Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 31.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 244 — haß (ein DXHP) heißt, tue beide zuletzt i» der Ersparniß von ein paar Silberlingen ausmünden. Doch wir wolle» die Leidenschaften nicht noch mehr erhitze», indem wir auf die Besprechung dieser Motive genauer eingchen: wir wollen nnr den Grund nennen u. zeigen, im Uebrigen aber sofort me- «lias in res eintrclcn. Vorher aber sei es hier noch zu Nutz uuv Frommen eines künftigen Geschichtsschreibers gestattet, di« nackte Thatsache historisch sestzuslelle», daß zuerst uns dem äußersten rechten Flügel in die Sturm-Posaune gestoßen wurde und diesem sofort versläiidnißooll und sinnig der äußerste linke Flügel gefolgt ist; daß aber die Bewegung sich nach und nach auch dem ruhigen und gemäßigten Crnrrum, das diesem Elementar-Ereignisse ganz ohne Schuld gegenübersteht, unwillkürlich mittheilcn mußte, ist Jedem einleuchtend und braucht nicht erst begründet zu werden. Und so ist denn der Sturm mit verderbenschwangerer Heftigkeit da und hat das ganze Lager ergriffen. Die Frage aber, die gegenwärtig jedes wohlmeinende jüdische Herz heiß bewegt, heißt: wie ist dieser Sturm zu beschwichtigen? Oder, wenn er sich nicht mehr beschwichtigen läßt, wie ist er zum Heile unserer GlaubenSgenoffcnschaft auszunutzen? Der Beantwortung dieser Frage» gilt uusere Auseinandersetzung. Ja, wie ist der Sturm zu beschwichtigen, der von denen, die sich Altgläubige nennen, muthwillig und absichtlich heraufdeschworen, und von denen, die sich frei nennen (frei vom Glauben, aber leider nicht rom Aberglauben!) mit vollen Backen angcsacht» und zur Hellen, auflodernden Flamme angeblasen wurde? Wie ist die Regierung, die ja möglicher Weise dem blinden, unklugen Drängen der inneren Feinde unserer (SeiiieindeVerbände mit nicht zu schwerem Herzen nachgeben und uns auch völlig die wenigen Rechte, di« sie uns bisher nicht versagen durfte, en.ziehen könnte, gleichsam noch in der zwölften Stunde über die wahren Zustände und die wahren Bedürfnisse aufzuklären? Wie ist endlich hüben und drüben der Ueberzeugung Bahn zu brechen, daß es dem bedrohten Leben, der Einheit und der festgefügte» Organisation der Gemeinden gilt, an denen muthwill'- gerüttelt wird, um sie zu zerbröckeln und in winzige Atome und Sonnenstäubchen auszulösen? Tie jüdische Tages- oder besser Wochenpresse hat diese Fragen in den letzten Wochen eifrig erörtert, und in der Thal muß die cingetreteire Ruhepause unserer Elesetzgebungskörper, in der den Geistern theil» Muße zum Auiathmen, theils Zeit gegönnt wird zur Samnllung und Vorbereitung für die nächste Winter-Session, — diese Pause muß auch eifrig von uns benutzt und nicht müßig versäumt werden. Nicht wie der Sturm zu be chwichtigen ist, haben w.r jetzt zu erörtern, — nein! dazu ist es jetzt zu spät! Ter Sturm ist da und hat die l^emüther mächtig ergriffen, und beschwichtigen lasten sich die einnial cntsesielten Elemente nicht mehr, ohne daß der slatus <juo verändert würde. Stein, nicht die Frage, wie der Sturm zu beschwichtigen sei, darf uns jetzt beschäftigen, sondern die Frage, wie ihm eine Richtung gegeben werden könne, in der er uns nicht blos nicht schadet und unter seiner Wucht zermalmt, sondern uns sogar nutzt, ich möchte sagen, die Lust reinigt und eine angenehmere, kühlere Temperatur herstellt. Tenn das kann ja nicht geläugnet werden, daß umer der bestehenden Ber-astung der Gemeinden gar vielfach gesündigt worden, daß es an mannigfachen Versuchen (nomina sunt odiosa!) nicht gefehlt hat, da» religiöse Gewissen der Minoritäten, soweit es im jüdischen Gemeindeleben zum Ausdruck gelangen kann, zu vergewaltigen und zu kränken. Sicherlich ft, der Erkcn»tuiß dieser Schuld hat die „Allgemeine Zeitung de» JudenthumS" in den letzten Lochen Ntchrcre leitende Artikel znr Sache gebracht, denen wir, so wenig wir sonst unSmit der religiösen Richtung dieses Blattes befreunden können, dennoch die Anerkennung nicht »er ageu dürfen, daß sie im stlanM unbefangen, sachgemäß '»öd leidenschaftslos behandelt und geschrieben und von dem Suchen nach einem ehrlichen Eompromiß diktirt sind, kn nucu zusamineugesaßt will das Blatt, tmß zwar etnerfeit« die Gemeindeverwaltung wie bisher einheitllch organff'irt bleibe, daß aber andrerseits in (Gemeinden, wo bedeutend« Minoritäten vorhanden sind, die sich durch die bestehenden gottesdienstlichen Formen in ihrem religiösen Gewisten bedrängt sühlen, derjenige Tlieil der Gemeinde« asgabe», die für Cultuszweeke bestimmt sind, in der Mise ti'partirt werde, daß der, mit Rücksicht auf ihre Lteuerkrast, auf die protestirende Minorität erufallende Theil zur beliebigen Verwendung zurückerstattet werde. Dieser Vorschlag ist im Prinzip«, mir müssen das offen <agen, eben so ehrlich, als unbefangen und gerecht; — mehr können auch die erbittertsten Gegner nicht wünschen, wenn cS ihnen wirklich nur um ihre religiöse Gewissensfreiheit zu thu» ist. Aber praktisch und leicht durchführbar ist dieses Projekt eben nicht; es kan» vielmehr, durchgesührt, zu einer unversieglichen Quelle neuer Streitigkeiten, zu einer Pandora-Büchse werden, aus der, wenn sie einmal geöffnet würde, alle möglichen Uebel für uns herarsflicgen möchten, die uns de« letzten Rest geben würde», oh»; daß auch nur die Hofs, nung am Boden zurückbl^ebe., Ma» denk^ doch^uu>< an die fast'unmögliche Berechnung, die der Minorität wohl nie gerecht genug erscheinen und so zu neuen Zänkereien uud Streitigkeiten Pcranlastung geben würde; man denke ferner an die äüßerst feine, dem unbewaffneten Auge kaum wahrnehmbare Scheidelinie, die die Cultus-Ausgaben von den anders geartetcn trennt; man denke endlich nicht etwa an eine Majorität und an eine Minorität, sondern, ist einmal der Zankapfel des Cultuehaders mit gesetzlicher Autorität ausgesiattet, an eine Fülle von Fractionen und Fractiönchen, in di« eine Gemeinde, und wenn sie noch so klein ist, sofort zerbröckeln und denen gegenüber die compacte, aber relative Majorität zu einer nur geringen Zahl zusammenschmclzen n ürd«; — und allen diesen zahlreichen Minoritäten müßten doch ihre Wünsche gewährt werden. Dabei haben wir hier nur diejenigen im Auge, die ehrlich und aufrichtig wirklich nur Gewissensfreiheit anstreben; wie groß ist aber die Zahl derer, die indifferent sich für gewöhnlich der gemeinsamen Last zur Erhaltung der Eultus-Jnstitmionen überhaupt entzi.hen, die daran nur Theil nehmen möchten in dem Augenblick«, da sic ihrer nicht entbehre» können, die aber, nachdem dieser Augenblick vorüber ist, sofort auch wieder ausscheiden möchlcu? Wie groß ist scruer die Anzahl derer, die iu den jüdischen (Rnieindcn nur von Zank und Streit leben und zehre», sich nur von ihrem unbefriedigten Ehrgeiz und ihrer gekränklcn Selbstsucht beherrschen lasten und die ßlewiffenssreihrit nur zum weiten Deckmantel ihrer unedle» Bestrebungen gebrauchen? Reicht allen diesen feindlichen, zersetzenden Elementen gegenüber das Project der „Allgemeinen Zeitung de» Judenthums" wirklich au»? So weit wir die Mischen Zustände keimen, müffen wir diese Frage