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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 30. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 30.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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— 236 — war nicht btt rechte. Hier und da regierte ein milder und barmherziger Fürst, das dankbare Israel segnete ihn und sei» Andenken und nannte ihn einen „Freund der Israeliten," weil er sie leben ließ, weil er sie nicht verjagte, weil er sich mit erschwinglicher Auflage begnügte, well er nur de« eigenen VortheilS willen ihnen mannigfache Nahrungszweige überließ und 'best „Schwamm" nicht allzufest auspreßte. Und wo ihnen Harle begegnete, Glaubenshaß oder FeindfeligKit schlechthin, da suchten sie Duldung zu gewinnen durch Geld — aber, „umsonst seid ihr verkauft worden, heißt es, und nicht durch Geld sollt ihr erlöst werden!" Gehen wir in die neueste Zeit. Seit einem Menschenalter haben die Israeliten jahraus jahrein an den Thronen, an den Thüren der deutschen Ständesäle, in den Vorzimmern der Minister oder einflußreicher oder barmherziger Volksvertreter gebettelr um ihr Recht, nein, so wagte man nur selten zu sprechen, um Gnade bat man und vollständige Duldung. Man rechnete auf Menschen, lauschte auf ihre Reden, freute sich ihrer Versprechungen, harrte klovfenden Herzens den Abstimmungen entgegen. ES hat AllcS nicht fruchl.n sollen. „Vertraut nicht auf Menschen, auch nicht auf Edelgesinnte (Nediwim)" ... Und so hat es angedauert bis jetzt; durch Gnade (Raclimonus) hat Israel nirgends sein volles Recht erlangt, bis Llisalipat kam, Gerechtigkeit. Der Freiheit Hauch wehete mächtig durch die Welt, und die alten Schranken brachen krachend zusammen. Ein Ruf ging durch da» Land: „Recht für Alle!" und verworfen war mit einen Male alles Mäkeln unk Feilsche», jedes Zwar und Aber, jedes „nur hier nicht und da nicht;" die Vertheidiger der Ausnahmegesetze verstummen; Gott hat gewollt, daß „Zion durch Gerechtigkeir" erlöst werde." Der Entwurf der Grundrechte des deutschen Volkes wird berathen, bald wird der letzte Zweifel gelöst sein, daß auch die deutschen Israeliten ihr volles Thell an diesen Rechten haben sollen. Und selbst dieser Zweifel — er ist wohl verzeihlich, aber nicht berechtigt; es ist erklärlich, daß Mancher es immer noch nicht glauben kann, daß auch er ein ganzer Mensch und Bürger sein, daß ihm nirgends eine Schranke vorgebaut fein soll, und er ipäht ängstlich umher, ob nicht das alte Unrecht noch einen Winkel gefunden haben möge, wo es sich verberge. 1800 Jahre haben unsere Vorfahren gefragt: „Wächter, wie weil ist es in der Nacht?" aber nun antworteer: „Der Morgen ist gekommen;" das Frühroth flammt hell am Himmel, wer zweifelt denn noch, daß die Sonne kommt? Diese Grundrechte befreien uns von rivsbö “T12UT/ der weltlichen, bürg.blichen Unterjochung, sie bilden die Vorstufe der rfric der Erlösung. Es sind herrliche, heilige Rechte für Alle, Rechte, mit dem Menschen geboren und doch seit undenklichen Zeiten vorenthalten und geraubt und nun zurückgegeben, zurückerobert.... Heiliger Gott! Wenn einer unserer Vorfahren, die im Staube ruhen, wenn einer von jmen Millionen, die gelebt haben in Schmach, und deren Sarg noch verfolgt worden ist von dem Spotte ver Rohheit, wenn er diese Rechte lesen könnte, er würde es nicht faffen, das Blatt würde seinen Händen entfallen. Nein! er würde es ganz gleichgültig bis an's Ende lesen, denn er würde denken, was gehr das Alles uns an?! So sehen wir schon bei dieser Vorstuie der Erlösung, wie wahr das Psalmwort ist: „Wenn Gott die Gefangenen Zions erlöst, so werden wir wie Träumende sein." Aber es ist auch uns, den Lebenden, wie ein Traum und Manchem geht e» noch heute wie dem Vater Jacob: „sein Herz bleibt kalt, denn er glaubt an die Botschaft noch nicht." — „Jeder Deutsche", so heißt es überall in diesem Gesetze; aber der Israelit hat geglaubt: das „Ausgenommen" wird nicht ausbleiden. Und er hat weiter gelesen und gedacht: es wird noch ein Schlußsatz kommen, des beliAtm Inhalts: „In Hinsicht auf die Juden bleibt es vor der Hand beim Alten." Und es kam kein Außer und kein Vorläufig, klar, unzweideutig, unumwunden, deutsch das Ganze; ob nicht mancher Jsraelite doch noch einmal von vorn zu lesen begonnen hat, glaubend, daß er eine gefährliche, eine wenigstens bedenkliche Clausel übersehen habe? Aber es ist so! das Recht gilt für Alle, und keine andere Ausnahme denn für den Ehrlosen, den Verbrecher. Wir gehen aus langen, langen Trauerwochen zu dem Sabbath über, an dem es heißt: „Tröstet, tröstet mein Volk!" „Aber es sind nicht bloS diese Rechte, die wir gewonnen haben, eS handelt sich nicht blos um Aushebung von Kränkung und Belastung, um Erlangung von Holz und Land, Amt und Würde; nein, das Galuth geht zu Ende, im Sinne der Heimathlosigkeit, wir haben nun ein Vaterland! Hatten denn unsere Vorfahren ein Vaterland im wahren Sinne? Auch vor tausend Jahren haben sie mit ihrem Heimathlande gelitten und für sein Wohl gebetet. Natürlich, wenn Pest oder Hungersnoth im Land« herrschten, wenn Feuer die Stadt verwüstete, so traf das den Israeliten mit. Wenn ein Krieg wüthete, so blieb seine Wohnung nicht verschont. Aber hatte der Jude ein wahres Interesse an den Kriegen und Siegen des Landes? Konnte er sich als ächten Sohn des Vaterlandes betrachten? Es ist unser Ruhm, daß wir dennoch und trotz alledem dem Vaterland« treu ergeben gewesen sind, aber so. wie das verstoßene, enterbte Stiefkind den Herrn des Hauses liebt. Um Frieden beten stets Alle, aber wenn Krieg im Lande wüthete, hätte es unfern Vorfahren nicht gleichgültig sein können, wer den Sieg davon trug? Gab es für sie Freund oder Feind? War nicht jeder Theil ihr Feind, verlangte nicht jeder von ihnen Schoß und Brandschatzung? hätten sie nicht oit dem Feinde Sieg wünschen müsien, wenn sie hoffen konnten, von ihm gelinder, menschlicher behandelt zu werden? Oder wenn es ein Freudenfest im Lande gab, hatten die Jsraelsten Theil daran, schloß man sie nicht aus, stieß man sie nicht zurück? Und selbst, wenn ein Volk die höchste Freude erlebte, seine Befreiung von einem fremden oder einheimischen Tyrannen, was ging das sie an? Vor einem Menschenalter wurde Deutschland also befreit, auch jüdisches Blut ist in jenen Befreiungskriegen gefloffen, aber — „uns ist nicht geholfen worden." Jetzt haben wir ein Vaterland. Wir stehen jetzt in den vordersten Reihen der Kämpfenden, Strebenden, Betheiligten! Wenn Feinde hereinbrächen, wenn Wirrsal, Ausstand, Bürgerkrieg ausbräche, wem wäre es furchtbarer, als uns? Es würde währeiü) des Getümmels und durch dasselbe die Verwirklichung unserer Rechte aufgeschoben, za aufgehoben werden. Wenn ein Rückschritt, eine Reaktion erfolgen sollte, wer anders als wir würden das ersterkorene Opfer sein? Wenn die Einheit Deutschlands nicht zur vollen Wahrheit würde, wir hätten wieder in allen großen und klemm Staatm zu ringen, achtunddreißigmal zu kämpfen. Zion kann auch fürder

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