Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 39.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 312 — im «lenden „Loche" der Säugling an der nahrung-lo« gewordenen Brust. — Freilich haben Wissenschaft »nd Kunst ihren Werth an «nd in sich, und ihre Erzeugnisse sind herrlich, gleichviel, et sie praktischen Zwecken unmittÄbar dienen oder nicht; aber da- -stück'der Menschheit zu begriuchen, haben sie sich bijetzt ohnmächtig bewiesen. Sie verschönern de» Lebev- »eineine Wirklichkeit, und erleichtern die Beschaffung sein«» Bedilrfntsse, tUt ka» Alle» ist nicht da» Ziel selbst; dieseist nicht erreicht. ES ist nicht widersinnig, wenn wir verniuthen, daß die Ururenkel Adams ebenso glücklich gelebt haben, wie wir jetzt; und daß Biele behaupte«», di« Menschen seien damal« glücklicher gewesen, al» wir, ist bekannt. Wir wollen hierbei nicht verweilen. Wir haben zwei andere, einander entgegengesetzt« Anschauungen. Da» alte Heidenthum, zumal die griechische Welt, die so groß und edel dasteht auf dem Gebiete der Kunst, sagt: diese» Streben i«ach Verschönerung de» Dasein» ist da» Ziel, die Kunst selbst ist Religion, sie betet die Kunstschöpfunge» an und vergöttert die Meister. In dieser Menschenvergölterung liegt naturgemäß die Selbstvergötterung, «nd eben dahin führt die Selbstsucht, «velche von dem Gedanken genährt wird: „weil nicht Alle gleichmäßig ihr Leben durch Kunst verschönern können, so «oill ich wenigsten» genießen, besitzen, mein Dasein schmücken." Entgegengesetzt diesem Griechenthum ist nicht nur die Ansicht jene» seltsamen Weisen de» vorigen Jahrhundert», welcher lehrte: „wollt chr glücklich iverden, so kehrt in den Ur- und Naturzustand zurück, geht in die Wälder, wohnt in Höhlen und Laubhütten, kleidet euch in Thierhäute und esset di« Beeren der Slräucher"' — da» ist liW nur diese» Manne» Lehre, sondern e» ist die Religion vieler Völkerschaften de» Orient», ja e» ist di« Religio« von Millionen unsrer Mitbürger, die im Grunde dasselbe lehrt: sündlich ist da» Slreben nach Lebensgenuß, du sollst nicht dein Dasein verschönern; wer recht fronim leben will, der gehe in die Einöde, in eine Klause, lebe von Früchten, trinke nur Wasser, ertüdte die Sinnlichkeit, martere da» Fleisch. Ander» die Lehre Israel». Gehen wir vom Laubhüttenfeste au». E» heißt nicht etwa: weil eure Vorfahren in der Wüste in Hütten gewohnt haben, so sollt auch chr euch keine bessere Wohnung bereiten, sondern: sieben Tage sollt chr in Hütten weilen, und da» soll euch ein« Freude sein. So haben die Israeliten diese Festhütte immer nach Kräften besten» geschmückt und auSgestattet, und diese Hütte hat die Familie froh vereinigt gesehen. Da» Laubhüttenfest heißt vorzugsweise da» Fest der Freud«. Woher diese Freud«? Well diese Bretterhütte und diese» Laubdach al» GotteSgebot, Mizwah, betrachtet wird. Und indem wir Alle», >va» wir chun, im Namen Gotte'-, in Erfüllung seiner Gebote oder zum Zwecke dieser GebotSerfüllung, l'sohem Mizwah, thun, gelingt es, da» Leben mit seinen nackten, harten Wirklichkeiten, mit seinen schweren oder leichteren Mühen um de» Dasein» Bedürfnisse zu verschönern, zu veredeln, und, wa» mehr ist, zu heiligen. Wir verwandeln so de» Leben» gemeine Wirklichkeiten i» gottgeweihet« Heiligthümer, während di« Wissenschaft und di« Kunst der Nachkommen Kain», heute wie von jeher, über da« Streben nach Erleichterung und Verschönerung nicht hinau«- kommt, ohne da» Gefühl de» Glückedadurch zu erzielen. Wer da» Fasten am Bersöhnungstag« al» religiös« Wicht, al» GotteSgebot, betrachtet hat, dem ist e» nicht schwer ge- » worden, den haben wir — leidliche Gesundheit «rau-gesetzt — nicht über b«n beschwerlichen Tag klage» gehört, det hat so" froh gefastet, wie Tag» zuvor und darauf gogeflen und -etrnnlr». Sr hat in de« Fasten, in der gauzen Jomkipput» feier, eine Labung und Stärkung der Seele gefunden, und seine iimere Befriedigung an Schlüsse de» Tage» hat nicht nur nicht» gemein »st der «Sehnsucht dt» Magen» nach Nahrung, sondern ist tausendfach, unvergleichlich, edler und beglückender al» die Befriedigung de» Leibe» nach leckerem Mahl. Um so reiner daun die Freud« de» Hüttenfeste». In der Laub- Hütte „wohnen", d. h. essen, trinken — also die gemeinen Wirklichkeiten de» Leben» — aber gottgeweiht, darum geheiligt und darum erfreuend. Da» gilt für Alle». , Sobald wir bei allem, auch dem s. g. weltlichen Thun und Treiben, jenen alten Borlrereitung-spruch vor Augen haben: hareni muchan rc. „ich bin bereit, meine» Schöpfer» Gebot zu erfüllen", so ist da« ^Seitlichste geheiligt, da» Schwerste erleichtert, da» Niedrigste erhebend und da« Gemeine veredelt. Wie da» Gebot de» „WohnenS" in der Laubhütte nicht etwa dadurch erfüllt wird, daß wir in derselbe» Gebet und Lobgesang austimmen, sonder» durch die Thätigkest de» „gemeinen" Leben», so ist überhaupt im Sinne der iSraelllischen Religion „Gott dienen" durchaus nicht gleichbedeutend mit Gebet und Andacht allein. Auch wer an sein Geschäft geht, arbeitet, zählt, mißt und rechnet — in Redlichkeit, — wer sich niedersetzt zur Mahlzeit, niederlegt zur Ruhe, wer durch vernünftige Zerstreuung sich erholen will, wer dann bei allem diesem „weltlich-gemeinen" Thun die Absicht hat: ich will dadurch Kräfte und Mittel gewinnen oder wahren, um Gott und meinen Mitmenschen dienen zu können, der dient durch da» Alle» Gott nnd heiligt e». Und da» ist de» Israeliten Lebensfreude, da» hat e» unfern Vorfahren ermöglicht, in namenlosen Leiden nicht nur auSzuharren, sondern frohe Feste zu feiern und auch im Düster der Judengaffen ein heitere« beglückte» Familien- und G:meindeleb«n zu führen. Suliut «tut Ehrtst««tbr»m. Tie Frage von dem Verhältniß des Christenthums zur heutigen Cultur ist in dieser! Blättern schon öfter berührt und auch schon in einem ausführlichen Artikel durch einen unsrer Herren Mttarbeiter besprochen worden. Bestimmter ausgcdrückt: Die landläusige, vicl tausendfach wiederholte Behauptung, daß die heuttge Cultur ganz* auf dem Christenthum beruhe, in ihm wurzelt, ist nsiderlegt worden. Wir bilden un» jedoch nicht ein, damit jene Behauptung aus dem Register der stehenden Thesen und Phra'm gestrichen zu haben und reproduciren daher hier Aeußeruagen Scartazzani's in der „A. Allg. Z." (Nr. 218. Beil.*) in einen, „Virgil im Mütelalter" überschriebenen, neuere Ualienische Arbeiten von Settembrini und Comparettt über da» Thema besprechenden Aufsatze. E» heißt dort: •) Di« ». S-" »st, wie allgemein Mannt, tun allen futm» stven Lenden,m. in politischer wU in religiöser Beziehung, weit entfernt und trotz der Opposition, die fi! dem starren Ultramontanilmul «acht, kam, ihr dieser »och nicht MRttrftn, daß sie im mindesten jüdische Spmpathien hege.