Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 32.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-5935020-5935720--1790-5371348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 254 — nung, daß der jüoische ReligicnSlehrer, soweit dieser Gegenstand in Frage komme, zu den Konferenzen z»g,zogen werde nnd seinen Vermerk über den Erfolg de» Religion»unterrichi» in die Ceniurin eintragen dürfe; aber auf die Versetzung könne dieser Vermerk ebenso wenig Einfluß haben, wie der Religionsunterricht bei den christlichen Eonfessionen (B. Z) 6. Hamburg, 24. Juli. (Or.-Corr.) Mehrere jüdische Blätter („Jüd. Pr", „Israelit", Nr. 46 der Zeitschrift „Halebanon", Hebr. Ausgabe des „Israelit" *) enthalten einen von den .Herren Atiba, Lehren. Hildesheimer und M. Hirsch Unterzeichneten Bericht, betreffend die Pilgrrhäuser in Jerusalem. Sie theilen darin mit, daß es ihnen gelungen sei, zur Wahrung der Jntereffen der Juden in Ungarn, Böhmen und Mähren als Nachfolger de» vr. Hildesheimer den Rabbiner in Ungwar, Eh. H. Mannheimer, zu bestellen. An diese Miltheilung knüpfen sie einen Protest dagegen, daß von Seiten der jerusalemischen Juden jpanischer Herkunft (gewöhnlich Spaniolen genannt) durch deren Chacham Baschi, Abraham Aschkenasi die Absicht ausgesprochen worden, die Mild hätigkeit der europäischen Juden zur Errichtung von ähnlichen Häusern für arme Wittwen, zu Untcrrichlsstätten für verwaiste Kinder, zur Aufnahme armer Pilger in Anspruch zu nehmen. Tie Herren Lehren, Hildesheimer und Hirsch erblicken in einem solchen Bestreben einen Eingriff in wohlerworbene Rechte riion), da die deutsch-polnische Gemeinde in Jerusalem allein befugt sei. Gaben bei den europäisch» n Juden einzusammeln. Wir gestehen, daß wir beim Lesen dieses Protestes uns eines niederdrückenden Gefühls nicht erwehren konnten. Es ist bekannt, daß in Jerusalem (mit welcher Stadt wir hier zunächst zu thun haben» verschiedene Gemeindekörper (Koleliai) bestehen, welche nach den Nationalitäten der ihnen zugehörigen oder sich ihnen anschließenden Juden genannt werde». Die Differenzen im Gebetritual und in einigen Gebräuchen untergeordneten Ranges mögen hier unberührt bleiben. Im Allgemeinen und in Anbetracht der unangenehmen Zänkereien und Reibungen unter den einzelnen Gemeinden hätte man dm Wunsch aussprechm können, daß es möglich gewesm wäre, die Juden in Jerusalem zu einem Gemeindekörper zu vereinigen. Aber, wenn dies auch vorläufig noch nicht zu erreichen ist, so sollte doch in Allem, war Humanität und Wohlthätigkeit betrifft, kein Unterschied zwischen dm einzelnen Rationalitäten bestehen. Wir glauben im Sinne aller derer, welche Pietät und 'ilerehrung für das heilige Land habm, zu sprechen, wenn wir behaupten: was wir für die armem jüdischen Bewohner Palästina'» gespendet, habm wir sür unsere Glaubensgenossen gespendet, ohne danach zu fragen, ob die Vorfahren der zu Unterstützenden vor Jahrhunderten in Spanien oder in Deutschland oder sonstwo gewohnt habm. Al» vor einiger ^eit in der „Alliance Israelin IJnivereelle“ der Antrag gestellt wurde, dieselbe nach Rationalitäten zu gliedern, erhob sich, und gerade (ater nicht vorzugsweise oder gar ausschließlich — Red.) von der Seite, welche .Herr Nr. Hildesheimer vertrat, ein Schrei des Unwillms. Als Juden, sagte man, sind wir weder Franzosm noch Dmtsche, weder Asiaten noch Europäer, sondern «dm nur Juden, Söhne Abrahams, Jaaks und Jacob». Und gerade in der heiligen Stadt, dem Mittelpunkte der ganzen Judmheit, sollte «» anders sein, und der obdachlose, arme Wanderer zurückgewiesen werdm, weil er einer anderm 'Rationalität angehört? Geietztm Falle» aber, die drei gmanntm Herren wärm der Ansicht, daß die ihnm bisher zugefloffmm Gaden nach dem Sinne der Geber nur für deutsch-polnische Arme zu verwendeu seien; sollen denn aber die Spaniolen nicht da» Recht habm, aich ihrerseits um Gaben zu bitten? zu bittm da, wo sie glaubm, mit Erfolg bitten zu können, nämlich in Europa; nicht in Asten und Afrika, deffm jüdische Einwohner ftlbst der Unterstützung bedvrfm, während ») »uch <au« Kaununangel erst) in vor. Kr. unter „Berlin". Ked. Amerika, was eS leistet, über Europa einsendet?*) Wir können nicht leugnen, daß er einm peinlichen Eindruck auf uns machte, daß drei Männer, derm Ramm in jüdischen Kreism mit Achtung genannt werdm, sich zu Vertretern einer so engherzigen Ansicht machen und e» offen auSsprechcn, die G aben für die deutsch-polnischen Juden könnten geschmälert werden, wenn auch die Spaniolen als Bittende erschienen. Wo ist da da» „dein Bruder soll mit dir leben" geblieben? Freilich deuten die drei Herren darauf hin, daß in Betreff der Pilgerhäuser die Spaniolen bereits adgefunden worden seien, indem man ihnen den dritten Ehest derselbm überwiesen, gleich wie man ihnm von den eingehenden Gaben dm dritten Theil zukommen laffe. Aber ist e» denn den drei Herren unbekannt, daß die Spaniolen etwa vier Fünftel der gesammlen jüdischm Bevölkerung Jerusalems bilden? Daß die Spaniolen die eigentlichen Eingeborenen des Lande» sind, während die deutsch-polnischen Gemeinden sich zumeist au» den neuerdings Eingewanderten bilden? Und haben denn die Herrm nicht gefühlt, daß die Klagen über ungerechte und partheiische Vertheilung der Gaben, die in neuester Zeit wiederum erhoben und von jmer Seite aus mk solcher Entrüstung abgewiesm worden, durch derartige Maßnahmen, wie der gedachte Protest, neue Nahrung und Bestätigung erlangen? Wir beschränken uns heute darauf, es auszusprechen, daß man eS keinem Theile der jüdischen Bevölkerung Palästina'» verwehren sollte. Bitten auSzusprechen, und daß unser religiöses Bewußtsein keinen Unterschied zwischen Glaubens brüdem spanischer, deutscher, polnischer, arabischer Abkunft zu machen i ermaß. Die weit wichtigeren Fragen, ob mit dieser Ar von Gaben überhaupt gründlich und nachhaltig geholfen werde, und ob die Einrichtung, der Sammeldoten nicht überhaupt bester abzuschaffen sei, und Vieles, was damit zusammenhängt, alle diese Dinge bleiben bester einer ausführlicheren Darstellung Vorbehalten. J«oiorarl«v, 30. Juli. (Or.-Eorr.) Die liberale Partei in Rumänien, sagt man, sei e» ganz besonder», welche die gehässigen unb ganz oerwersitchen Gesetze und AuSnahme- Maßregeln wider die Juden in jenem Land« hervorruft. Die Partei läßt sich dazu hinreißen, weil sie die sehr unglückliche Lage der großen Masse der Bevölkerung im Auge hat, näml'ck, da» Elend der Bauern. Doch diese« Elend wird hauptsächlich durch die Unlheilbarkeit de» Groß Grundbesitze» — latifundia perdidere Italiain — herbei geführt. Man könnte daher dem Staude der Großgrundbesitzer mit vielem Rechte die Schuld am Elend der Bauer» aufladen, wenn nicht die Bojaren am meisten an Reichlhum gewännen, vom Augenblicke an, wo der Großgrundbesitz, nach Angebot und Nachfrage und mit Beihülfe von. Rentenbanken und damit verbundener Amortisation und durch Verkauf und Kauf, sich unter die wahren Ackerbauer verthellte. Die überraschend grobe LristungSsähigkeit Frankreich», seit 1789 bi« in unser« Zeit hlnein slch offenbarend, beruhet in erster Reihe auf die Zertheiluag de» Boden,tgenthum» in kleine Parcellen und auf den freien, Eigenlhum besitzenden Bauernstand. Da« lehrt auch die Schweiz jedem Auge, welche» zu sehen versteht. Man hat aber auch 1789 di« Juden in Frankreich von allen restriclioen Gesetzen befreit. Die Lage der Bauern ist durch Frohne, durch Plangel an Schulunterricht, durch Henminiffe der Freizügigkeit und der ganz freier Verfügung über seine Person und sein Eigenthum, sowie durch nicht hiniängllH gebildete Geistlichkeit, vielleicht noch viel elender al» die der Juden in Rumänien, aber daran sind die Juden nicht entfernt schuld. Die Jude«, verstehen dort, wohl ohne Ausnahme, mindesten» jüdisch schreiben und ebenso lesen und sind freilich damit unendiich gegen •) 8« klingt daher fast wie Jronii, wenn di« drei Herren «erstchern, da» «« ihnen niemal» einaefallen sei, di« orientalischen Juden um Gaben für di« deutsch-polnisch« Semeindr anzugehen.