Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 34.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 271 — Berichte mib Correspondenzcii. Devtschland. Magdeburg, 21. August. (Or^Corr.) Unsere Slavi wird seit einigen Wochen von dem unheimlichsten aller Gaste, von der Cholera, heimgesucht, di« täglich 50—Oo Memchcnopfer fordert. Die hiesige Gemeinde, die ungefähr den 50. Ihcil der Einwohnerschaft bildet, ist, Gott sei Dank, von der Seuche fast gänzlich verschont geblieben. (Bi» vor wenigen Tagen war »um Staunen der Mitbürgerfchaft kein Jude an der Cholera gestorben, im Lause dieser Woche starben zwei durch nachweisliche Diätfehler.) In den niedern Volksfchichren herrscht deshalb hier der sonderbare Glaube, daß — Knoblauch ein Präservativ gegen da» Conragium sei; während da» ganze scheinbare Wunder doch feine rationelle Erilärung in der durchschnittlich mäßigeren Lebensweise der Israeliten, in der ihnen von ihrer Religion vorgeschriebenen scrupulösen Untersuchung ihrer Lebensmittel, und vielleicht auch in der sorgfältigeren Pflege ihrer Kranken findet. Gestern Abend hielt der Oberstabsarzt vr. Rosenthal vor einer zahlreich besuchten Bersammtung einen Vortrag über di« Mittel zur Bekämpfung der Cholera, worin er den hiesigen städtischen Behörden einen leisen Borwurf über zu spä e Ergreifung von Vorsichtsmaßregeln machte. Dagegen erhob sitz der hiesige Bürgermeister und strotestirte gegen dies« Beschuldigungen. Der heutige Leitarttkel der „Magdeburger Zeitung" tritt mit Energie für die Behauptunaen des vr. Rofenchal ein. Zn Folge besten findet heute Abend eine Bürgerversammlung statt, in welcher über die Mittel berathen werden soll, die die Bürgerschaft aus sich selbst zu ergreifen hätte, um dem Umsichgreifen der Seuche möglichst zu steuern. (Die Versammlung fand unter sehr zahlreicher Betheiligung statt, zur Ausführung der Beschlüsse wurde ein Comitä von S Bürgern gewählt, darunter aus der Gemeinde: vr. Rahmer, Banquier Alenfeld, Kaufmann Siegfr. Levy.) — In _ ezug auf unsere in Ar. 32 gebrachte Notiz über die allzuharte Maßregel der Ausweisung einer großen Anzahl kranker polnischer Juden aus Königsberg und di« Rechtfertigung derselben durch Herrn Prof. Burow sind wir nachträglich durch mehrere vo» dort uns gewordene Zuschriften eine» Bestern, besonders über die Person de» über die Grenzen Königsberg» hinaus als wohlchätig und edelgesinnt bekannten Herrn Pros. Burow, belehrt worden. Wir nehmen die etwas geringschätzige Aeußeruug über destenPerson gern und freudig zurück, halten aber unser Unheil über jene Maßregel vom Standpmlve der Humanitäl aufrecht; nun erwäge uur, ivelchen Eindruck dir bloße Miaheilung derselben auf den Fernstehenden mache» mußte. Zuerst di« telegraphische Meldung: Königsberg. vier ist der erste Cholerafall vorgekommen Ueber 80 polnisch« Juden sind (zumeist zwangsweise) von der Polizei über die Grenze tranrportiri worden'' Und dann die Rechtfertigung, die un» mittheilt, daß diese Ausgewiesenen „fast auSnahintlo« mehr oder weniger schwer Kranke" gewesen, di« di« dortige Klimt besucht. (Siehe die folgende Corr. aus „Königsberg." Red.) tktutgsberg i. Pr. IS. August. (Org.-Corr) Die Nummer 32 der „Israelitischen Wochenschrift" bringt in den vermischten und neuesten Nachrichten unter „Magdeburg" einen Angriff auf Herrn Profestor Burow wegen seiner Motivirung rücksichrllch der n«thw«ndig> gewordenen Maßnahme der Ausweisung einer An^hl polnischer Juden au» hiesiger Stadt beim Ausbruch der Cholera. — Dieser Profess« Büro« — Geh. Sanitätsrath — ist, wie Jedermann in ht^iger Stadt bekannt, geradezu der größte Wohlthäter der polnischen Znd««;nicht nur, daß «r seit einer langen Reihe von Jahren die Armen in seiner Privat-Klinck unent- 'geitlicb behandelt, gewährt er ihnen'ln nicht seltenen Fällen kpare Uizttrlultzung äug eigenezt Mtetst, sorgt für Otzbach für sie u, a. m. — Unter biuer Rttmrftui, ist. der hierorts eMrende Arnww-UnSerfiütztmaSSVevrnr'ftir kranke russisch« Israeliten entstanden, brffest AuSWtß er noch heute al» erster BertrauonS-Arzt angehört. — Wie sehr die» Alle» auch gerade von den polnischen Juden anerkannt wird, beweist schlagend die Dhusache, daß für den edlen Mann, al» er im verflostenen Winter schwer erkrankt danieder lag, in den polnischen Thillim gesagt wurde. — Die» über die Person de» Angegriffenen; die Thatsachr selbst war ei», unabweisbare Rotbwendigkeit, und die in jener Correipoineuz gezogene Parallele uut de» Zeiten des Mittelalter» ist Insoferu eine unzutreffende, al» eS sich hier eben um An» vcifung nicht OrtSangehürigcr — vielmehr Ausländer — handelte und leider unter ihnen die Epidemie die erste» Opfer forderte") und ihre Lebensweise die Befürchtung der Weiterveröreitung nur allzusehr rechlsertigte. — Daß man hier in Königsberg jenen Unglücklichen gegenüber nicht inlifferent ist, beweist die Existenz jene» BereinS, welcher unabhängig von der hier wie allerort» wirkenden Chewra tadischa jehrau» jahrein circa 3000 Thlr. zur Unterstützung derselben vervrendet. — Dazu reichen aber die Mittel jene» Vereins wahrlich nicht aus, etwa 2 bi» 300 solcher Kranken, welche sich stäildig hier aufhalten, in Gasthöfen („erster Klaffe') untcrzubringe 1. Leider sind bereits bi» heute mehr als 20 polnische Juden der Seuche erlegen; au» hiesiger Gemeinde haben wir ebenfalls bereit» 2 Opfer zu beklagen. — W. Kl «in, OcoMinbcftmtSt. B. Stalgard in Pommern, lü. Aug. (Or.Corr.) Unterm 12. Februar d. I. theilte der hiesige Magistrat dem Vorstand der Synagogen Gemeind« mit, daß an Stelle de» Hofpredigers W, der fein Amt al» Schulinspector niedergelegt, Pastor H. zum Inspektor der dem Vorstand unterstellten Schulen von der Regierung bestellt worden sei, und ersuchte uui Mittheilung an da» Lehrerpersonal. Der Rabbiner, dem der Vorstand dieses Schreiben zuschickte, reuionstrirle an den Magistrat zunächst mtt b<*r Bemerkung, daß er jetzt zum ersten Male erfahren, daß die Schule der Gemeinde einen Pastor zum Inspektor habe, wa» ihn umsomehr wundere, al» dieselbe eine ReligionSschrle sei, deren natürlicher Inspektor wohl der Rabbiner sein dürste. ES niag au» diesen» Grund« wohl geschehen sein, daß Herr Hofprediger W. wenigsten« während der Amtirung dc t jetzigen Rabbiner» niemals di« Schule injpicirt hat, uns bitte er der königl. Regierung anz-'igen zu wollen, daß der Rabbiner eine weitere Jnspicirung der Schul« al» Direktor derselben adlehne. Hierauf erhielt der Rabbiner unterm 22. Jitli folgende» Schreiben de» Magistrat«: „Sure Wohigeboren benachrichtige» wir ergebenst, daß wir Ihnen zufolg« Verfügung der königl. Regierung z» Stettin vom 8. d. M. hiermit die Inspektion über die hiesige jüdisch« ReligtonSschule übertragen und davon dem Vorstand« der Gynagogengemelnde Nachricht gegeben haben." ES ist dies« Sache darum nicht unwichtig, weil ersten» an manchen Orten wie Rcf. bekannt, Magjstrat sowohl wie Pastoren darauf bestehe», die Inspektion auch über die ReligionSschnlen zu behalte» und zweiten» weil der Rabbiner als Inspektor wirksamer sür den Besuch der Schul« thätig sein kann. — 88 ist nämlich Res. auch ein Fall bekannt, daß der Rabbiner die Liste der Fehlenden den» Magistrat eingereicht, und. al» btc betreffenden Väter, unter denen auch der Präse» de« Borstaude» sich befand, auf dein Polizeibureau erschienen, erklärte letzterer, oer Rabbiner habe kein Recht die Listen selbstständig etnzureichen, sondern müffe die» durch den Vorstand thun, worauf die Polizeiverwaltung die Liste dem Rabbiner unter Angabe jene» Grunde» zurückschickte. — Dem Inspektor gegenüber kann die» aber niemals geschehen. Wir empfehlen naher den Herren Rabbinern, welche einer ReligionSschme 'vorstehen, sich von der betreffenden Regierung da» Jäspeclorat über dieselbe übertragen zu lasten. (sehnliche Vorkommnisse sind mir au» htesiger Provinz > ß} Di«» ist •>< femt „■totUintnt" nicht ersichtlich in dnschftn Kt «S «t«!«hr wörtlich „b«i« «twalgen »uSbruch« der pbwckdtff iefen wtthnimgm u. f. «." ' A.