Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 41.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5369809-5935020-5935735--1880-5371426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 332 Zulassung jüdischer Aspiranten in die künigl. Ladet lenaustalt hier, ist in allen ihren Theften entstellt. Zunächst ist der Fall kein norum, da eia ähnlicher bereit» vor mehr ali einem Jahrzehnt hier spielte. Sodann sind die Anfrage de» kömgl. Cadetteacorps-Commando» und die Antwort de» Raboinates München unrichtig wiedergegeben. Die Antwort des Rabbinalcs ist geradezu ein Phanlasiestück. Auch nicht einer der angeblich vom Rabbinate geschriebenen Sätze befindet sich in dem Gutachten desselben. Endlich ist auch von dem königl. CadettencorpS-Eommaudo teiu Gutachten auswär'iger Rabbiner eingeholr, vielniehr auf Grund der Ausführungen dcS hiesigen RabbinateS der betreffende Aspirant hur Aufnahuisprüfung bereits vorgeladen worden." Der entstellte Bericht ist auch in den „Israelit" übergegangen und glossirl wo. den; von der Berichtigung, welche Ichon am 21. o. Mis. erschienen ist, hat das Blatt jedoch teilte Notiz genoulmen. Oesterreich. Lemberg, den 5. Oct. Die Wahlbewcgung hat unsere Glaubensgenossen in Galizien zu einer heilsamen Eoncentralion chrer Kräfte vermocht, vergessen ist der religiöse Zwiespalt, eine Gemeinde ruft der andern zu: „seien wir einig, kämpfen wir für unser Wohl, befreien wir uns von der polnischen Zwingherrschafl — wir wollen alle gleichberechtigte, östreichische Staatsbürger sein." Diese Vereinigung hat nun auch zur Folge, daß wir im Land« nicht allein stehen. Man schätzt nun unsere Freundschaft und sucht unsere Allianz. Im Eentralwah.comite der Juden Galiziens hat sich der Rausch der Polonomauie oerstüchtigl, und eine nüchterne Anschauung greift Platz, nämlich der Anschluß an die Rulhenen, als einen Stamm, der eine markante, oerfaffungsfreundliche und Lftreichisch« Gesinnung an den Tag legt. Der Plan, mit den Ritthenen zu pactiren, wurde von Ihrem Berichterstatter mit Ausdauer, wenn auch nicht mit geringer Anfeindung seitens vieler jüdischer Stimmführer und noch vor einem Monat desavouirl. Heule nun beschloß bas Centralwahlcomite der Juden in Galizien mit allen gegen eine Stimme das Zusammengehen mit den Rulhenen und genehmigte die betreffende Verhandlung chrer Delegieren. (Wir übergehen hier die von dem Herr» Eorr. gegeben: Erwähnung der einzelnen Caudidaturen, manche siiu> in den beiden vor. Rummem genannt, und das Endresultat wird bald bekannt werden. Red.) Mitten im stampfe ^ür chre heiligsten Interessen, ja für chre Befreiung, scheinen unsere Brüder aus dem Ungarlande von der Couleur der Schomre-hadath nichts Eiligeres und Ruhmreicheres lhun zu können, als eine Brandfackel in unsere Gemeinden zu schleudern — damit durch religiöse Unduchsamkeir da» ganze Werk in Frage gestellt würde. Das „Schewes Achim" druckte eine angebliche Correspondenz aus PrzemySl ab, die zu nichts Geringerem räth, als lieber Christen — natürlich Polen zu wählen, als die gottlosen Advocaten jüdischen RamenS. Dieses Blatt sanimt Beilage wurde den Rabbinern zugeschickl. — Zum Glück ist man in Galizien über die Ruchlosigkeit solcher Männer, die sich jüdisch fromm nennen, gut unterrichtet, und hat die Brandschrist ihren Zweck ganz verfehlt. In de« größeren Städten besitzen wir in den conservaliven Rabbinern (die natürlich auch weltliches Wissen besitzen) die wärmsten Freunde und Förderer unserer Angelegenheiten. Der sehr geachtete und rühmlichst bekannte Lemdergrr Rabbiner Saul Halewi Ratansohn erließ an alle Rabbiner und Vor sicher Ga.izienS ein Schreiben, in welchem er zur Einigung, zum stricte» Festhalten an den Beschlüssen und Candidalen des CentralwahlcomiteS ermahnt, die große Mühe lobt, die sich daS Somit e gegeben, um nur intelligente und würdige Männer als Canvidaten aufzustellen. — Der Verein „Echomer Israel" hat den Beschluß gefaßt, daS Ministerium um ausreichenden Schutz bei den Wahlen zu ersuchen, da die Polen durch Drohungen die jüdischen Wähler vom Wahlpiatze zu verscheuchen suchen. Die Petition soll Herr Dr. stirrauda dem Minister Lasser übergeben. Der Jubel im Lager der Rulhenen ist groß über die Alliance mit den Juden, hingegen ist die polnische Presse ganz resignirt. Zum Schluffe sei no<h erwähnt, daß die Einwirkung Ihrer früheren Correspondenz au» PrzemySl eine sehr heilsame ist. Der Aufregung folgte daS Stadium der nüchternen Anschauung, und anstatt zu dementiren, zeichne» sich einige der dortigen Häupter durch Regsamkeit für das jüdische Interesse aus, so z. B. Herr vr. Mendrochowitz, Präses des BezirkswahlcomiteS, Herr Tiger hat wiederum umgesattelt — und wirkt mit im jüdischen Interesse, nachdem er schon Parteigänger und Eomit«-Mitglied der Polen war. Auch die Krakauer Judengemeinde hat wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben und eia eigene» abgesonderte» Wahlcomire constituirl. (Vergl. vor. Rr.) Leider fehlt es ihnen noch an Mulh, die polnische» Brüder scheinen ihnen an's Herz gew rchsen zu sein. — I» T arnow mit Bochnia hätte ein jüdischer Candibat Aussicht, allein gerade jetzt ist eine unselige Zerklüftung in der Gemeiitde entstanden, da eine sogenannt« Fortschrittspartei gerade dieseil Moment für opportun gesunden, einen Tempel für sage 4000 fl. aufzuführen. — BudweiS Ce. Hochwürden der Herr Bischof Jirecsrk von Budweis ist ein höchst rhrenwer.her Herr, dem nur Eines zu wünschen übrig bl,übt, daß nämlich die Juden so viele chrer sind, alle miteinander nur einen einzigen — Hals hätten und dieser gottlose Hals in seine Hand gegeben wäre; er wüßte wohl, was er mit dem Halse thäte. So viel glaubte ich als nicht blos Original- und Specialreporter, sondern vor Allem gewissenhafter Berichterstatter vorausschicken zu sollen, um dem Leser das Folgende je verständlicher zu machen. Die gute Stadt Budweis hat von alten Zeiten her eine berühnite Kirche und am Kirchenplatze einen sogenannten Kalvarienberg mit den zwölf Stationen; die Stationen sind zwölf kleine Kapellen, mit Kreuzen, religiösen Bildern nnd dgl. geschmückt; das Ganze ist recht hübsch, nur neqmen die zwölf Kapellen mitten in der Stadt eine sehr bedeutende Bodenfläche weg und das ist keine Kleinigkeit in einer Zeit, wo sich die Hausse der Baugrünl« auch auf Budweis erstreckt. So kam es denn vor elwa ei rem halben Jahre, daß ein liberaler jüdischer Stadtrepräsentant in der Versammlung der Stadtvertretung den Antrag stellte, die Stadt möge den Herrn Bi,chos um die Genehmigung angehen, die zwölf Stationen von dem werthvollen Grund und Boden zu entfernen, man wolle chm dafür zwölf schöne Gtattonen auf Kommunalkosten durch einen tüchtigen Maler an die Wände der Kirche malen lassen. Der Antrag ging durch, obgleich nur wenig Hoffnung war, daß der Herr Bischof auf derselben eingehen werde. Allein wider alles Erwarten nahm der Bischof sofort das Anerbieten an und knüpfte seine Zustimmung an die einzige Bedingung, daß er selbst den Künstler nam aft zu machen habe, von welchem er die heftigen Bilder gemalt wünsche. Selbstverständlich ging die Repräsentanz die Bedingung auf das Bereitwilligste ein; die Bitter wurden sonach alsbald in Angriff genommen und vorige Woche enthüllt. Und nunmehr wurde die erstaunte Welt erst inne, daß die Peiniger des Heilands dnrchioeg — jüdische Bürger von Budweis find. Da paradirt der Redakteur des liberalen Budweiser Lokalblattes, der Rabbi, der schon erwähnte Stadtrepräsentant, von dem der Antrag ausgegangen war u>rd noch etwa zwanzig allbekannte jüdische Perzönlichkeiten, in Lebensgröße und sprechender Portraitähnlichkeit, sammt und sonders als — „Christuslästerer." Was sagt nun aber die Budweiser Judenschaft zu der Geschichte? Anfang» wollten die „Getroffenen" die Sache vor Gericht bringen, allein die Klägern wußten sie zu besänftigen; sie thun nicht» weiier, il» daß sie sich vor die Kirche hinstellen und jedem Passanten, der vor den heiligen Bildern den Hut abzieht, ihren verbindlichsten Dank abstatte» dafür, „daß er einen armen Juden so freundlich grüße."