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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 32. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 32.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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— 256 — nisse zur Wirtlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Przemisl, eine der größern Provinzialstädte, besitzt eine sehr zahlreiche jüdische (Gemeinde, die lebhaften Handel unterhält. Bei aller Wohlhabenheit der Gemeinde sehen wir außer einer sehr bübschen Synagoge und ciuem sehr prämittirten Spital nicht», war ein jüdisches Herz und Auge erfreuen mag. Tie Gemeinde liefen das Bild eines Zeltes, das von keiner Menschenhand bebaut und bearbeitet wird, sondern hie und da, mitten unter zahllosen Grasarten, erhebt monoton eine Klatschrose ihr Haupt, hier und da findu man vereinzelte Aehren, Sie von allerlei Zufällen athmosphärischer Natur gesäet wurden und ein freudenloses, isoliNes Hetzen führen. Tie Mchrbeit der Gräser dünkt sich erhaben über die Minderzahl der Klatschrosen, diese wieder sind den importirten gezüchteten Gewächsen zn ordinär. Es entsteht durch eben jene Abgesondertheit in der Sprache der Biographie der PrzemiSler Gemeinde — ein seltsam unerquickliches Perhältniß, das zur Zersetzung, zur Lähmung der schaffenden und strebenden Kraft fuhrt — und das Resultat ist — der Stillstand im Gem.iudeleben. Als vor wenigen fahren der -Verein „Schomer Israel" seine anregenden und belebenden Fuiken in nianche (Gemeinde >V. schleudert, begann man auch hier in Przcmisl ein;useben, S::ß die Gemeinde nackt ist, daß d>r (Rwicindevorstand mehr rhut, als er soll, und wenig von dci i, was der (Rvneindc nüthlg und nützlich ist. Ta schien sich endlich der gute Geist gefunden zu haben iu der Person des Herrn Tiger, der sollte die Schäslcin Gottes weiden, der sollte die Bestrebungen des Lemberger „Schoni.r Israel" vermitteln. Ein Wink des Herrn Tiger, und ein mächtiger Verein, unter dem 'Namen „ Rodcf Zedaka wechesed“, trat ins Leben, der aus allen Parieischattirungen (insoweit in der religiösen Bctanschauung, ob sephardisch*) oder aschkena dl ch ein Unterschied wirklich liegt) sich rekrutirte. Man begann mit allen Arten lobenswertheu Strebens, uMerstützte Arme und Perschämte, vcrtheilte reichlich Mazes, Wein und Fleisch zu Ostern, man stürzte den Vorstand, vereinigte sich, uni den jüdeufcindlichcn Gemcinderath bei der Wahl aus den Äugeln u heben, und es gelang jenem Vereine, mit den Rutbenen im Bunde, liberale Eandidaten durchzusetzen. Mit diesem Erfolge nicht zufrieden, gab Herr Tiger das Signal zur Gründung eines „Fortschritt-Vereines", gleich als sollte die (Gemeinde belehrt und gehoben werden. Mgeiskert nahmen die Elemeindcglieder auch an Tiger's zweiter Schövsung Thcil, die Aehren neigten ihre vollen Häupttw den Gräsern und Röslein zu, man hielt Vorlesungen so daß es den Anschein gewann, als sollte hier der Brenn- und Nusstrahlungspunkt alles geistigen Lebens entstehen. Allein wie bald fand man sich enttäuscht. Beide Schöpfungen schienen sich gegenseitig geschwächt zu haben, und wenn r.tan es mit einem populären War e bezeichnen darf, schien die Zedaka der «beseel, und beide den Fortschritt gerodelt (verfolgt zu haben und umgekehrt. Rodet Zedaka war nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, um andere Personen, aber nicht andere Prineipien im Gemeindeame herrschen zu lasien. Man blendete die Menge mit dem Rufe nach Freiheit von der Simpelsteuer, dem man gerne folgte.. Ter zur Vorsteherwürde Wclangte konnte sein Wort nicht einlösen und mußte zur Erccution schrecken, wollte er nicht die nothdürftig bestehenden Gemeinde-Institute zu Grunde gehen laffen, welcher Umstand dahin führte, daß der Wortführer die Glaubwürdigkeit bei seinem Vereine verlor, was dann leider zur Folge batte, daß der Rodet Zedaka hinfällig geworden, wodurch eine Aclionspartei gerade in den wichtigsten Momenten verloren gegangen. Selmr wir uns dm Ouasi-Fortschritlsvercin in Przemisl an. Tiefer zu Höherem geborene Verein trug gleich in seinem Keime den Tod im Busen. Ter Gründer ging von der irrigen Ansicht aus, daß *) T. h. hier der pseudo-sephardische Ehassidim-Ritu«. Red. Fortschritt und Kasino untrennbrre Begriffe sind, weshalb er in diesem Fortschrittsvereine mol>eme Götzm aufrichtete, welche um so schädlicher wirktm, als die dem wissenschaftlichen und fortschrittlichen Streben wenig accomodirte Jugmd sich viel leichter dem modernen Fetischdienste zuneigt. Wir finden dort in jenem Asyle des Fortschrittedm großen Bel — jetzt Billardlisch — von der Jugend umstanden — wir haben ein reich assortirtes Lager von Blättern — von Karten! — Hat so, bis der Kukuk ruft. Jeder feine Opfer gebracht, so wird zur größeren Ehre de» thmrm Vaterlandes polnisch gegeffen, sowie dem Bacchus und GambrinuS ihr Opfertrank gereicht. SEer kamt noch lang im Zweifel seit«, wohin ein solcher Fortschritt von Irrlichtern bei einem immer mehr zunehmmden morastigen Boden der Uncultur führen wird? Leider sehen wir schon jene verderblichen Früchte reisen, sie bestehen in der Zersetzung und Lösung aller Bande der Gemeinschaft der Przemisler Juden. Wir sahm sie in den letzten (städtischen) Gemeinderaihswcihlen ihren Feinden unterliegen, eben aus Menge! an Einigkeit und Verständniß für's allgemeine Wohl. Ten SSenigcn, denen es gelungen, trotz der liebm Roth, die sie mit der Orthographie ha m, irgend eine Würde in der Commune zn erlansen, sind nicht moralisch stark genug, diese zu Gunstm ihrer Glaubensgenoffen auszubeuten, da eben jene Ehrenstellen ihrem natürlichen Triebe, „mehr Geld, iveniger Licht", viel bester zu statten konimen, sie handeln daher blindschleichenartig sogar gegen die vitalsten jüdischen Interesim im Gemcinderath. Unsere Gegner kennm die Schwäche jener schwarzen Geldhaber; eine Lieferung, ein Anlehen aus dem Stadtsonds bewilligt, und alle liegen geknebelt am Boden und unterschreiben sogar ihr eigenes Todesurtheil. 'Nun habm wir auch, wie Eingangs erwähnt, Intelligenz — diplomirt — promovirt re. — aber auch jene wenigen Herrm sind kein Gestirn am jüdischen Horizont; sie zeichnen sich durch einm unwiderstehlichen materialistischen Zug aus und können sich sehr schwer von ihrer sriedlichm Mammonmacherci trennen, geschweige oie mühselige Arbeit einer Volkssützrung übernehmen Bei diesem trostlosen Zustande einer so großen Gemeinde, die Großes und Gutes leisten könnle, scheint es uns, daß ein aus bloßer Liebe zu den Glaubensbrüdcrn ausgesprochener öffentlicher Tadel, wie unschmackhast ein solcher Bisten auch ist, an der Zeit sei, besonders da das galizische Iudenthum bei dem großen politischen Kampfe, den jetzt der Rechtsstaat Oesterreich gegen seine nationalen und reactionären Feinde auszukämpfen hat, eine wesentliche Rollzu spielen hat. ES sei uns daher gegönnt, folgende wohlge meinte Rathschläge, wenn auch uneingeladcn, zu ertheilcn. Tie Przemisler Juden mögen eine Art Wähler-Versammlung auS :llen bestehenden Pereinsgliedern berufen, die ein Eomitä zu wählen hätten, um nach Art des Schomer Israel einen Verein zu gründen um des Guten selbst willen. Ter Verein möge beide Zwecke in sich aufnehmen, nach innen wohlthätig, nach außeu als poli.ische Partei heilsam wirken — und wie einst unsere Vorfahr?n durch Abfall von der jkldischen Idee und Rückkehr zu Götzen zu Grunde gegangen, während Sie Wiedervereinigung im Gedanken der göttlichen Einheit sie ausrichtete, so mögen auch die Przemisler alle unnöthige Zerklüftung meiden und alle Fetische, in welcher Form immer sie auftrcten, Niederschlagen. Großbritannien. Cli. Belfast, 29. Juli. (Or.-Lorr.) Dem englischen Judenthum sind kürzlich zwei seiner testen und hervorragendsten Söhne durch den Tod entriffc» worden. Es waren dies Prof. W a l e y und Sir David S a l j m o n $. Der erster«, welcher im Jahre 1819 geboren wurde, zeigte schon als Knabe außergewöhnliche Anlagen, die sich bei ihm später, als er zum Jüngling und daun zum Manu« he ungereift war, immer mehr entfalteten und sein rasches Fortschreilen auf dem Gebiete der Wiffenschaft begünstigten. Rcchdem er seine Studien als Jurist auf der Londoner Universität mit besonderer AuS-

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