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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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— 314 — äußer«» Fürwahrhalten, gesetzt ward und noch wird, und dabei wiederholen höre, e» sei die Religion de» Geiste» — wenn ich überdenke, welche Gräuel unter der christlichen Fahne verübt, welche Ströme unschuldigen Blute» im Namen de» Ehristenlhums vergossen wurden, zu welchem gegenseitigen Haß und welcher Erbitterung die Menschen in der unmittelbarsten Gegenwan und in meiner unmittelbaren Näh« in eben demselben Namen sich hinreißen lassen, und dabei wiederholen höre, e» sei die Religion der Lieb«: dann kann ich mich kaum enthalten in der Stille zu sagen: „Wir Menschen haben zuweilen doch eine gar sonderbare Logik!" I. A. Scartazzini. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Stetti», 24. Sept. Die in unserm vor. Blatte abgedruckte officiöse Bemerkung über die unterbliebene Einladung der jüdischen Geistlichkeit der Residenz zur Enlhüllungsfeier am 2. Sept. wird auch von der „Jud. Pr." wiedergegeben und mit einigen Ausrufungszeichen begleitet. Wir haben e» unfern Lesern selbst überlassen, sich mit der officiösen Erläuterung zufrieden zu geben oder dazu den Napf zu schütteln; wir fragen aber die „Jüd. Pr.", wer denn eigentlich hätte eingeladen werden sollen. Natürlich da» offtcielle Rabbinat der Gemeinde, über dessen Orthodoxie Recherchen anzustellen die königl. Behörden sicherlich keine Veranlassung haben. Wenn nun aber die Wünsche jene» Blatte» in Erfüllung gegangen sein und in Berlin nicht drei, sondern ein halbe», vielleicht «in ganze» Dutzend Synagogen- resp. Reform-Gemeinden mit ebeasoviel Rabbinern und Predigern sich aufgethan haben würden, wen soll man dann einladen? Soll etwa im Hofmarschallamte ein besondere» Ressort für das Studium der verschiedenen jüdischen Religionsnuancen und die Berechtigung der verschiedenen Rabbiner eingerichtet werden? Man würde dann wohl von einer Einladung absehen müssen. Unsere Bemerkung in dem Neujah. »-Leitartikel des vor. Bl. erhält dadurch eine sehr treffende Bestätigung. Und wenn wir auch gerne zugeben, daß eine solche Einladung oder Nichteinladilng nicht von so großer Wichtigkeit ist, die Thora darum doch Gotte» Wort bleibt, und da» Judenthum auch ohne derartige offtcielle Berücksichtigung bei öffentlichen Festlichkeiten bestehen kann, so thut jedoch eine Zurücksetzung immer wehe, und wir find fest überzeugt, daß die HH. DI). Hildesheimer oder Ritter sich und ihre Anhänger ebenso gut durch eine Einladung geehrt gefühlt haben würden, wie die HH. vv. Aub und Geiger. Sollen wir also daraus auSgehen, eine dem Judenthnm bei solcher Gelegenheit zu beweisende Anerkennung zu einer Unmöglichkeit, die Zurücksetzung zu einer Rothwendigkeil zu machen?! Wir hatten, als wir a. a. O. dieselbe Frage mit etwas anderen Worten vorlegten, freilich nicht jene Eiitladung im Auge, sondern Wichtigere»! Berlin. Aus Anlaß der Ausweisung eine» preußischen Juden auS Petersburg hatte der Redakteur deS „Israelit" sich an den Reichskanzler gewendet und ihn gebeten, auf eine Abänderung der betreffenden russischen Gesetz« hinwirken zu wollen. Da» genannte Blatt veröffentlicht die erhaltene Antwort, welche sich freilich so oorauSsehen ließ, da die ReichSregierung offenbar nicht in der Lage ist, eine Pression auf die russische Regierung zu üben und so dasselbe zu erreichen, was einst in analogen! Falle der Regierung Loui« Philipp'» Segenüber der Schweiz unschwer gelungen ist. Da» Aktenück ist gleichwohl bemerkenswerth und auch von vielen Zeitungen bereit» mitgetheilt. E» lautet: Berlin, den 12. September 1873. Ew, Wohlgrborrn erwiederr ich ergebenst auf da» gefällige Schreiben vom 4. d. M., daß ich bereit» vor Eingang derselben die Kaiserliche Botschaft in St. Petersburg zu einer Aeußerung über den darin zur Sprache gebrachten Dorsal veranlaßt hatte. Es hat sich bestätigt, daß die Au»weisn,g eine» in St. Petersburg lebenden jüdischen Kaufmann- 'von Seiten der Kaiserlich Russischen Behörden angeordnet worden ist. Die bisherige Verwendung wegen Rücknahme dieser, in der Russischen Eesctzgebung begründeten Ausweisungs- Maßregel ist ohne Erfolg gewesen. Ich habe inzwischen von Neuem Schritte in der Sache veranlaßt und darf mir weitere Mittheilung ergebenst Vorbehalten. Der Reichskanzler. Im Aufträge: Philippsborn. An den Hauptredacteur bc» „Israeli!," Herrn Dr. Lehmann. Au» Bromberg «Pro». Pos.) wird End« Aug. dem Wiener „Fremdenblatte" Nachstehende» geschrieben: „Ein seltsames Abenteuer, welches ein grelles Streiflicht auf die Entartung und Brutalität gewisser, den gebildeten Ständen sich zuzä ^lenden Personen wirft, fall kürzlich ein Bürger von Gnesen und nicht gerade zu seinem besonderen Bergnügen, in Bromberg erlebt haben. Ein dortiger Kantor rein« jüngst nach Bromberg, um sich daselbst wegen einer Stelle zu bewerben. Als er im Laufe des Tages durch eine nicht unbelebte Straße ging, hörte er sich aus dem ersten Stockwerke eines Hauses von mehreren Herren angcrufen. In dem Glauben, daß dies Gemeindemitglieder feen, die ihm »n Bezug auf seine Bewerbung irgend etwas mitzutheilen hätten, folgte der Angerufene arglos der Eirladung und stieg die Treppe hinaus. Sowie er die oberste Stufe der Treppe erreicht hatte, wurde die Thür aufgerissen, aus der drei Herren hervorstürzte«, die den Ahnungslosen übeirfielen und nach dem Zimmer schleppten. „Jetzt haben wir Dich. Du Schurke — 6 Minuten geben wir Dir Frist, Dein Testament zu machen, dann mußt Du sterben," so wurde der Erschreckte von drei Attentätern, die ihn mit Dolchen, Revol ern und Messern dabei bedrohten, angeredet. Aus den Uederresten eines Frühstücks und mehreren leeren Flaschen, die auf dem Tische umherstanden, schloß der Angegriffene, daß es sich hier vielleicht nur um einen Scherz und eine Personenvervechslung handle; er sagte die» den Herren und führte ihm:» noch zu Gemüthe, den Spaß nicht zu weit zu treiben, da er brustleidend sei, soeben erst aus dem Bade zurückkehre und jede Aufregung vermeiden müsse. Um so wüthender fuhren nun seine Peiniger auf ihn loS, warfen ihn in ein zweite», ganz dunkle» Zimmer, indem sie ihm wieder 5 Minuten Zerr gaben, seine Rechnung mit dem Himmel zu machen, da er dann unfehlbar sterben müsse. Roch hatte er kaum Zeit zur Besinnung zu kommen und sich in dem dunklen Raume zu orientiren, al» schon die Thüre wieder aufgeriffen und er von seinen Angreifern auf» Neue nach dem erste» Zimmer geschleppt wurde. Hier warfen sie ihn auf den Fußboden, traten, und schlugen und stießen nach ihm um di« Wette, daß der Unglückselige zuletzt zu dem Glaube» kam, daß sein letzte» Ständlein schon geschlagen hätte. Er fing nun an jämmerlich zu schreien und um Hilfe zu rufen' Die» veranlaßt« einen der Uebelthäter, ihn den Händen seiner beiden Kumpane zu entreißen, die Thür zu öffnen und ihn dir Treppe hinunlerzuwerfen. Hier hatte der Mißhandelte nur noch die Kraft, sich auf di« Straße zu schleppen, wo er dann ohnmächtig hutsank. Glücklicherweise kam in diesem Moment gerade ein menschenfreundlicher Arzt vorüber, der den Besinnungslosen aufhob und in einer Droschke nach eine« Hotel brachte. Nachdem er sich wieder erholt hatte, erzählte er den Vorfall, und der Arzt veranlaßt« ihn, mit ihm sofort nach dem Polizeibüreau zu fahren, um dort davon Anzeige zu machen. Die Polizeibeamten suchten nun da» bezeichnen .Hau» sogleich aus, wo' sie noch einen der Thäler - vorfanden, der den Borgang zugestand und seine Genosse«

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