Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 26.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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— 204 — (iitlnren. Unsere Gemeinde wird sein Andenken stets in Ehren halten. L-ernde, 16. Juni. Am 9. d. M. wurde unsere Stadt von 2 Gesandten der englischen Missionsgesellschaft „zur Verbreitung des Christenthums u iter den Juden" besucht. Der eine, vr. Klee an- Danzig, hielt eine Missionspredigt in der hiesige» evangelischen Kirche vor fast leeren Banken. Nachdem Herr vr. Ä. dem Volke Israel den Titel: „halsstarrige» Volk" gegeben, fordert er alle Zuhörer, niedere Handwerker, Tagearbeiler, Weiber und Kinder auf, das Ihrige zur Bekehrung der Juden beizutragen. Um dieses zu ermöglichen, tischte er die gewöhnlichen Mährchen der Missionäre auf; wie z. B. ein unwissendes evangelisches Waschweib einen Rabbiner und dessen Frau in einer großen Genieinde Bcffarabien» bekehrt, daß gegenwärtig 30 000 getankte Juden eine besondere christicoe Gemeinde in Berlin bild n, und berechnet, daß wer einen Juden bekehrt, grade soviel wirkt, als wenn er 100 Heise» dem Christenkhume zug» führt hätte. Da doch alle Welt iveiß, daß die Missionäre ihr hohes Gehalt ganz umsonst geliehen, und eS nur selten gelinge, einen zerlumpten polnisch-jüdi- chen Bettler und Taugenichts durch Geld und Versprechungen zur laufe zu bewegen, so schildert er keinen schlichten nnwissenfen Zuoörern die Kämpfe, die jo ein Judrnmissionar zu bestehe» hat. Nicht alle Juden hörten einen mit dem heil. Geiste l»egabten Apostel ruhig an, sie wären in dieser Beziehung verstockt wie die Heiden, und der Judenmissionar hätte einen solchen schweren Stand wie der Aufseher «ine» Zuchthauses, nie der Wärter eines verpesteten Kranken u. s. w.; er schwebe irden Augenblick in Gcfahr, v»n den Juden getödtet zu wer- >«n u. s. w. Er fordert schließlich die Christen zu einem freundlichen, gefälligen Benehmen gegen die Juden auf, nicht riber au» Humanität, denn ncch seinen Begriffen wäre Humanität ein eitles Wortspiel, nur der fromme Christ übe Menschenliebe; also nicht als Menschen sollen die Juden ge» «chlet werden, sondern um ihnen den Uebertritt zur Kirche (zu welcher von den Hunderten?) leicht und bequem zu maryen. . . Doch trifft die Schult der Bekehrnngssncht nicht den 1>r. Klee, der nur ein Werkzeug der Londoner Missionsgesellschast ist, und der gethan, w<>» seines Amtes ist, aber der iDrttpfarrer und der Gemein »ekirchenralh sollten die Kirche zu einer solchen Handlung niest hergeben, denn beim besten '.üillen, denn besten Rednertalent und bei der besten Christt läudigteil de» vr. Klee streut er, ohne es zu ahnen, den Sa- »irn der Zwietracht zwischen Juden und Christen aus. Bekehret Christen zuin Christenthume und laffet die Juden ihren Mg gehen, und e» wird sich einst von selbst erfüllen da» Wort des Herrn: Jesaia» 11, 9 und Micha 4, 3 und 4. Der zweite Missionar, der vor 23 Jahren in einer Kirche zu Königsberg gelaust wurde, war ursprünglich ein russischer Bettler, der liichl» gelernt und nicht» vergeffen hat, und will sich au« Liebe zu den ägyptischen Jude«, denen er sein Christeni hum oft predigte, eine ägyptische Augenkrankheit geholt haben. «Seine Sprache ist noch heute der jüdisch-russische Jargon, ein Beweis der hohen Bildung, die er in 23 Jahren erworben. (M. D) Joowracla», 12. Juni. Vor einigen Tagen hatte sich in unserer Eiadt das Gerücht verbreitet, daß der Winkelconf rlenl G., rin Katholik, zum Judenlhum übertreten wolle, um r ne Ehr mit der Tochter seines jüdischen HauSwirths «inzugchen. Diese 'Nachricht setzte natürlich die Gemüther der gläubigen Katholiken in die größte Aufregung. Vorgestern hieß r», der Uebertritt de» G. solle während dcS AbendgolteSdienstrS in» jüdischen Tempel stattfiuden. ES versanimelle sich nun vor dem Tempel eine zahlreiche Menschennienge, unter der natürlich die Katholiken aus den niedrigsten Ständen unserer zahlreichen Vorstädte di- Majorität bilderen. Da der Gottesdienst, uu> den andringenden Pöbel zurückzuhalten, bei verschloffenen Thüren abgehaltev wurde, so glaubte die erregte Menge »och mehr an di« Bestätigung der gehörten Nachricht, und. machte ihre Empfindungen in lauten Verwünschungen des Ä. Luft, der während dieser Zeit in seiner Behausung ruhig schlief. Die aufgeregte Menge trennt« sich erst um 13 Uhr in der Nacht und nur der Energie unserer Polizei ist «» za danken, daß nicht Exzesse vorgekommen sind. (Pos. Z) Aus West Preußen, 22. Juni. Die Kgl. Staatsanwaltschaft in Etraßburg (Westpr) erläßt unter dem 10. d. Ml», einen Steckbrief hinter dem „Juden" E G. Wir haben noch nie einen Steckbrief hinter dem „Christen" N. N. gelesen; wozu also die Bezeichnung: „Jude"? Was soll eS heiße», ja, wohin soll eS führe», wenn inmitten einer wenig gebildeten, zumeist polnischen und somit dem national-religiösen Fanatismus leicht zugänglichen Bevölkerung selbst Beamte, welche die Vertreter von Humanität und Bildung sein sollen, in ihren Erlassen den „Juden" als Bezeichnung des Stande» anfnhren?-(Der Herr Referent möchte diesen Fall der Aufmerksamkeit der Gelehrten des Kladderadatsch empfehlen. Aber wir sind der Ansicht, er thuc der gewiß sehr gebildeten, auch sprachgebildelen königl. Staatsanwaltschaft Unrecht, wenn er nieint, es liege in dieser Bezeichnung der Ausdruck von unberechtigter Geringschätzung. Im Gegentheil. Wenn er nämlich den Erlaß dieser erleuchteten Behörde genau lesen wollte, dann würde er finden, daß sie dev, „Juden" entschieden den Vorantritt überläßt. Denn al» sie schri-b: „Der unterm 20 December 1870 hinter dem Juden El. Gr. erlassene Steckbrief re", da muß sie wohl gefühlt haben, daß sie hinter dev» Juden zurückstand. Die Red. der VotkSz.) Svzmin, 17. Juni. (Orig.-Corr.) Der Armenverein, gestiftet im April de» Jahre» 1872, halte am 14. Juni desselben Jahres seine Ziele fester normirt, und legte der Vorstand am 15. d. M. Bericht über die Leistungen ad. Von 109 Mitgliedern wurden an MonatSbeiträgen 256 Thlr. 20 Egr. gezahlt, während an Spenden 27 Thlr. 28 Sgr. eingingen. Hiervon wurden Durchreisend« mit der Verpflichtung, nicht zu beiteln, unterstützt und zwar 281 Männer, 102 Frauen und 22 Kinder (auf 366 Anweisuugeu im Betrage von 5 Sgr. bi» zu 3 Thlrn) mit 140 Thlrn. 15 Sgr; 132 Thlr. 8 Sgr. wurden nach vorjährigem Be- - schluffe in monatlichen Raten zur Fundirung einer DarlehnSkasse für unbemittelte Gewerbtreibende adgeführt. Dieselbe arbeitet noch mit Einlagen de» Krankrnverein» und de» Palestina-Gelde» (?) mit in Sumina 125 Thlr». und hat auf 27 Wechsel 445 Thlr. umgesctzt. Von diesen sind noch im Umlauf 177 Thlr., während der in Kassa befindliche vaarbestand bereits bestellt ist. Außerdem hat die Kasse eine Hypothek auf das Hau» eine» Gemeiudeniitgliede», im Betrage von 53 Thlrn. erworben, um den Verkauf de» Haufe« zu verhüten. Um die Begründung und Einführung de» Verein» haben sich besonders verdient gemacht Herr L. Goldbaum (jetzt in Pforzheim) und Herr Bach (jetzt in Frankfurt a. M). Auch der Krankenverein bestrebt sich jetzt durch Am'chaffen von Utensilien und strenge Handhadüng der Ordnung' seinen Rauten zu verdienen. Die Alliance zählt hierorts 28 Mitglieder. Au» dem Elsaß wurden unlängst zwei eigenthümliche Gerichtsverhandlungen berichtet. In einem Städtchen oder Dorfe ist Jemand zn Schadenersatz verurtheilt und von dem Richter obendrein mit einem Tadelrvotum versehen worden, weil er böswilligerweise oder au» Muthwillen einen Juden einen Kuchen trefa gemacht hatte. — In Durmenach hatte rin junger Mensch öffentlich die Juden des Dorfe» bezüchligt, rin Christenmädchen getödtet zu haben, um das Blut am Opserfeste zu gebrauche». Er hatte die Person, welche e» gethan haben sollte, ausdrücklich bezeichnet. Diese wurde klagbar, und da» Polizeigericht in Mühlhausen erkannte auf 10 Thlr. Strafe, eben so viel Schadenersatz und Veröffentlichung des Unheils auf Kosten de» Verklagten. Gott sei Dank, daß in nnsern Ländern und Zeiten die zweite Geschichte keine gefährlicheren Folgen hatte, al» die erste, uud daß cs beidemale mit Geldbuße — auf Seiten der Attentäter — abgemacht warl