir fürchten, das Ziel ist nicht Religion, nicht die Pflege unser» unschätzbaren Erbes, sondern das goldene Kalb. Was soll der arme Mann thun? Wo beten? Muß er sich ohne Religion behelfen? Ach, er muß sehen, wie er fertig wird, sowohl religiös wie social. Die großen Prediger, die guten Lehrer, der schöne Chor, die gepolsterten Sitze, das vergoldete Getäfel sind nicht für ihn; er muß sehen, wie er seine religiösen Bedürfnisie in demüthigerer Weise befriedige. „In alten Zeiten mußte der Geldbesitzer einen Theil der Ernte den Armen überlasien, mußte den Zehenten seine» Einkommens den Bedürftigen geben; warum reserviren diese Gemeinden nicht ein Zehntel ihrer Sitze für diejenigen, welche die schweren Abgaben, die ein Jahresbudget von 30,000 Dollars jedem Mitglied« auferlegt, nicht erschwingen können?"*) Bei den ersten Zeilen der vorstehenden Auslastung hat der Leser sicherlich gedacht, „da» ist ganz wie bei uns", aber da» dann weiter Geschilderte ist Gottlob bei un» nicht so. Wir haben in den Synagogen keine gepolsterten Sitze für die Reichen, verkaufen keine Plätze für 3000 Dollars, in unfern Prachtsynagogen findet auch der Arme, der fremde Bettler ein Plätzchen; eine die Religion tief entwürdigende, erwürgende Eoncurrenz, wie in Amerika, findet keinen Raum — so lange die Juden, auch der größten Städte, eine Gemeinde bilden! Hört dies auf, so werden auch bei un» gleiche Ursachen gleiche Wirkungen haben, da» ist unbestreitbar wie dieses Axiom selbst. Wenn, um nur den einen Punkt hervorzuheben, die Gemeinde als solche, al» Einheit, nicht die Pflicht hat, für die Armen Plätze zur Andacht zu bestellen, so wird die eine Separatgemeinde diese Sorge der andern zuschieben, jede aber wird gezwungen, vor Allein darauf zu sehen, daß sie „auf ihre Kosten komme", und zwar auf jede Weise» Soll aber die Theilung der Genreinden nach Orthodoxie oder Reform vor sich gehen, dann würden am Ende die Verwalter der orthodoxen Synagoge dem Zutritt erbittenden Armen sagen: „legitimire dich erst über deine Frömmigkeit" — und die de» Reformtempels! „iß erst dieses Stück unkoschere Wurst, sonst »vende dich an die Anderen." Sage man nicht, daß die WohlthätiMt bisher nicht nach diesem Schiboleth gefragt habe — da» ist nur darum nicht geschehen, well Bewußtsein und Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit n o ch in unserer Mitte stark sind. Da« sind also die unausweichlichen Folgen der schrankenlosen Freiheit und Eoncurrenz. *) Dea Schlußsatz btf Artikel« geben »ir in einer Anmerkung, «eil er nicht «ehr ,u unser» Thema gehört, -der ein in einem Resormblatt« wahrhaft frappante« Srständniß enthölt. „Denn Sdigion von de« So «««dienst in einem schimmernden Tempel abhängig wäre, so wür. de» mir wegen unserer arme» Gleubentgenoffe» verzweisel»; aber die« «st nicht der Fall. und. »a« noch «ehr ist, di» reliPöse velchrun» welch« dies« arme« Autgestoßenen au« ihren einfache» «ebetbü. ch»r» und der videl schöpfen Baum, ist rein und unverfälscht." > . Die religiöse B>wfassuiH der französischen Jude« bildet, de« 'Aegensatz und — die Gegensätze berühren sich! In der jüdischen Gemeinde z>» Pari» bcstcht feit drei Jahren eine „Gessllschast der ewigen Ruhestätte," (ttv repos öternel,) deren Gründer Herr Benott Levy ist. Durch Spenden der Wohlhabenden und kleine Beisteuern der Armen will sie nach und mch Plätze eriverben, in denen Arme für immer beerdigt wertun sollen, damit sie nicht mehr in die „gemeinsame Grübe", fasse commune, verscharrt werden, aus der nach »venigen ' Jahren die Gebeine ansgehoben und weiter zusammengeworsen wertun. Der letzte Jahresbericht dieser Gesellschaft liegt un» vor. Wir brauchen nur einige Zeilen mitzutheilen. „Die Einfachheit der jüd. Begräbnisse in Paris ist nur Schein; für * die Einen Grabgewölbe mtt Monumenten, für die Andern di« fosso commune! . . . Wir haben uns ausgerechnet, daß man ., für 100 Frc« ein Grab gewähren könne, aber die Wohlthätigkeit werde es ermöglichen, den Preis noch bedeutend zu «rmoßijM. . . Wirklich haben wir d. I. 32 Leichen zum ermäßigten Preise von 20—50 Frcs., ja sogar elf gratis beerdigen können. . . Die Armenkasie der Gemeinde hat unser Vertrauen nicht getäuscht und un» sechs Grabstätten geschenkt Ja die Almosenempsär ger und die Greise in dem Versorgung«- hause haben sich monatlich mit einem Franc besteuert, um sich ein ewiges Grab zu sichern, und wir haben d. I. 15 Eingeschriebene beerdigrn können, von denen einige erst 2—10 - Frc». eingezahlt hatten. Ferner haben wir 11 Leichen au« der koss« commune te» Pärs Lachaise auSgtgraben und in unjerr Gräbern beigesetzt." Und nun bittet Herr Benott Levy in herzergreisenden Worten um Beiträge, denn auch die Wtttwen rnd Waisen der Armen »vollen auf Keber Aboth gehen — o wie bitter die Lchrünen derjenigen, die nicht wissen, no die Gebeine ruhen, in teren Nähe sie gern« weinen möchte«!.." iLären diese Worte nicht, zeugte das Schriftstück nicht von dnn warmfühlendcn, edlen Herzen seine« Berfaffer«, wer von un» könnte den Bericht lesen ohne einen Au»ruf de« Zornes, und wärt dir Sache nicht so heilig — «er ohne .Hohngelächter! Wien und Berlin find auch kein« Städtchen, die Zechl der Juden ist in beiden jetzt größer al« in Pari», arme Juden giebt e» in Wien sicherlich mehr al» in Pari»; von Pest, Warschau, Amsterdam, London, gilt da» Gleich«. Ist do» Terrain um Pari» herum theuer? Bei London, Wie» und Berlin, ja bei Stettin und Leipzig bekommt man auch , keinen Quadratmeter um onst. Wer hat bei Juden in aller Welt, ausgnommen in Pari«,, von einer ko»o« commuv« gehört, wer hat dem Almosenempsänger, dem irgendwo gefundene« Leichm.m de» Bagaborden ein andere» Begrädniß gegeben al» dem Millionair?! In Wien sind im Jahre 1872: 3*69, ix Prag 196, in Pest 576 jüdische Leichen gratis beerdigt »«- . den —(s. Wochenschr. Skr. 25 L.A.); wie namenlos armselig dagege, jene Pariser Essern!! Die Pariser, di« französische« Glaukumsgenoffen Haberl gewiß ebenso ein jüdische« Herz, ' wie wir andern in aller Dielt; aber sie find sett Generationen gewohnt, daß ihnen der Staat alle» für den EultuS besorgt,*) au» eigenem Antriebe, mit eigenem Geld« sorgen, haben sie verlernt; der Staat aber — gleichviel ob di« Autokratie Rußland« *) Darum auch die «trigca, ute» lächerlich erscheinende» Klaps» «der die endlpft «erzöge»,, in de» «elieNdu», der «m pariser 6f na»«^a «ine deutsch, »rneinde 'wn drechl, V;««»«» hätte län^t «ui ri*« Kraft «in Ende Gemacht i ■ 338