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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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— 282 — gestattet, einige Zeit noch hier zu verweilen, um durch Vermittlung des deutschen Botschafter» sich da» Recht de« hiesigen Aufenthalt« bei dem Herrn Minister de» Innern zu erbitten. Der deutsche Botschafter, Prinz Reuß, der sich der Sache, wie er selbst bemerkte, höchst ungern annahni, hatte sich'schließiich entschlossen, eine Bittschrift von de», unglückliche» Familienvater entgegenzunehmen und dieselbe dem Ministerium u übergeben, und auf diese Bittschrift erhielt der Petent olgenden Bescheid: „Ew. Wohlgeboren theile ich ergebenst mit, daß inhaltlich einer Note de» kaiserlich russischen Ministerium» der äußeren Angelegenheiten vom 26. Juli c. ver Minister de» Inner» in Uedereinstimmung mit dem Etadthauptmann von Petersburg e» auf Grund der Anmerkung 2 zun: Artikel 8 und de» Anhänge» znm Artikel »36 des XIV. Bande» über das Paßwesen (Fortsetzung des im Jahre 1863 erschienenen Gesetzbuches) nicht zulässig erachtet. Ihnen den längeren Aufenthalt in Rußland zu gestatten, da überdies Ihre gewerbliche Beschäftigung eine Ausnahme nicht rechtfertigt. Der taiserl. Botschafter, eigenh. gez. Prinz Reuß" Die westeuropäischen Glaubensgenossen de» von dem barbarischen Gesetze Betroffenen habe» in den letzten Jahren einen solchen Eifer entwickelt, ihren bedrängten Brüdern in den von der abendländischen Civilisation noch nicht durchdrungenen Ländern Hülfe zu bringen, daß sie wohl auch diesen Fall zur Handhabe nehmen werden, uni ein gegen sie gerichtete» Stück Baibarei zu bekämpfen. Dem Kaiser Alexander ist so mancher Fortschritt zu verdanken, den Rußland ans der Bahn der Eivilisirung gethan, daß man vielleicht die Hoffnung hegen darf, er werde, wie den Leibeigenen, so auch den Juden gegenüber sich als einen humanen Herrscher erweisen. (K. Z.) H. Warschau, im August. (Or.-Corr) In den letzten Tagen d«S Monat» Juli nahm hier ein Kanipf seinen Ausgang, der seit drei Jahren geführt wurde: der Kampf zwischen vem Vorstände der hies. Gemeinde und unser»! Rabbiner, Herrn I. Gesundheit. Tie Einzelnheiten diese« Kampfe», der jedenfalls einen inlereffanten Beitrag zur Geschichte unserer Gemeinde liefert, mitzutheilen, würde zu weit führen; wir wollen unS hier blo» mit einigen Notizen begnügen. — Nachdem der verstorbene Rabbiner, Herr Meisels, «in Mann, der durch sein feines, gebildete» Wesen und durch weltmännischen Tact sich die Freundschaft und Achtung aller Parteien zu erwerbrn gewußt und auch bei der hies. Regierung in sehr hohem Ansehen stand, gestorben war. entstand die Frage um einen Nachfolger. Die Lösung war keine leichte. Denn eS ist nicht Jeder zur RabbinatSwürde in der größten Geineind« Europas berufen. Trotzdem traten viele Bewerber auf, berufene und unberufene, und llnter ihnen auch Herr I. Gesundheit, ein Mitglied der hies. Gemeinde. Nach dem Bordilde Meisels wollte man nur einen Rabbiner aufnehmen, der wenigstens in einer modernen Sprich« sich zu bewegen im Stande wäre und in würdiger Weise die Gemeinde zu rcpräientiren vermocht hätte. Herr Gesundheit aber spricht außer dem Jargon der polnischen Jude» keine andere Sprache und ligneie sich schon darum nicht zum geistlichen Repräsentanten unserer Gemeinde. Was aber außerdem noch gegen ihn sprach war seine, keineswegs makellose, finanzielle Vergangenheit. Ein Kaufmann, der ein oder mehrere Male bankeroltirt, ist zwar noch imnier gcsellschafts-, aber keinesfalls rabbinatrfähig. Von unserni Vorstande, der aus lau:er gebildeten Elementen besteht, hatte also dieser Candidat keine Wahl zn erwarten. Aber auch im Pnblikuni selbst besaß er weder bei der Rechten «Chassidini), noch im Centruni (Orthodoxe), noch in der Linken > Reformer), irgend welche Sympathien. Aber er hatte einen zahlreichen Anhang in seiner Verwandtschaft, der beim hies. Statthalter um seine Anstellung petiiionirte. Zu seiner Empfehlung wurde er in politischer Beziehung als das Gegenbild von Meisels geschildert, und alle Gegenkandidaten, wie auch alle, die gegen seine Wahl waren, als Oppositionsmänner der Regierung und polnische Patrioten dargestellt. In Folge dessen wurde Herr Gesundheit von der Regierung zu« Rabbiner bestätigt. Er hatte nnn,!>esonderS in der ersten Zeit, von de», Odium aller Parteien zu leiden, da er alle, die sich nicht seinen Wünschen fügten, einfach bet der Regierung verdächtigte, und ihnen Ungelegenheiten bereitete. Selbst die RabbinatSasfistenten wurden in dieser Beziehung von ihm nicht verschont. Die einzigen, die sich für seine Stellung intcreisirten, waren, wenn auch nicht die Gläubigen, so doch seine Gläubiger, da sie auf alte Forderungen den größten Theil seine» Gehalle» bezogen. Der Vorstand selbst hätte die Anstellung al» ein feit accompli hingenommen und gegen den neuen Rabbiner nicht weiter opponirt, wenn dieser selbst nur nicht herausfordernd gewesen «vär« und sich nicht fortwährend Eingriffe in die geschäftliche Verwaltung, über die Anstellung von Beamten u. dgl. erlaubt hätte. So entstanden immer neue Reibungen zwischen Vorstand und Rabbiner, wolrei die hiesige Regierung sehr oft «'■» Schiedsrichter in Anspruch genommen wurde. Drei Jayre laug blieb Herr G. auf diese Weise in seiner Stellung, »»d drei Jahre dauerten, zum Schaden der Gemeinde, diese Kämpfe, bi» der Rabbiner, durch einen neuen, ungeschickten Angriff sich selbst seinen Sturz bereitete. Eine der wichligsten Funclione» de« Vorstandes ist hier die Anstellung der zahlreichen Schächter, wobei der Raobiner blo» die wissenschaftliche Approbation zu geben hat. Herr G. wollte aber diese» Vorrecht de» Vorstand«» für sich in Anspruch nehmen und dem Vorstand« jede Mitwirkung hierbei entziehen. Da er zweffclte, daß der hiesige Statthalter einem solchen ^klangen nachgel-e» würde, wandte er sich direct nach Petersburg an da» Ministerium für Kultus. Das Ministerium bestätigte einfach sein Gesuch. Sowohl der hiesige Vorstand wie auch der Statthalter selbst, dessen Autorität hierbei ganz ignorirt wurde, waren über diese neue Vollinacht uud über di« Rücksichtslosigkeit bei deren Erlangung ganz indignirt, und da der Vorstand erklärte, mit Herrn G. nicht mehr zusamuien amtiren z>« wollen, wurde er von« Grafen Berg seine» RabbinatSamtes enthoben. Rach der Entlassung de» Rabbiner» rief der Vorsitzende des Vorstände», .Herr Dr. Natansohn, da» Rabbinal»- collegium zusammen und theilte ihnen amtlich diese Demission niit. In feiner Anrede sagte er unter Auderrm: „Wir haben die Ehre, die größte Gemeinde Europa'» zu vertreten. So lange Herr Gesundheit seine Stellung einnahm, war -ec der Meinung, daß dies« Geiiieiude bloß dazu da sei, ihm zu dienen; wir aber sind der Ansicht, daß wir nur zun» Dienste der Gemeinde berufen sind." Durch diese widerwärtigen Vorgänge ist leider die Stimmung in der Gemeinde eine solche, daß man für lauge Zeit den Gedanken einer Neubesetzung des hiesigen Rabbinats ousgiebl. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin. Die „N. A. Ztg." veröffentlicht eine Zusammenstellung der in den alten preußischen Provinzen wahrend de» Jahres 1872 erfolgten Uebertritte zur evangelischen Kirche. Danach beträgt die Gesammtzahl derselben 16,474 Personen, und zwar 15,455 Katholiken, 964 Dissidenten, 55 Juden. Von letzterc» in Proo. Preußen 3, Brandenburg 26, Pommern 3, Posen 0, Schlesien 13, Sachsen 5, Westfalen 2, Rheinprovinz 3. (Wir erfahren nicht, wie viele von der evangel. Kirche zu einer anderen, wie viele zum Judenthum übergetrelen sino. In einer Zeit, in der für viele Religionswechsel allerdings nicht viel niehr bedeutet als etwa Wechsel dcS Wohnort-, ist die Zahl von 55 nicht sehr befremdend. Wenn aber die Zahl der zum Judenthum Uebergegangenen kleiner sein sollte als 55, so liegt e» daran, daß wir Veit Uebertrilt nicht allein nicht fördern, sondern möglichst erschweren. Thäten wir anders, so würden wir ganz andere Zahlen lesen! Seit der Red. dies. Bi. in Stettin im

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