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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 20. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 20.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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157 » — Vergewaltigung ist. Dm Ausdruck „ruinirm", dm wir getadelt haben, müsse» wir also als gerechtfertigt gelten lassen. Soll unS dies aber zu einem milderen Urcheil über den Streit und die Streiter überhaupt bewegen, sollen wir ihn darum für V'Vb ‘pbno erklären? Frankreich. (Schluß.) Bei dem Zahresfeste der schottischen Freimaurer hielt der Großmeister der Centralgroßloge eine Rede, in der er den Satz aussprach: „Die Maurerei ist krank, weil man die Religion einmischt, d. h. die Anbetung des großen Baumeisters des Wellalles. Man muß diesen Namen aus dem Einweihungscide streichen." Zur Antwort erhob sich alibald der 8ouveraia - ürancko - blaitre, Orauä- (owmandeur der Freimaurerei vom schottischen Ritus, Crö» mieux. in einer Improvisation, einer Canserie, wie das die Franzosen nennen, die bewunderungswürdig und unnachahmlich ist. Cs ist keine Rede, in der That eine anmuthige Unterhaltung» unser deutsches „Plauderei" ist freilich zu schroff — bald bringt er nur einfach die Lacher auf seine Seite, bald trägt er Gründe und Widerlegungen, die allerdings im Grunde in jeder Kinderschule auch auseinandergesetzt werden und millionenmal gesagt sind, mit jenem Pathos und wieder jenem prickelnder. Esprit vor, die oergessen lassen, daß dies« Sätze den hartnäckig Ungläubigen nicht bekehren, während sie jeder Gläubige ebenso gm weiß, auch ebenso gut aussprechen, aber nicht ebenso gut vortragen kann. Man fühlt beim Lesen, wie die Härer hingerisien werden müssen, und wie der Bericht angiebt, der Redner häufig von Zeichrn deS Beifall« unterbrochen und am Schluffe mit einem Sturme der Anerkennung (uns erplosiou gänärale de bravos, de fr^ndtiquei applaudissements dej trdpignements d'assentiment) überschüttet werden mußte. Diesen Schluß nimmt Cremieur aus dem Gedanken und aus der Mahnung, die freilich auch wieder jedem israelitischen Redner bei solchem Anlaß sich darbieteu würden, er schneidet die religiöse Controverse ab und spricht von der einigenden thätigen Liebe, der Liebe zur Familie, zum Vaterland«, von Freiheit. Gleichheit, Brüderlichkeit. . . Dafür uns speciell Interessante, ja Entzückende ist nun die Art, wie Cremieux, der doch offenbar sein Zudent!>um bei sol. chem Anlaß nicht pointiren, noch weniger polemisiren kan», doch seine Religion nicht nur nichts vergiebt, sondern sie, gleichsam im Vorbeigehen, verherrlicht. Nach allem Diesen möchten die Leser wohl wünschen, daß wir die Rede hier übersetzt miltheilen, aber das verbietet diesmal nicht nur d>:r Raum, sondern, es würde mancher, wenn er das Ganze i:n tiner den Blüthenstaub der Rede abstreifenden Uebersetzung gelesen, sicherlich sagen: „Das ist ja aber Alles hundertmal gesagt — was ist denn da Nrnes, was Absonderliches?" Geben wir jedoch sozusagen aus den verschiedenen Genres in dieser Rede «in Paar kleine Proben: „Unser Redner hat mit einem sehr traurigen Thema begonnen und seine Stimme war voll Betrübniß. Tie Maurerei ist krank, hat er uns gesagt; ach, wen» sie krank ist, so theilt sie bas allgemeine Schicksal. Wollen Sie mir gefälligst sagen, was in dieser Zeit nicht krank ist? Etwa die Politik? Gerecher Gott! Fragen Sie doch einmal, ob die Legitimität einen König besitzt, der recht gesund ist und daher kommt in voller Kraft, die Krone auf dem Haupt? Der OrleanismuS, der parlamentarische König, wie man sagt, sehen Sie, wie krank er ' ist und sich fortschleppt, ohne anzulangen. Ich will nicht vom diktatorischen Kaiserchum reden, «S ist unter seinen Trümmern verschütte!. Aber ist di« Republik nicht auch ein wenig kraul? Sehrn Sie, wie langsam sie geht, wenn sie geht, und ich bürge ihnen dafür, daß wir alle sie umfassen müssen, damit sie nicht in Ohnmacht falle. Aber hast, ich gerath,: fast auf die Pelittk und die treiben die Maurer nicht." (Dies,: Sätze sind oft von „allgemeiner Heiterkeit" unterbrochen, Cremieur fährt so l:) „Die Maurer, ach! daS bringt mich auf dm großen Brumeister deS, Weltall«, von dem unser theurer Bruder absolut nichts mehr hören will." Dann aus einem anderen Theile: „O ich weiß wohl, wenn wir uns in religiöse Fragen einlaffen, so schleudern wir Zwietracht und Verwirrung in unsre Mitte. Die Religionrn! Die Religionen! was wird aus ihnen werden? Man lacht jetzt über jrn: heidnische Re>i,;ion, welche so viele Jahrhunderte mst so viel Glanz gelebt tat." Cr. plaudert nun weiter über die Gotthesten der alten Welt und über die großen Männer, die sie gleichwohl angebetet haben. „Wer kann uns denn sagen, waS aus den jetzigen Religionen werden wird? Die Dreieinigkeit und t>as Kreuz haben alle jene antiken Legenden risetzt und Hai«!, sich auf dem Bode», festgesetzt, denn ein kleines, aus Egysten entwichenes Volk gereinigt hatte durch die Verehrung dessen, den wir den wahren Gott nennrn. Diesen CultuS feiern nun 150 Millionen Menschen seit 1800 Jahren; ja aber es sind auch 1200 Jahre seit der Islam aufttat, auch er zählt viele Millionen Bekenner. Der Katholicismus bildet in der West der Religionen doch nur eine Minorität, und l,ffen gestanden, unsre großen Minner sind nicht mehr werth, ulS die großen Männer der Heidenwelt, und das Heidenthum ist todt. Sehen Sie, wohin wir gelangen würden, wenn riir au« allen diesen Dingen religiöse Fragen machten? Der Stolzeste hier müßte Ihr Groß-Commande ir sein — Kalhrliken, Protestanten, Muselmänner, Ihr seid von gestern, ich zichlte 4000 Jahre, alS sie auf die Welt kann». Aber am Eure, wie auch die Zukunft der Religionen sich gestalten möge, muß man darum die Anbetung des großrn Baumeisters der Welt zurückweisen?" Folgt nun eine schwungvolle Stelle über die Gedanken: Gott, Unsterblichkeit, Ewigkeit un) der oben angrdeutete praktisch - paränetische Schluß. Grobimtimuieii.. Jjnbou. Mt es scheint, ist es nicht bloß unsre Unbekanntschast r,it den Local- und Personaloerhältniffen, welche un« die Anzelegenheir der vaxsvater-Synagoge unklar und die Frage über ihre Erweiterung als von allerlei nicht rein sachlichen Motiven verschoben erscheinen läßt. Wir sehen uns ,Zew. Chron.", daß ein Anonymus eine Satyrc über den Streit herouSgegeben hat. Dieselbe muß wohl harmlos s-in, da nach dem Urtheil des Blattes selbst die Wortführer de der streitenden arteten über die Darstellung nur lachen werden. Ernster natürlich bespricht das Blatt die Sonntag-Handels-Frage. Wir haben schon erwähnt, daß die Polizeirichter in mehreren Londoner Bezirken seit Kurzem eine verstaubte AkH Karls II. hervorgesncht strengere Saiten in Bezug auf „Sabbathen weihung" aufgezogen und einige jüdische Alt- und Kleinhändler in Strafe genommen haben, weil sie am Scnl:- rag ihre Buden offen grhalten oder „etwas gehandelt" Halen. Die englischen Gesetze sind bekanntlich über die Maßen elastisch

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