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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 35. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 35.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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gebung der Letzteren nicht zu Überdrücken ist. Harum traut und folgt der Proletarier nur Demjenigen, der sei«» Gleichen in, zu ihm hinuntepsieigt oder sinkt. Daher der fast tnstincünäßige v»aß des „richtigen Pöbels* gegen die ^iMrten," ein Hast, der den confeqntnte« CommunitmuS, »ie hei Laleuf, zum Verdammung»- und VernichlungSurthlil gegen jede höhere Schulbildung geführt hat. Hier liegt, nach unsrer Ueberzengu»g» dir eißentlicheWurzelder ssei«l»»Grf»tzren- Run wird man un» entgegenbalten, daß Unterschied« in drN Bildungsstufen ebensowohl naturgemäß und unvermeidlich sind, wie in den Befitzverhältmssrn. Gewiß! Aber dann müßte es um de» Gemeinwohls willen Gegenstand der höchsten Sorge sein, jene Unterschiede so viel wie möglich auszugleichen. Zu dieser Ausgleichung genügt e», wenn der Menge der Zugang zu der Pforte de» Wissens erschlaffen wird, so daß sie den Werth und das Wesen der Bildung kennen lernen, wodurch dann an Stelle jene» Haffe» Achtung vor der Wiffenschast und vor den wissenschaftlich Gebildeter, tritt. (So sehen wir ja, daß auch der Roheste Demjenigen Ehrerbietung zollt, deffen geistige Bedeutung er zu schätzen weiß, z. B. also dem gestierte» Arzt.*) Darum ist nicht» so verderblich, al» der Geld- und Bildungsstolz, der e» verschmäht, den Ungebildeten zu sich emporzuziehen, und darum ist un» nichts so in tiefster Seele verhaßt, al» jene „nationalökonomische* Richtung, die alle» auf de« Geld- und Kostenpunkt prüft und die Parole au»- gibt: Elementar-Unterricht für Alle, auch uölhigenfall» frei für die ganz Armen, höhere Schulen aber nur für Diejenige», die sie bezahlen köuuen, und da» Schulgeld muß so hoch gestellt werden, daß die Schule chre Kosten deckt, denn Staat und Stadt haben weder Recht noch Pflicht, den Zugang zu höherer BUdung auf Kosten de» Gemeinde- oder Staatssäckels zu erleichtern. — Auf der anderen Seite tritt dazu da» Jagen und da» Hetzen zu möglichst schneller Anriguung höherer BUdung, welche» zur Errichtung von „Borschulen* für j-de höhere Lehranstalt führt, die Kinder der Reichen und der Armen von Anfang au scheidet, statt sie wenigsten» in den ersten 3—4 Schuljahren auf den Bänken der Elementarklaffen zusammen zu laffcn, damit nicht der Klaffenhaß in zarter Kindheit schon tiefe Wurzeln schlage. Wester wäre hier ein Wort über die zwiespältige Wurzel unsere» Unterricht» und unserer Bildung, au» der der Unterschied zwischen den klassisch Gebildeten und den nur volkSthümlich Erzogenen hervorgeht, zu sagen. Wir würden geschichtlich Nachweisen, wie z. B. im Msttelalter der sociale Zwiespalt erst da begouuen hat, al» sich der Gegensatz zwischen höfischer Bildung und Poesie und volksthümlichcr Dichtung ausgebUdet hatte — doch das würde hier zu west führen. Wir wenden uns daher wieder zu dem von den Kindern der Armen handelnden Talmudsatze. Wenn und da es unmöglich ist, bei dem erwachsenen Proletarirt di« fehlende Bildung nachzuholen, so liegt alles daran, sie wenigsten» den Kindern der Armen zugänglich zu machen, zugänglich wie Luft und Sonnenlicht — (die frestich auch dem Armen oft *) SUi Sezensatz UN» leider nur ,U sehr unser« «»ficht illnstriren- M Beispiel, erinnern «ir an die — freilich deffer ewiger «ergesienheit zu übergebenden — Scene» beim Begräbnisse Humboldt'«.!a kärglichste» Maaße zu Theil werden, aber, wie man allgemach gelernt hat, zu seinem und de» Gemeinwohl» große« Schaden, also daß es vom höchste, allgemeinen Jntereffe ist, für Acht un» Luft zu fvy-en.) Di« Eltern werden von ,hver, Abneigung -eg» 'BildWg und Gebildete vollständig lassen, wen» ihre Kinder Bildung erlangen. Die Geschichte der Juden gibt un» thatsächliche Belege für allehier Gesagte. Auch lMn den Juden hat ein schroffer Gegensatz und eine tiefe Abneigung zwischen Gelehrten und Ungelehrte» geherrscht. Mischnah und Talmud «nthalteil in Sprüchen und Erzählungen Beispiele erschreckender Erbitterung auf der einen, grenzenlose« Verachtung auf der anderen Seite. Da erging die Mahnung, di« Weisung: »Habt Acht auf de Kinder der Armen!* Sie ist befolgt, in ihrer Bedeutung voll erkannt «nd gewürdigt worden. Auf den Jugendunterricht wurde fortan alle Sorgfalt gewandt, der Zugang stand jedem offen. „Die Welt besteht «ur durch den Aihem der Schulkinds* sagte man, man wollte damst au-drücken, daß da» Heil, dir Rettung »nd Erlösung der menschliche» Gesellschaft in der Schulbildung lieg«. Bon der Gesinnung au» und von der Zeit ab hört« jede Gehässigkeit, jede Abneigung zwischen lslelehrten und Ungelehrten auf. Natürlich gab e» ja immer Wissende und Unwiffend« in den mannigfachsten Abstufung:», die Verschiedenheit der Verhältnisse und der Anlagen bringt e» mit sich; aber jeder Unwiffendste trachtete dahin, sein Kind etwa» lernen zu lassen und dazu half man ihm gern; den Sohn dereinst „leuchten zu sehen in der Torah* war jede» Vater», jeder jüdischen Mutter Gebet und Segen. Und darum hat e» unter den Juden bi» heute fei« Proletariat gegeben. Arme, sehr Arme, Bettler in Menge, aber keine auf d:n Reichen mit Erbitterung blickende, den gebildeten höheren Stand hassende, verzweifelnd« und in ihrem Grimm und ihrer Verzweiflung die Gesellschaft gefährdende Elemente. Verschwindend geringe Ausnahmen kommen nicht in Betracht. Wer nicht selbst sich emporringen kann, der arbeitet mit aller Kraft de» Leibe» und de» Geiste» dahin, seinen Kindern durch bessere Erziehung riue bessere Stellung auf der socialen Stufenlester zu erringen. Sehen wir uns iu den jüdischen Gemeinden um — dreiviertel und mehr der Wohlhabenden sind Kinder armer, ärmster Leute, so findet ein stete» Ausiteigen au» den untersten Schichte» in die höheren statt; der Arme hofft also, wenn nicht für sich, doch für seine Kinder, er wird nicht zum verzweifelnden Proletarier. Und so finden wir überall die größte Bereitwilligkeit, den Kindern der Armen zu Unterricht zu helfe«, mau nimmt iu jüdisch« Schulen Freischüler mit der größten Liberalität auf und verlangt nicht den Nachweis vollständiger Mittellosigkeit, der alte, ein Jahrtausend hindurch in Fleisch und Blut übergegangene Talmud-Spruch hat sein« Kraft noch nicht verloren. Berichte Md Correspoudeuze«. Stettin, 24. August. Al» «men interessanten Beleg zu unfern Aeuherungen im Leitartikel der Rr. 33 über de» Schätz und die Juden sendet man un» ein Feuilleton der „Si^es.

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