Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 29.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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— 230 — siricllen jüdischen Elements dl die Mast« der Bevölkerung dieser sowohl, als den Juden selbst unbezweifelten liutzen bringen." Demgemäß hat das Finaimilinisterium vorgeschlagen: „Ten Juden, welche russische Untecthanen sind, und sich mit Handcl, Industrie und Handwerken beschäftigen, zu gestatten, sich in allen Theilen des Reiches niederzulasien und dicseloen comnicrcicllen und industriellen Rechte zu genießen, wie alle anderen Bewohner des Reiches." Uebrigens haben sich schoa vor zehn Jahren, in Folge desfallsiger Anfrage des Ministeriums des Innern, alle Ministerien, General-Gouverneure, mit Ausnahme eines einzigen, für die , ulasiung der Juden ausgrsvrochcn, viele haben sogar die vollständige Gleichstellung der Juden mir der ganzen übrigen Be ülkernng ge ordert. Sie haben dabei erklärt, daß dies nicht nur ini Ju.errsie der Juden, sondern in dem der von ihnen adminisirirten Restarts und Gouvcrncments geschehe. ES steht-demnach zu erwarten, daß nächstens Lettens der Regierung Schritte geschehen werden, um diese alten, so sehr bcklagensiverthen Mißstände zu beseitigen. (L. P.) — Ten in Litlhaucn und Lüdrußland ansäffigcn Israeliten, welche seit Jahren schon unbeanstandet Gülerpachtungen übernehmen und sich der Landwirthschnfi widmen konnten, soll das Recht der Guterpachtung demnächst beschränkt werden. Bei dieser Gelegenheit ist es nicht ohne Interesse, die Angaben des „Golos" über die Handels-, Industrie- und Agrarverhältniffe der rusiischcn Juden zu rerapituliren Dieselben haben in den südwestlichen Gouvernements 819 Güter mit einem Gesummt Areal von circa 500.090 Desätinen in Pacht und 12 Güter mtt einem GefaniwtAreal von circa 18,000 Desätinen (1 D. — 4'/, Morgen) besitzen sie als Eigenlhum Außerdem bcsindct sich in jüdischem Besitz eine große Zahl von Gütern, die ohne sörmlichen Kaufcontracl ans fremde» Ramen käuflich erworben sind,, weil das Gesetz den Juden den Ankauf von Gütern nur unter sehr erschwerenden Bedingungen gesta.t t. Die landwirthjchaftliche Industrie befindet sich in den genannten Gouvernements überwiegend in den Händen der Juden. So besitzen sie neun Zehntel sämmtlicher Branntweinbrennereien, fünf Sechstel sämmtlicher Brauereieu und rin Biertel sämuitlichcr Zuckersiedereien. Die Zahl der jüdischen Handwerker kommt der der christlichen ziemlich gleich; dagegen wird der Handel fast ausschließlich von Juden beherrscht, und auch fast sämmlliche Branntweinschänken befinden sich in ihren Händen. Ju den letzten Jahren haben sich die Juden mit besonderer Vorliebe dem Holzhandel zugewendet und über 42,000 Desätinen der besten Waldungen zur Ausrodung gekauft. Eine merkwürdige Erscheinung sind in den südwestlichen Gouvernements die zahlreiche» Eolonien kleiner jüdischer Ackerbauer, die seit 15 Jahren aus Anregung und mit Unterstützung der Regierung gegründet worden sind. Die Zahl dieser jüdischen Ackerbauer, von drneit jeder einen Landbesitz von 20 bis 30 Desätinen hat, beträgt etwa 20,000. Rorb-Amerlka. Albaoy. „Einen unerhörten und schier unglaublichen Fall," eine „Mortaragcschichle" berichten die Rew-Aorker Blätter von hier. Ju einem jüdischen Hause diente seil etwa fünf Jahren ein katholisches Mädchen. Sie konnte nicht schreiben, nicht lesen, war recht eü,fällig oder that doch so, wußte sich jedoch großes Venraucn zu erweiben und war besonders bei den Rindern des Hauses sehr beliebt. So bewog sie denn einen der «naben, als er zehn Jahr alt war, nur ihn zunl Priester zu gehen und sich raufen zu lasten. Die Eltern ahnten davon nichts, dem Knaben war die tiefste Verschwiegenheit anbefohlcn worden, er wurde zur Verstellniig mir großer Kunst abgerichtet; zu Hause war er Jude, ging Sonnabends mit den Eltern in die Synagoge, Sonntags heimlich mit Bridger zur Kirche, woselbst er für alle seine Lügen Absolution erhielt. Am letzten Schwuosfeste sollte er nun confirmirl werde», und Morgens nieldcte er sich plötzlich krank. Der Arzt konnte zwar keine KrankheitSzeicheu finden, indrstcn der Knabe that so jämmerlich, daß doch nichts anders übrig blieb, als ihn im Bette zu lasten, so sollte er nun am folgenden Sabbarh confirmirl werden und zwar im Hause; auf einmal war er verschwunden. Run erfuhren und nicrkten die Eltern, was etwa vorgesallen sein könne, Bridget und der bald wiedergefund.'ne Knabe wurden scharf ins Verhör genommen, und daS Erzählte kam ans Licht. Es kostete Mühe, dem Knaben auch nur begreiflich zu »rachen, wie er schon durch sei» Lügen, Heucheln und Täuschen gesündigt habe; er meinte, der Priester habe ihn so üistruirt und vor- und nachher darüber abiolvirt. — Daurit ist nun die Geschichte zu Ende, weil sie in Amerika und nicht im ehemaligen Patrimonium des Obersten aller jener cis- und transatlantischen Seeleirretter und Lehren — der Wahrheit spielt. Gewalt kann die Kirche dort nicht gebrauchen, und ob sie kann, oder ob „wir nicht können," gilt gleich. Sie lcldst aber ist überall dieselbe, ihre Mittel und Wege überall gleich — heilig. Vermischte und neueste Nachrichten. Aus de« Großhcrzogthum Hesse». Aus Anlaß des 25jährigen Regierungsjubiläums S. K)u. Hob. des Großherzogt sind Herr R ei nach, erster Bürgermeisterei-Adjunct in Mainz mtt den« Ludwigsordcn 2. Klage und Herr R a t h a n Bend beim in Auerbach mit dem Orden Philipps des Großuiüih. 2. Klage decorirt ivorden. Braunschweig, 2. Ju'.i. Heute wurde hier der Grundstein zur neuen Synagoge gelegt. Rheydt (Rheinprovinz). Die hiesige auS ca. 45 Familien bestehende jüd. Gemeinde schreitet zum Bau einer neuen Synagoge. Den erste» Impuls zu diesem Reubau gab der dortige, von humanen Gesinnungen beseelte Herr Bürgermeister, der auch mit lobenswerlyem Eifer sich bemüht, Behufs Ausbringung der Baukosten, sich bei den dortige» chrifll. Einwohnern zu verwende», waS um so mehr anzuerkennrn ist, da unter den jüd. Familien sich nur äußerst wenige beniiitelre befinden, und so der Bau nicht auSgesührt werden könnte, wenn »licht von andern Seiten reichliche Beiträge eingingen. Hamburg. Der hiesige Verein für Geschäfts- und Gewerbserweitcrung hiesiger Israeliten hat in feiner am Donnerstag abgehaltenen Generalversammlung auf Antrag des Vorsitzenden die Auflösung deS Vereins beschlossen Veranlassung zu diesem Beschlnffe hat der Mangel au ausreichender Betheiligung an dem Verein abseiten der Mitglieder der Gemeinde gegeben. v Altona. Die Einweihung des neuen Begrübnißplatzes der hiesigen hochdeutsche» JSraelitengcmeinde, welchen btrfclbe auf der Ottensener Feldmark käuflich erworben hat, fand unter lebhafter Belheilignng der Mitglieder der Gemeinde statt, an welche der Rabbinals-Vorsteher I. M. Cohen bei dieser Gelegenheit einer dieser Beraiilaffnng angcmestene» Ansprache richtete. (A. R.) Wie». Ein prächtiges Seitenstück zu dem Retiesplane von Jerufalem bildet das ausgestellte Modell des Salomonischen Tcuipels. Dieses Kunstivcrt, an welchem vier Oesterreicher durch 38 Jahre gearbeitet, wurde von Franz Langner ans Weipert in Deutsch-Böhmen begonnen. Der jetzige Besitzer, Herr Philipp Hickman» aus Kaade» in Böhmen, der cs vollendete, bietet es um 100,000 Gulden seil. Diese äußerst mühsame Arbeit aus Liudcnholz nimmt eine Fläche von 81 Qu«dra:fuß ein; da der Tempel eine Fläche von circa 15,625 Quadratklastcr kinnahm, so dürste der Maßsiab von 1 : 7000 als der richtige anzunchinei» scin. Die Nachbildung zeigt in vcr Milte der Osiscite d»S Susan-Thor, in der Mitte der Nordsette das Salomonsche Thor, in der Mitte der Westseite das JoscphuS-Thor, auf der Südseite zwei Fraueuihore. Durch dicse fünf Thore gelangte man in den Vorhos der Heiden. Der nur für die Jude» bestinimte Raum zeigt eine hohe gitterartige Mauer; von diesem Raume war der Vorbof der Frauen wieder durch eine Mauer geschieden. Roch sind die Bade- und Schlachthäuser mit je fünf Kuppeln er- ■t