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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— 279 — t Presse* von Maltzan „über den gegenwärtigen Start» de« RrgerhandelS". Mag sein, daß der Freiherr Leute und Per» hälmisse im Orient elwa« zu schwarz malt, immer in wird ti nöthig sein, daß Verheißungen und selbst Verordnungen allgemeinen Inhalt dott geringen Werth haben. Aus die Gründung einer Schule aber finden dir Befürchtungen wohl keine Anwendung, diese Zusage allein hat reellen Werth. Maltzan sagt unter Andernr: „Einen ähnlichen Erfolg hatte eine andere Deputation, welche für die in Perfie» wohnenden Israeliten größer« Toleranz verlangte. Auch hier die schönsten Versprechungen! Gegenseitige Zurschautragung aufgeklärtester Grundsätze. Toleranz! Fortschritt der Menschheit! Philosophie! Lauter dicke Schlagwörter! Aber was wird geschehen? aE«!)!1 djein-- lich wird ein Papier zu Stande kommen, auf dem sich in Form einesogenannten Toleranz-Edikte« alle jene „sihönen Grundsätze"" in Paragraphen Niederschlagen werden, wie der HimmelSthau aus einem Rosenbeet. sDa« ist denn eben nicht geschehen!) Aber dabei wird eS sein Bewenden haben. Das Papier wird Papier bleiben denn von der Theorie zur Praxi» ist im Orient ein himmelweiter Schritt, und wenn etwas Gesetz ist, so folgt daraus noch lange nicht, daß es auch nur im Lande bekannt genuicht wird, von der Ausführung gänzlich abgesehen. Jndeß das liegt ja gar nicht in der Abficht eine« orientalischen Fürsten, daß, wenn er „Aufklärung" auf seine Fahne schreibt, auch seine Nnterthanen esehen sollen. Gott bewahre! Die Aufklärung ist da für die Europäer, damit diese sie in Zeitungen rilhmen und gebührendermaßen verehren. Im Lande aber, wo sie angeblich eingeführt werden soll, braucht man sie nicht zu kennen; ja es ist sogar dort sehr unpolitisch, wenn der Herrscher als „aufgeklän" erscheint. Darum hinein in den Papierkorb mit dem Toleranz-Edikt, so wie man in Persien angekommen ist." Srotlschi» Die „Pos. Zeit." vom 23. Aug. bringt ein „offene« Sendschreiben an den Pastor prim. Füllkrng in Krotoschin" unterzeichnet voni Vorstande der dortigen Synacwgen- Gemeinde. Der Hr. Pastor hatte am vorhergehenden Sonntag eine „erbauliche Betrachtung" über die Zerstörung Jerusalem« angrstellt und dabei — natürlich — auch der Juden gedacht. Er hat gesprochen von ihrer „Eitelkeit, Gewinnsucht, Streben nach Herrschaft, Vordringen," von dem Gott der Juden, er hat sich zu der kühnen Behauptung verstiegen, er wolle lieber ein christlicher Bettler sein, als der reichste Jude, u. dgl. m. — Das Sendschreiben ist vortrefflich gehalten, maßvoll und treffend, Ernst und Ironie, jedes am rechten Orte. Wir theilen ein paar Proben mit. „Aber trotz dieser Verworfenheit der Juden heben Sie Ihre heiligen Hände zum Himmel empor und be:en — für ihr Seelenheil. — Wahrlich! das ist zu viel, Herr Pastor! solchen Edelmuih haben die Inden nicht verdient! Mit dieser verworfenen Gesellschaft langweilen Sie Ihre Zuhörerschaft eine volle Stunde lang? Denn täuschen Sie sich nicht — Sie langweilen sie. Und wollen Sie es uns nicht glauben, so horchen Eie nur umher in Ihrer Genieinde, ui'.v sie werden die Wirkung Ihrer Predigt vernehnien. Wie natürlich, denn Diejenigen, die Ihres Sinne» sind, wissen ja längst, daß die Juden verdammt seien; Sie haben sie ja zur Genüge darüber belehrt, und immer und immer wieder dasselbe zu hören, ist doch langweilig; und die nicht von gleichem Geiste Beseelten — und das ist gottlob! die bei Weitem überwiegende Mehrzahl Ihrer Gemeinde — glaubt e» Ihnen ja doch nicht, und ob Eie cS noch so oft und noch so lau: hinaus schreien! Sie werfen den Jude» „Eitelkeit, Gewinnsucht, Streben nach Herrschaft, Vordrängen rc." vor, — natürlich! von allen diesen sind die Herren Pastoren sammt und scnders gänzlich frei. — Aber haben Sie niemals von Juden gehört, die, in Dürftigkeit nnd Zurücksetzung, nur ein einziges Wort hätten sprechen dürfen, um als-Christen Ansehen und Wohlleben zu gewinnen, und sie sprachen dieses Wort nicht; — an« Ueber^rgungStre««! Me vereinbart sich bitfrt. mit der „Sewitinfnch: und Streben nach Herrschaft" die Via den Jude» zur Last legen?! Doch e« urthrilt Jeder nnr an« seinen eigene» Erfahrungen. Welche Gelegenheit hatten Eie, solche Erfahrungen unter den Juden z» sammeln? Soviel wir wisse», besteht Ihre einzige Beziehung zu ihnen darin, daß Sie (leider!) Inspektor der öffentliche» Schule unserer Gemeinde sind. Als e« sich darum handelte, die Remnneratiou. die Eie au« der Lchulkaffe beziehen, zu streichen, iv-.'ll sie aio nicht zil Recht bestehend erachtet wurde, da sträubten Sie sie!, mit Hände» und Füßen dagegen (um zehn Thaler jährlich!», dnrchstöbertrr 40jährige Akten und wandten sich mit einer Vorstellung c.n die König!. Regierung. Und da sprechen Sie von der Gewinnsucht der Juden? Sie, ein evangelischer Geistlicher, ein Christ par cxcellence, klammern sich mit Aengstlichkeit an da« Amt eine« Inspektor» einer Judenschule.' Da war der verstorbene Pastor Ritschke in Rakel doch ein anderer Mai n; der erklärte einfach: Ich kann nicht Inspektor einer Sö,ule sei», die meinen Herrn und Heiland verläugnet. Darin liegt doch wenigsten» Consequen;! Aber nicht genug, daß Ihrer Aufsicht die inneren Schulangelegcnheiten unterl egen, Eie wollen auch vollberechtigte» Mitglied de» Schulvorstandes sein. Sie wollen auch über die äußeren Angelegenheite» der Schule, über die Geldmittel der Schulgemeinde mit zu verfügen haben! Wir fragen daher; Ans welcher Seite ist nun ein „Vordrängen?" auf welcher Seile „Eitelkeit urt» Streben nach Herrschaft?" (Dann heißt cs weiter:) „Od:r ärgern sie sich vielleicht darüber, daß die freisinnigen protestantischen Geistlichen sich den Grnndanschauungen des Juden'humS immermchr nähern? Wir wollen Sie dann von un»? Haben die Juden diese Herren bestellt? (Und dann am Schluffe:) „Aber wa» wir zu verstehen glauben, ist, daß Predigten, wie die erivähnte, die eine vorn Staate annerkannte nnd beschützte Religionsgesellschaft in solch provorireuder Leise schmäht, sehr wohl geeignet und. Sie mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu bnnge». Doch stehen wir einstweilen v»n einer Anzeige in dieser Hinsicht ab, weil uns das Bewußtsün genügt, daß Sie unter den Gebildete» der hiesigen evangelischen Gemeinde allein stehen. Uns ist eine ausreichende Genugthuung die allgemeine Gntrüstnng, die Ihre Predigt unte: unfern evangelischen Mitbürgern heroargeruf. il hat, mit denen wir uns eins wissen in oem Strebe» nach Humanität, nach Eintracht, und gegenseitiger Dnldnng, mit mit denen w r uns eins wissen in dem Widerwille» geg. u Fanatismus und Friedensstörung. Doch vergessen wir nicht — Sie haben für uns Juden ja gebetet. — Wir wollen hinter Ihrem Edelmuth nicht zurück bleiben, auch wir bete» für Sie um recht badige — Erleuchtung"' Memel, d. 21. August. Eine kleine Seelenfischerei-E'.- schichte geben mir in Folgendem und verbürgen die Wahrteil Wort für Wort. In einem kleinen Dorse, nahe bei dein russischen Grrnzstädtchen Schillelen, wohnte auch ein Jude mit Namen Eikan Michclsohn. Um in einer Krankheit Heilung zu suchen, wir er nach Neustadt (Szugind) gegangen, woselbst ihn« auaein Bruder wohnt, und blieb daselbst mit seiner zur Pflege mitgenommenen Frau etwa 3'/, Monate. Sei» Hans glaubte er in den Händen seiner drei Töchter Marke, Raschle und Cheike, 18, 14 nnd 12 Jahre alt, gut versorgt. Eines Tages, er war fast wieder hergestellt, er durfte schon kleine Spaziergänge machen, trifft er einen Bauer seines Ortes, fragt ihn, wie e» zu Hause gehe nnd erfäl rr, daß seine vi< «zehnjährige Raschke ihm durchgegange» sei. Roch gar nicht ganz wieder hergestellt, eilt er sofort nach Hause und weint und fleht vor seinem Bojaren, von dem er wußte, daß er die Hand mit im Spiele gehabt: „Schaffe mir m in Kind wieder!" Beruhige Dich, sagt der Bojar, venl doch das Geschrei des Vater« zn Herzen gegangen wer, komm morgen, dann sollst Du Deine Tochter wieder haben And rn Morgens kainen Vater, Mutter und Geschwister, uni sie in

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