Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 32.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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zeichnung beendigt hatte, hielt er während einer Reihe von Jahren an derselben Hochschule Vorlesungen über politische Oeconomie, die er so lange fortsetzte, biseine überhäuften Arbeiten in seinem eigentlichen Berufe als Solicitor, und sein abnehmender Gesundheitszustand ihn nöthigten, sein Wirken an der Universität einznstellen, bei welcher Gelegenheit er zum emeritirten Professor ernannt wurde. Trotz seiner vielseitigen Beschäftigung in den besagten beiden Eigenschaften fand er dennoch stets Muhe, im Interesse seiner GlautenSgenossen lhätig zu sein, und gar manche nützliche Einrichtung im Schooße seiner Gemeinde hatte ihn zum Autor, obschon er in seiner Bescheidenheit jede Anerkennung zurückweisei» zu müssen glaubte. Möge sein schöner Beispiel viele Nachahmer finden! Einen noch weit schmerzlicheren Eindruck in weiteren Kreisen machte die Nackricht von dem Hinscheiden des Sir David SalonionS, da dessen Leben und Wirken der Geschichte der Juden in England angeliört. Dieser, im Jahre 1797 geboren, hatte es sich zur Lebensaufgabe gestellt, den Namen Jude in England zu Ehren zu bringen, u»d durch seltene Ausdauer und Standhaftigkeit, die er bei verschiedenen Gelegenheiten wahrend seiner öffentlichen Thätigkeit an den Tag legte, ist eS ihm auch gelungen, seinen „frommen Wunsch" mit dem schönsten Erfolge gekrönt zu sehen. Es würde uns zu weit führen, wollten wir hier die Einzelheiten seiner mühsam errungenen und dennoch glänzend gewordenen Carriere schildern, zumal da sein thalenreiches Leben, wie bereits angedeutet wurde, für den Geschichtsschreiber der englischen Juden aufbewahrt werden muß, und wir begnügen uns daher, die an desien Tod geknüpften Bemerkungen der „Times" hier folgen zu lassen. Dieselben lauten: „Sir David Salomons, der nach einer länger» Krankheit am 18. Juli d. I. im 76. Lebensjahre sein rühm- und thatenreiches Leben beschloffen hat, verdient eine mehr als bloS vorübergehende Erwähnung. Er gehörte jener kleinen, aber energischen Clasie von Menschen an, welcher das Verdienst gebührt, im Einklang mit dem Zeitgeiste wirkend, der „gleiches'Recht für Alle" predigt, auch den jüd. Unterlhenen der Krone Ebenbürtigkeit nnd gleiche Rechte mit ihren christl. Mitbürgern verschafft zu haben, obschon wir jetzt, da dies bereitgeschehen ist, uns wundern müsien, daß ihnen diese Rechte so lange vorenthalten waren. — Sir David war der erste Jude, welcher bald in der Eigenschaft als Magistratsmitglied. bald als Sherif, bald als Rathshcrr (Alderman) und endlich als Lord Major von London öffentlich und mit Erfolg thätig war. Die Eidesformel wurde seinetwegen abgeändert, damit ihm die Uebernahme der beiden letztgenannten Aemter ermöglicht werde, welche er in der Thal mit seltener Geschicklichkeit bekleidete und versah. Seit 1859 war er Parlamentsmitglied für Greenwich, und in kommerziellen und finanziellen Fragen, die im Parlamente auftauchtcn, hatten seine Vorschläge und sein Rath großes Gewicht. Seiner unermüdlichen Thätigkeit hat die Londoner- und Westminster-Bank, deren Hauptgründer er war, ihre jetzige Größe zu verdanken, und durch seine Mitwirkung ist der ungeheure Geldverkehr der Metropole erleichtert und vereinfacht worden. Sir David hatte eine imposante Erscheinung, liebenswürdige und einnehmende Manieren, und seine angeborene Herzensgüle machten ihn in allen Kreisen, in welchen er Umgang pflegte, sehr beliebt. Er liebre die Kunst, und besaß auch eine prachtvolle Sammlung moderner Bilder. Zweimal war er verheirathet, doch binlcrlicß er keine Nachkommen, so daß der Barontitel, den er im I. 1869 erhalten, auf seinen Neffen David Lionel Salomons übergeht." Es dürste Sie vielleicht auch interessiren, zu erfahren, daß die Eröffnung einejüd. Seminarzur Ausbildung englischer Rabbiner und Prediger in Portsea für die nächste Zeit in Aussicht gestellt ist!*) Ein Mr. Aria, der in be'agter Stadt lebte, hatte nämlich (wie s. Z hier berichtet worden) *) B-l. Inserat in unserer Nr. ZV. (Red.) zu obigem Zwecke mehrere Tausend Pfund Sterling als Legat hinterlassen, uni da die Regierung dasselbe bestätigte, so werden jetzt bereit! Vorbereitungen getroffen, de» Willen dcS Testators in Arssührung zu dringen. Obschon die Sache an und für sich eine löbliche und preiswürdige ist, so muß doch jeder Einsichtsvolle eingestchen, daß die Wahl de- Ort?- — Portsea ist ein Steines und unbedeutendes Städtchen — keine glückliche war. Denn wie die Erfahrung es lehrt, verlangt heutzutage jede ntclligente Gemeinde, insofern sie nicht blos aus einen Ebasa r reflectirt, einen akademisch gebildeten Geistlichen, und selbst hier z» Lande, wo man meistens darüber hinwegsicht, und z, B. sich entschließen kann, wie eS erst vor Kurzem hier in einer größer» Genieinde der Fall mar, einen bewährten Choristen zum Prediger umzuwandeln, wird man früher oder spät:r zur Einsicht gelange», daß ein Man», der ein bischen singen kann, nicht auch ev ipso befähigt ist, die höher» Pflichten eines jüd. Geistlichen zu erfüllen. Sollte daher dazu eröffnende neue Seniinar in Portsea keine besseren und gelildeteren „Minister" heranbilden, als solche tagtägliche Erich, inungen, wie sie das „Jewish Chronicle" so treffend und wahrheitsgetreu schildert, daß sie nämlich während der Wochentage das Handwerk als Kehlenabschneider in den verschiedenen Schlachtbänken betreibe» und an Sabbat- und Feiertagen mit schwerem Herzen den Gottesdienst leiten und zur Abwechslung auch hie und da predigen — ja dann würde man mit Recht auf diese neue Anstalt den Satz anwenden können: ms: 3119 Vermischte und neueste Nachrichten. Stettill, 7. August. Die „Erklärung" des Hrn. Rabbiner Nr. Bloch in Posen in unsrer Nr. 29 und die hinzugefügte RedactiLnsbemerlung haben die Redaction der „Israelit" Anlaß zu einer Reilamation gegeben. Es ist richtig, daß die Nachricht, die Brüdergemelnbe in Posen beabsichtige einen Mädchenchor einzuricjten, und der jetzige Rabbiner derselben sei damit einverstanden, nicht im „Israelit", sondern in der „Jüd. Presse" Nr. 25 gestanden hat. Der Berichterstatter des Herrn vr. Bloch hat die beiden Blätter mit einander verwechselt, und unS ist cS ebenso ergangen. (Wir waren überdies nicht zn Hause und hatten ältere Nummern der Blätter nicht zui Hand.) Da nun beide fragliche Zeitschriften in ihrer Tendenz durchaus Hand in Hand gehen, so kann gewiß von irgend einer Absicht, geschweige denn Böswilligkeit, bei dieser Verwechslung gar keine Rede sein; das Denienti bleibt bestehen und ist nur von dem „Israelit" au die Adresse der „Jüd. Presse" zu übertragen. Magdeburg Ein Herr Professor Burow in Königsberg veröffentlicht eine Art Entschuldigung der grausamen Maßregel der zwang»» eisen Ausweisung polnischer Inden aus jener Stadl beim Ausbruch der Cholera. Aber diese quasi’Snt-- schuldigung ist in unsere» Augen eher eine schwere Anklage. Wir erfahren ncmlich daraus, daß jene Ausgewiesenen „fast ausnahmslos mehr oder weniger schwer Kranke" waren, die seit einiger Zeit in den dortigen Kliniken Heilung zu suchen kamen. Und weil diese armen Kranken in „dumpfen, feuchten und überfüllten Localitäten" wohnen, die zur Entwickelung des Cbolcra-Contagiums de» bequemsten Heerd bilden". darum hat man sie — einfach ausgewiescn! Also schwerkranke Personen hat »lan, weil sie ihrer Armulh wegen nicht in Gasthösen erster Klaffe logiren konnten, sondern in Elend und Schmutz leben mußten, über die Grenze transportirl, weil beim Ausbiuch der Cholera diese dadurch gefördert werden k ö n n t e. El ne recht humane V o r s i ch r s Maßregel! „Eine Bemängelung der getroffenen Maßregel kan» nur auf einem unzeitigen und r nmotivirten Mil lei den beruhen" — meint dieser Herr Prolcssor in der Stadt der „reinen Vernunft, der wahrscheinlich der Darwin'jchen Theorie vom „Kampf um's Dasein" h aldigt. Im Mittelalter hat mau beim Aus-