Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 27.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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— 210 — sie verhalte« sich zu dem, wa» jetzt in Frankreich vyrlleßt und bevorstehen kann, wie die Tumulte in Stuttgart und Frankfurt zu den Gräuelthaten der Commune. DaS wäre denn ein kleine» Garn «u letobah („auch die» ist zum Guten.-) Die französischen Israeliten müssen steh wieder einmal «it un», mit ihre« deutschen Glaubensgenossen'/ in Wünschen und Fürchten, in Lieben und Hassen ekni fühlen. DaS Band der Einheit, , da» Bewußtsein der Solidarität, seit drei Jahren vielfach geschmäht, muß sich ftäcke». ,Dir verlangen und erwarten nicht, daß jene da» laut oder auch nur vernehmlich aussprechen, aber sie müffen es im Stillen erkennen. Ihr Patriotismus mag «och so warm, ihr Grimm gegen Deutsch« noch so stark, ja ihre Sehnsucht nach Revanche oder doch nach Wiedererlangung der verlorenen Provinzen noch so heiß sein, das Alle» kann sich nicht so weit verirren, daß sie einen Erfolg der jetzt gegen Deutschland verbündeten und agitirenden Mächte wünschen sollten, denn diese find ja die Todfeind« derjenigen Ideen und Errungenschaften, welche man drüben di« Principien von 1789 zu nennen pflegt, und man verkündet laut genug, daß man mit ihnen aufzuräumen vorhabe. So werden die frauzösische» Israeliten Frieden mit uns wünschen und, ganz im Stillen, den in Deutschland aufgenommenen Kamps gegen Jesuiten, chre Afsiliirten und ihre Werkzeuge mit ihren besten Sympathien begleiten müssen. Sie werden weder in ein Selrum fac regem, noch in ein Tedeum für die Wiederherstellung de- Kirchenstaats, noch in ein gloire au Marquis de Carabas rinzust'mmen Lust empfinden. Wir fragen nicht, wie lange da» jetzige Regiment in Frankreich bestehen, wie weit er gehen, ob ein Erfolg desselben möglich sei, wir politifiren hier nicht — aber wir glauben, daß der überwiegend größte Theil der französischen Israeliten einem raschen Umschwünge, der ja doch nur gewaltsam sich vollziehen könnte, auch nicht mit Sehnsucht entgegen harrt. Den Sieg depolitischen, socialen und religiösen Radikalismus werden sie als Bürger scheuen, und al» Israeliten, die etwa» auf ihre Religion halten, müffen sie ihn verabscheuen. Da» führt un» »un auf die allgemeine und von der Politik ganz losgelöste Betrachtung der Ereignisse und Zustände, der wesentlich religiösen Gegensätze und Kämpfe in Deutschland und Frankreich. Denn diese find in beiden Ländern dieselben, nur daß dort di« eine, hier di« andere Partei und Richtung im Bortheil ist, vorgeht oder auf die Defensive beschränkt ist. Der Kampf, der zur Entscheidung drängt, ist kein anderer, al» der zwischen Heidenthum und Judenthum! Daß wir in den Mirakeln und Wallfahrten nicht» al» nackten Götzendienst und in Allem, was der UltramontaniSmuS lehrt, fordert und fördert, nicht» als Heidenthum erblicken können, braucht gar nicht gesagt zu werden. Der Radikalismus ist ebenfalls die Rückkehr zum uralten Heidenthum in ganz unwesentlich veränterter Form. Sinnloser Aberglaube, roher Unglaube, auf beiden Seiten virbunden mit jenem Fanatismus, der auch dem untergehenden antiken Götter- und StaatSwei'en eigen war. Die Humanität aber wird von jener Seite al» ketzerischer Jrrthum, von dieser al» sentimentaler Wahn und überwundener Standpunkt verworfen. Immer mehr zeigt sich da» Christenthum als unfähig, sich zwischen diesen Gegensätzen zu halten, oder gar sie zu tiberwsndeu.' E« löst sich vor unfern >»gen nach Wn beide« entgegengesetzten Richtungen hin selber auf. Die Orthodoxie gravilirt immer entschiedener zum Romani-Wi», mit allen seine» Eonsequenze» und Auswüchsen,-hin;, oa», wa« man früher die freie, rationalistisch« Richtung t» der Kirche (der pryteßantischen) nannte, hat die christliche» Dogmen entfernt und zerstört, hat in Wirklichkeit mit der „Kirche" gar nicht» mehr gemein, und gravitirt nur immer entschiedener zum „nodirnen" Hekdenthum' hin. ES ist noch »icht so lange her, da konnte man, d. h. Christen und Juden, von einem geläuterten, den mystischen Dogmen entkleideten Christenthum rede», welche« identisch war mit dem de» Ritnalgesrtze» entkleideten Judenthum — Da« Ritualgesetz nimmt aber den nicht im Judrnthum Geborenen nicht in Anspruch. So bezeichnetrn die Einen jene« Gemeinsame al» „reine» Judenthum," die Andern als „wahres Christenthum," wieder Andere al» „Religion der Humanität." Immerhin galten diese Bezeichnungen wirklich einem und demselben Lehrgebäude, und wie nun tausende von Christen die fraglichen Dogmen längst in die Märchenwelt verwiesea hatten, viele Juden ihr „Gesetz" mit Freuden prei-geben wollten, Alle vor Allem schöne Humanität forderten, so konnte man von einer Fusion träumen, di« „Weltreligion" schien zur Realität geworden zu sein! Träume! Freilich Nur insoweit Träume, al« die Z e i t noch nicht gekommen war. Aber nicht für immer und ewig. So wenig wir die Idee und die Hoffnung des Frieden- und des GotteSreicheS auf Erden, aller Täuschungen und Rückfälle ungeachtet, als etwa» nie Realisirte» aufgebrn, so werden wir auch an die endgiltige Ueberwindung de» einen uno de» anderen Heidenthum» und an die Einigung der Menschen in der Religion der Humanität unbeirrt glaube». Aber durch ein Aufgeben d«S positiven Judenthum» wurde dieser Zukunft am wenigsten gedient, denn jenes allein kan« diese herbeisühren, ist allein im Stande, Religion, ohne Beimischung von Aberglauben, Hierarchie, GeisteSzwang, kurz alle», wa« eben den größte« Theil der „Gebildeten" au» der „Kirche" und damit zugleich au« der Religion herauStreibt, zu erhalten. _ Berichte und Korrespondenzen. Deutschland. Stettin, den 1. Juli. Wir machen darauf aufmerksam, dader nächste erst« Oktober, für Hunderte in vielen größere» und mittleren Städten «in Tag de» Wohnungswechsel» („Zietag"), mit dem Jom Kippur zusammenfällt. Dadurch würden sehr viele Juden in eine höchst peinliche Lage gerathen, wenn nicht Abhülfe geschaffen wird. ES steht in der Hand der Behörden, den Termin vom 1. auf den 2. zu verlegen, wie die», wenn Sonntage oder christlich« Feiertage auf den Quartal-Ersten fallen, stets geschieht und im Gesetze vorgesehen ist. In Präcedenzfällen haben jedoch mehrere Behörden ungünstig beschieden, so erst vor nicht langer Zeit in Berlin. E» steht zu hoffen, daß in Rücksicht auf die allen Staatsbehörden wohlbekannte, ganz exceptionelle Stellung de» BersöhnungStage» eine Ausnahme gemacht werde. Am besten wäre e» ohne Zweifel, wenn die betreffende Verlegung de» Ziehtage» vom Ministerium de» Innern für alle LandeStheile, in denen pr. l. Oktober Miethen ablaufen, vrrfügt würde; die einzelnen Regierungen oder gar OrtSpolizeibehörden (welche freilich dazu kompetent find) würden schwerlich inSgesammt di« Gesuche bewilligen. Wir haben vorläufig wegen einer Eingabe beim Ministerium eine Anfrage nach Berlin gerichtet und werden baldigst weitere Mitcheilunge» machen. Im. schlimm-