Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 33.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 264 — lau, und Herr vr. Bloch, Mbbiner der Brüdergemeinde zu Posen, Reffe des Entschlafenen, beredten Ausdruck. Eine große Versammlung, worunter die städtischen Behörden und die christliche Ortsgeistlichkeü, gab den sterblichen Uederresten des hochoerdiemen Mannes das Geleite. Das Andenken an chn wird in dem Herzen seiner vielen Verehrer noch lange, lange fortleben! rfa'rJTr L. Paselwalk, 8. August (Or.-Corr.) Als Gegensatz zu der Toleranz, die die jüd. Gemeinde zu Breslau geübt, von der Sie in Rr. 29 Ihrer „Wochenschrift" berichteten, thcil« ich Ihnen folgende Expektoration des Pastors Quiftorp in Ducherow mit, mit der er in Rr. 32 seiner „Deutschen Wacht" seine Leser beglückt: „In Kaiserslautern in der Pfalz bat man unlängst den jüdischen und den christlichen Friedhof vereinigt, so daß fortan Jude» und Christen und — natürlich auch allerhand ungetaustcs und unbeschnittcneS Volt friedlich neben einander ruhen werden. Ich sehe im Geiste die guten Kaiser-lauterer Spießbürger und protestantenvereinlich-reiormjüdischen Bierbankschwätzer, wie ste gerührt sich selbst bewundern und beräuchern ob dieser allerueueftcn Erfindung und Errungenschaft ihrer allerfreisinnigsten Gcsinnungstüchtigkeit. Natürlich wird es nun nicht lange dauern, und diese Freiheitshelden verbieten auf ihrem Musterkirchhofe Inschriften wie: „Chistus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn" u. bergt. m. Jüdische Mitbürger könnten sich ja uiit Fug und Recht bekageu, daß sie durch solche Inschriften beim Lustwandeln auf deui toleranten „Unions-Fricdhose" gestört und unangenehm berührt würden! Als Inschrift über dem Eingangsthor empfehle ich den Kaijerslauterern das Wort: „Lastet uns essen und trinken, denn morgen sind wir lobt," aber in hellgrau auf schwarzem Grunde!" So äußert sich die gerühmte „christliche Liebe" im 19. Jahrhundert; mit solchen Gesinnungen brüstet der Herr Pastor Quiftorp sich in seiner „Deutschen Wacht!" Dresden. Herr Adv. Emil Lehmann hatte im Januar d. I. in der „Jüd. Volksz." einen Auf atz „Chanucka und Weihnachten, kin Wort für die Jugend" veröffentlicht , in welchem er die Rochwendigkeit betont, für Chanucka der jüdischen Jugend „ein Haus- und Volksbuch zu bieten, welches, vollendet in künstlerischer Ausstattung, ebenbürtig an die Seite gesetzt werden könnte den Hunderten von Kinderschriften und Albums, die alljährlich den Weihnachtsmarkt aufsuchen". — Der Aufruf kam freilich post festum, sonst hätten wir nicht verfehlt, aus denselben aufmerksam zu machen; es muß Jeder, von der äußersten Rechten bis an das Lager der religiös Gleichgültigen, den Mangel an paffenden Büchern zu Geschenken für Milche Knaben und Mädchen empfinden und beklagen. Auch wir haben in der allerersten Nummer unseres Plattes, bei Anzeige der Sabbalhstunden von Caffel, ein Wort in demselben Sinne ausgesprochen. Jetzt versendet Herr Lehmann in höchst anerkennenswerthem Eifer für eine treffliche Sache von bleuem einen Mahnruf an jüdische Schriftsteller, Dichter, Maler, Lehrer und Rabbiner, dafür zu sorgen, daß unsere Kinder nicht blos in ernsten Schulbüchern, sondern auch in solchen Schriften, welch« dem Rothwendigen da» 'Nützliche und Schöne zugesellen, mit Lüde für da» Judenthum erfüllt werden. Ich kenne außer dem herrlichen Buche des unsterblichen Sach» „ om Euphrat und Tigris", außer „Libanon" und „Ieschurun" nichts, was ich in dieser Richtung unler den Chanukkadleuchter zur Bescheerung legen könnte. Unser Schriftenthum ist meines Wiffens arm auf dem Gebiete derartiger Jugendschriften und Blumenlesen. Schon bei einer Barmizwah kommt man in Verlegenheit um die Wahl solch eines Buches, da» ein jüdischer Führer durch da» Leben sein soll. Und unser Schrtstthum ist doch so groß. In alter und neuer Zeü ist so viel Gule» gedacht, geichrieben worden; Woche um Woche bringen seit vielen Jahrzehnten mehrere jüdische Zeitungen so viel de» Stoffe», daß eine verständnißoolle Auswahl au» all dem in Poesie und Prosa ganz ortrefflich« Anthologien bitten könnte. Und nun erst unsere producttoen Köpfe, unsere Meister in Schrift und Wort. Wollten sie — unsere Jugend erhielte Werke, die nicht nur ihr, nein, der deutschen Literatur zur Freude und Ehre gereichten. Und damit rufe ich denn mit schwachem Wort Allen zu, die stark genug find, es zu beherzigen: schafft unS, gegenti er den zahllosen Weihnachtsschriften in denen der heil. Christ das A und O, mindestens ein Buch: „Zu Chanukka". Ja, unter diesem Titel erfreut alljährlich unsere Jugend mit eimm neuen Buche. An miarbeitenden Kräften wird's Euch nicht «-'ehlen, wenn Ihr Berufenen es in die Hand nehmt. Laßt mich gleich hinzusügen. wie ich mirS denke: Billig, damü es Jedermann und nicht blos den Söhnen der Paläste «gänzlich sei, zugleich auch schön ausgestattet, nicht luxuriös, dal ei so, daß es das Auge erfreue und daß man nicht von uns sage, uns gehe der Sinn für Schönheit ab. Dies das Aeußere. Und das Innere? Ich nenne Beispiele. Würde es unseren Kindern nicht Freude machen, würde es ihnen nicht nützlich sein, wenn man ihnen wahr, klar, schlicht und gut die Lebensgeschichte Gabriel Rießers mit eingestreuten Kraststellen seiner Schriften und Reden, wenn man ihnen die Entnehungsgeschichte und das Wirken der Alliance israälite universelle u. L w. erzählte; würde es sie nicht erfreuen, wenn sie, damit es doch an eilt) und Beschreibung nicht fehle, die schönsten Synagogenbauten Deutschlands, den alten Prager Friedhof, hervorragende Glaubensgenrffen u. s. w. vorgeführ erhielten, wenn man ihnen die in zahllo>en Blättern verstreuten Gedichte lüliischen Inhalts, so weit sie schön und gut sind, veröffentlichte?" Herr Lehmann wiederholt somit seinen Aufruf und bittet Bet räge, Rachweisnngen u. dgl. ihm oder der Hartknoch'jchen Buchhandlung in Leipzig zu senden. firjlmdcb. Boa der Doaan. Ans mg» August. (Or.-Corr.) Wenn die äußere Signatur der jüngsten Zeit at» Spiegel de» gesummten Lebens zu betrachten ist, jo hat Ihr Berichterstatter diesmal allerdings leichte Arbeit, denn er dürfte bloS etliche Stoßseufzer über die entsetzlichen Verheerungen hören laffen, welche der „große Krach" allerorrrn veruriacht hat. Es läßt sich nun freilich nicht leugnen, drängt sich vielmehr mit unabweisbarer Kraft der Wahrheit auf, daß der unerwartet hereingebrochene Schlag gar vielen die Besinnung völlig geraubt hat, und daß die größte Wucht de» zujammengestürztcn trügerischen Baues sich auf die dabei betheiligten Söhne unseres Volkes senken mußte. Aoer hat auch der jahrcla ige Schwindel bi» in die fernsten Kreise hinein gewirkt und auf lange Zeit den Boden des Rechlsbewußiseins unlerwühlr, so dürsen wir doch keiiuswegs an der Zukunft verzweifeln, unter keinerlei Umständen aber der Kraft unsere» Volke» des Zutrauen völlig entziehen. Denn unverkennbar wendet sich das Interesse nach der Ernüchterung allmalig wieder den würdigen Zielen der Gesellschaft zu, und die tadelnsioerlhe Gleichgiltigkeit schwindet nach und »ach, welche im Gefolge aller der Zeilerscheinungen unmöglich nusbleiben konnte. In erster Reih« scheint die sich vollziehende Besserung dem jüdische» Zeitungswese» zu Statten zu kommen. Ju richtiger Erkenntniß der Sachlage sind verschiedene jüdische Zeitschriften in'S Leben geruf.» worden, von denen besonders die von Ralhan Fischer in Pest redigirie „Jüdiiche Gemeindr- und Zchulzeitung" ermahnt zu werden verdient, weil der Herausgeber eine in Schulkreist» bekannte und bewährte Persönlichkeit ist, und weil i isbejoudere diese» neue Blatt einem recht fühlbaren Mangel abznheifen berufe» wäre. E» steht zu hoffen, daß das junge Unternehmen den Erwartungen ent« sprechen und demgemäß auch gebührenoe Unterstützung finden wird. Ein anderes Blatt, die ebenfalls in Pest erscheinende „Jüdiiche Schiüzeilung", von zwei dortigen Lehrern geleitet, soll ganz bcfoiiders oaS Jitlereffe der Schullehrer wahrnehmen, welche von dem mehr a!S selbstbewußten Benehmen einzelner Vorstände so manche Unbill erfahren. Von ungleich höherer Bedeutung und für da» Gedeihen unserer öffentlichen Zustände hoffentlich von heilbringendem Einflüsse sind die seither überall bekannt gewordenen Wort«,