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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 39. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 39.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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„Längst lat «anffich daran gewöhnt, da» Christentln»» al» da» rettmoe, erneuernd« und neu belrliende Element der Uultur zu bettachten, al» den Sauerteig, um mich eine» belebten biblischen Au-drucks zu bedienen, der die menschlich« Äosellschaft vor der Fäulniß bewahrt habe. Dieser gewöhnlichen Auffassung de» Verhältnisse» gegenüber beginnt man in Italien die entgegengesetzteste Ansicht geltend zu machen: daß nämlich die rein menschliche Cultur und Literatur keinen ärgeren Feind al» da- Christenthum je gehabt, und daß cs al» eine Inkonsequenz, al» einen Abfall von seiner ursprlmglichen Idee anzusehen ist, wenn diese» letztere da» Schöne au» der alten Cultur, Literatur und Kunst sich aneignete. Am schärfsten und schneidendsten ist diese Ansicht von Settembrini in seinen „Lezioni di letteratura italiana“ auSgesproämi ivorden, woselbst er zu dem Resultat kommt: „TaS Christenthum zerstörte die aattte Civilisation, «» verbreite« die Barbarei und entfaltete in derselben seine Macht. Die Eultur, die auf Erden war, «urde zerstört von jenem Princip, daß die irdischen Tinge keinen Werth haben, daß der Mensch auf Erden nicht» antere» thun soll al» weinen und für feine Seele sorgen." So paradox diese Ansicht auch schein« mag, so möchte doch eine unbefangene Geschichtsbetrachtung der« wesentliche Richtigkeit kaum im Ernste l estrettm können. Unser Verfasser spricht sich zwar über diese Frage nicht so scharf wie Settembrini au», allein au» Hunderl« von Stell« ersieht man, daß di« Auffaffung im Grunde die riämlich« ist. Nachdem er ausgeführt, wie e« kein« größeren Ä« gensätze geben könne al» die arttike Poesie und Cultur einer- und da» Christenthum andererseits, und wie jene durchaus keine Anziehungskraft für Mmschen habe« könnt«, tvelche, wie die Christ«, alle» Irdisch« verachten und sich davon ferne Hilten z« müssen glaubt«, weist er nach, daß es eine Jn«rnsecu«z war, wenn sich da» Christenthum gleichwohl nach und nach mft Pirgil und der clasfischm Literatur überhaupt befreundete. „Der Trieb nach Proselytenmachern, der in seiner sde» Christenthum-) Natur nicht minder mächtig war, al« bei d« Römem der Trieb nach Eroberungen, bewog e« in die Nothnendigkeit und in unvermeidlich« Tran»actionm sich zu fügen. Tie erste Concession, die e» machen mußte, war, sich selbst zu belehren, nach Bildung zu streb«, die griechisch-rönrsch« Cultur sich anzueignen und, da diese zu lebenskräftig ,oar. um sie vernicht« zu könn«, zu suchen, sie sich zu asflmiliren, um deren weiter« Wirkung« beeinflussen und modificirm zu können. So konnten di« Chnstm (was sehr auffall« musi, wenn nun an da» Ideal Christi und der evangelischen Gemeinde denkt) Maler und Bildhauer, Dichter und Bersemacher werven, und ein. Organ ihre» religiösen Bewußtsein« dort suchen., wo e» Christus weder selbst gesucht noch gestattet hätte, daß sein». Jünger e» suchten. Auf diese Weise fand der erste un>, wichtigste jener Tausende von Widersprach« statt, welch« kaum beschönigt werden können durch allerhand fromm« Ausflüchte, die der Glaube istngibt, und mitten unter welchen da» Christ«thum fottgelebt hat bi» zu unser« Tagen." Ein sehr beliebte» Thema frommer Apologeten ist bei uw» bekaimtlich: „Das Christenthum und di«: Frauen," wobei gewöhnlich weit und breit auseinander gesetzt wird, wie da» Weib erst durch da» Chriflmthum befreit und ihm Ine menschlich« Würde vindicirt wurde. Bei Anlaß der Besprechung jener Sagen die Birgil zu« weiblich« Geschlecht in ^zürhuug bring«, komm« Compavetti auch aus diese» The«« zu sprich«, und er äußert ich darüber folgendermaß«: „Diejenig«. welche behaupten, daß da» Weib dem Christenthum und dem Ritterwesen viel verdanke, geb« sich offeadar mit Wiffen und Willen einer Selbsttäuschung hin zu Gunsten dieser historisch:» Momente und gez« die Antorität der Thatsachen. Da,; Ideal der Heilig« urd da» der Dame der Rstterromane füll» Producte utoMisäur Idem, die mit der social« Ordnung schlechthin «nvtteinbar find. Jedermann kann sich fragen, was au» der menschlich« Gesellschaft werdm würde, wenn jede» Weib eine heilige T.wesa oder eine Isolde wäre, zwei Gegensätze, die ihr gleich verderblich «erden müßten, da sie, wiewohl auf mtgegengesetzte Att, der« Hauptgrundlage, die Famllie, au»- schließ«. Die mittelalterliche Mmfchhett mußte alle ihre Kräfte anstrengen, um dies» zwei mächtigen Princtpim zu bekämpfen, wovon da» eine sie in eine wette Einsiedelei, wo di« Familie aushört und nur da» Individuum bleibt, das andere in ein große« Narren hau» z» verwandeln drohte, deffm Bewohner in beständigem W iderspruch mit der Moral und dem gemeinen M«sch«verstand sich befinden. Auf der ein« Sette priesen die Kirchenväter und kirchlichen Schriftsteller einstimmig die Ehelofigkett ab» dm einzigen Stand, der e» dem Mmschen ermögliche, znr tgollkommmbeit zu gelang« — eine nicht allein unsinnige, sanier» auch in hohem Grad unsittliche Lei«, weil sie'den EgniSnu» proclamirt, weil sie die erste Grünt läge der menschlichen Gesellschaft untergräbt, und weil nach ihr die mmschliche Vollkommenheit mit dm lliatur- und Socialgesetzen, ja mit dem Dasein der Menfchhett selbst in offenbar«! Widerspruch steht. Daß man die Ehe helltg erklärt hatte, wa» vielen als eiw:» der großen verdimste der christlichen Kirche erscheint, die» macht den Eindruck «ineS Hohnes auf len, der da» Mtttelaltec kennt, und in der Nähe jene endlose Reche angesehmdster Männer gesehen, die bei jedem Anlaß, mtt dein Beispiel sowohl al» auch in Watt und Schrift, die Ehe und da» Weib ver chrei«. Auf der andern Seite und auf dem entgegengesetzten Wege drang das Ritterwesen zu den nämlichen verderblichen Consequenzm hin, indem es die Bande der Ehe löste und da» Weib der ersten Grundlage seiner Würde, der Eittsamkeit und Selbstachtung, beraubte. So geschah ei, daß, trotz gewisser reinster Typ«, welche die heilige 6beschichte und die christliche Legende auswies, trotz de» Weihrauih», welcher dem weiblichen Geschlecht in Ritterromanen, Turnieren und Minnehöfrn gestteut wurde, das Weib zu keiner ander« Zeit schändllchrr tnsultirt, verhöhnt und verspottet rvaro, von dm ernstest« Schriften der Theologm und bi» hinab zur Gaffenpoesie rnd zum Gaffentheater." Da» wären also die gepriesenen Güter, welche da» Christenthum dem Mibe ,;ebracht Aber wa» hat es denn überhaupt gebracht? Dü: Beantwortung dieser Frage ist nicht diese» Orte». Da roir aber gerade darauf geführt ward«, so möge hier noch :iue Bemerkung stehen, die unserem Gegenstand nicht so fTemd ist, wie e» wohl scheinen möchte. Man hört in unsere r Tagen oft wirderholer: das Christenthum habe uns die Religion des Geiste» und der Liebe gebracht. Fe« sei r» von wir gegen diese Behaupt ang etwa» einzuwenden. Mein wenn ich die Geschichte verfolge und dam in der Gegenwart mich umsehe, und wahrnehrre, wie da» Christenthum von vielen Tausend«, ja, oo» dm meisten, selbst unter dessen Berkündern, in reine Amßerlichkeit m, sei «» in ei» äußere» Thun, sei es in ein

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