Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 31.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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— 247 — 3A»S Böh«t». (Or.-Eorr.) ^Xnoiiiosouo pittore!' war in der Weltausstellung zu Wien und sah unter Anderem „Viele, die nicht da waren" von den jüdischen nnd christlichen Lehrern Böhmens, obwohl diese eS bedeutend näher und billiger haben könnten, als ihre amerikanischen College» und Colleginnen, die über den Ocean nach Wien eile», um in der wirklich vollendeten Weltausstellung ihre Kenntnisse und ihre Erkenntniß zu bereichern; Ueberflutz an Geldmangel ist höchst wahrscheinlich bei unseren jüdischen Lehrern daS Hauplhinderniß, und wäre e» unsere» Erachten» gar nicht unbillig, wenn unsere Gemeinden ihren Lehrern behus» einer Reise zur Weltausstellung mäßige Subventionen geben würden; die Erweiterung des wissenschaftlichen GesichtSkreise« der Lehrer kann und wird den Schülern immerhia trefflich zu statten kommen; der Nichlbesuch der Ausstellung seiten» der czechischen Lehrer ist nur auf Rechnung nationaler Eifersüchtelei zu stellen. Längst wollte e» mir als ein Uebelstand erscheinen, daß ich, wie sehr auch sowohl da» UtilitätSprincip als die SpeculationSwuth jedes Plätzchen im Ausstellungsräume in irgend einer unternehmenden Weise zu verwerthen suchte, dennoch nicht« von einer daselbst etablirten jüdischen Restauration zu hören oder zu lesen bekam; sollte eS wirklich nicht mehr an der Zeit sein, und gar nicht mehr lucrativ erscheinen, für die noch streng nach dem jüdischen Speisegesetze lebenden Jude» auf dem Autstellungsrayon zu sorgen? odcr glaubt man, daß, obwohl ein großer Theil der AuSstellungSbesucher jüdischer Consession sind, etwa Alle von dem Grundsätze ausgehen, daß, weil Kunst und Industrie einmal an keine Consession gebunden, sich der coSmopolitische Charakter auS purer Opportunität bi» auf das religiöie Gewissen und bis auf den Magen erstrecken müffe? DaS dem nicht so ist, zeigt nnS der reiche Absatz, den die in der Kosthalle etablirte Koscher-Selcherei de» I. M. St ein Herz zu jeder Tageszeit findet; und grade ein böhmischer Jude an» einer, selbst in Böhmen in puncto Schulchau Aruch arg verschrieenen Gemeinde ist eS, dein ich die Adresse die es alleinigen, einzigen Vertreters jüdischer Kost am AuSstellungsplatze verdanke, die ich aber auch gerne zum Frommen jüdischer Ausstellungsbesucher, die mit den Spcisegesetzen noch ans gutem Fuße stehen, hiemit veröffentliche; in der Loge Nr. 6 vis-ä-vis dem Ackerbauniinisterium kann jeder nur jüdisch rituell bereitete Speisen genießende Jude, der sich mit Selchfleisch Kost und Weil» begnügt, ohne religiöse Skrupel speisen. Seltsam mußte cS uns böhmischen Juden erscheinen, daß Rew-Iorker in Wien weilende Glaubensgenossen mit aller Bestimintheit behaupteten, Or. Kämpf aus Prag habe das Rabbinat einer der zahlreichen Gemeinden Neu-Dorks definitiv übernommen, während diese Sensations-Nachricht bei uns zulande noch immer, wie oft sie auch von jüdischen Organen gemeldet wurde, für eine bloße über den Ocean geschwommcue Zeitungsente gehalten wird. — Aus dem Briefe eines angesehenen Prager CultusgemeindemitgliedeS jedoch ersah ich, daß allerdings ernste Abmachungen zwischen Dr. Kämpf und einem Neu-Dorker Gemeinde-Vorstände stattgefunden haben, und daß Ersterer sein ferneres Verbleiben in Prag von zwei Bedingungen abhängig gemacht, daß nämlich die Orgel im Tempel weder am Sabbathe noch am Jomkow gespielt werde, und daß-sein Gehalt nicht unbedeutend erhöht werde. — Im ersten Punkte, hört man, wolle die Genieinde etwas Nachlassen, aber im zweiten nichts nachgeben.- vedereim»' Frankreich. Pari». Baron Gust. v. Rothschild theilt den franz. Blättern folgende Note über seine Audienz beim Schah mit: „Der Baron G. v. Rothschild hatte die Ehre, von Sr. Maj. dem Schah von Persien empfange,: zu werden. Er hat vor Sr. Maj. über die Lage der persischen Juden gesprochen und vorzugsweise dessen Aufmerksamkeit auf die Zweckmäßigkeit der Einsetzung gemischter Tribunale gelenkt, welche in Prozessen zwischen Muselmännern und Israeliten erkennen sollten; ferner darauf, daß et für lotztere vortheilhaft sein müsse, wenn sie ihr« Abgaben direct an die Regierung zu entrichten hätten. Er hat Seine Maj durchaus wohlgesinnt befunden, und e» ist ihin da» Versprechen geworden, dag Se. Maj nach ihrer Rückkehr die Fragen mit geneigtestem Wohlwollen untersuchen wolle." (Deutsche Blc.tter, fauch die „Zeitung d. Judenthum»") berichteten, daß Rohschild durch seine Darstellung der Lage der Juden den Unwill.n de» Schah erregt habe; e» ist nicht wohl glaublich, daß der Baron seine Ausdrücke nicht sorgfältig erwogen haben sollt«.) Die wichtiger: Resultate der Audienz, welche da» Lenlral- Consistorium gleich >eitig mit dem Präsidium der All. I. U. beim Schah gebabt Hab,n, werden wir nachdem eben veröffentlichten aniorisirten Bericht wiedergeben. — Eine längere llnlerredung in persischer Sprache hatte der Schah auch mit Jul. Oppert. Lyon. Fast alle deutschen Zeitungen (auch die „A. Z. d. I.") haben berichtet, der hiesige Präfect wolle aus Veranlassung de» Erzbiichoss einen besonderen Friedhof filr Freidenker einrichten; dieselben sollten nicht in geweihter Erde ruhen, sondern „ime die Juden behandelt werden." — Ties ist eine Entstellung. Der Wortlaut liegt uns in franz. Blättern vor; der Präfect sagt: „So wie die Israelit:n einen besonderen Begrälmißplatz haben, so sollte die» auch für die Freidenker der Fall sein." In diesem Satze liegt offenbar keine Kränkung fiir die Juden. Rußland. Die russische „St. Petersburger Zeitung" vom IS. Juli diese» JahreS bec iimt ihren Leitartikel mit folgender Zeilen: „Bor einiger Monaten tauchten in der Presse Gerüchte auf über die Vertreibung der Juden au» Kiew, und zwar aus dem Grunde, weil sich daselbst außer anderen auch solche Juden aufhalten, die kein Recht haben, in dieser Stadt zu wohnen. Jetzt erfahren wir aus dem „Kiewljanin" der ganzen Umfang und die Art und Weise der Ausführung dieser Maßregel. In Folge einer Verfügung der Ortsbehörde »»änderten au» Kiew im Leus« von 2 Monaten dreitausend Inden aus, ivovon */», wie >■» daselbst heißt, „freiwillig" die Stadt verließen, 300 Reis.'roulen erhielten und 130 zwang« »eise per Etappe aus der Stadt verwiesen wurden" u. s. w. Diese Nachricht, welche an mittelalterliche finstere Zustände erinnert, wird fast gleichzeitig mit derjenigen gebracht, daß durch die Erfolge der russischen Waffen die Leibeigenschaft in Chiwa aufgehoben wurde. Wenn also daS geb lvete Europa mit einer gewissen sittlichen Genugthuung die „civilisatorische" Missior. Rußlands in Asien anerkennt, so f teilt man sich im Innern Rußland» ein Bild ganz entgegengesetzter Art vorzuführen, ein Bild, daS den Unbelheiligten Schi ecken und Abscheu einflößt den Betroffenen aber unsäglichen rrateriellen nnd geistigen S hmerz verursacht, ein Bild, da» die Triumphe der Aufklärung und Cioilrsation verspottend, die Willkür einzelner russischer Beamten darstellt, welche mit grinsendem Hohn Recht und Freiheit mit Füßen treten. W,n» vor 2 Jahren in Odcssa ein« Judenverfolgung ausbrach, die die Toleranz der rirssische» Gesetzgebung in Frage gestellt, so war sie doch vorzüglich aus dem wilden Fanatismus ter groben Menge entspringen, und die russischen Juden konnten dreist behaupten: „tu r Kaiser meint eS gut mit uns." Heute wird jedoch im Namen de» Gesetzes eine Verfolgung über die Juden verhängt, xren Schuld, wie die „St. PeterSImrgrr Zeitung" richtig bemerkt, „ausschließlich in der jüdisch,en Abkunft besteht." Aber was bedeutet in Rußland daS Gesetz? Das Gesetz ist in R ußland nicht» anderes, als der Ausdruck des persönlichen Willens deS Kaiser», und doch wird fein Mensch behaupte» können, eS fei der Wunsch de» Kaiser», einen Theil seiner treuester. Unterthanen gehetzt und verfolgt M sehen, ja gehetzte Juden selbst hören nicht auf zu sagen: „der Kaiser meint eS gut mit un»", und die Herzen der Irden, denen die Grausam?« it der kaiserlichen Beamten unheilbur« Wunden geschlagen, hören nicht auf, dem Kaiser und de« Reiche treu