Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 15.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Die 2»»« i«.'fs$l«ai. ««qd-ß.) ' '• V ' ■ Nur spärliche Lichter erhellen dir Zeit von der erster» Ansiedelung der Juden in dem Inselrrich,bi» zu ihrer Der, treibung durch Eduard I. im Jahre 1290, „DaS Herz schäm dert einem zu lesen, wie nun 10000 ,Bettler da- Inselreich verlieben, wir die Boot-knechte sie auk der Themse schon miß» handelten, wie die Bewohner der fünf Häfen ihnei» sogar da« Reisegeld nahmen, weichet die Raubsucht daß König» ihnen gelassen, wie hierauf dir Schiffseigner sich weigerten, sie an Bord zu lassen, und wie sie zu Hunderten angtsich« der offenen See umkamen" (219). Dom Jahre 1290 bis 1650 ward kein Jude in England gesehen, aber der finster« Geist der Unduldsamkeit hatte in der Dichtung ihnen neuen Boden eröffnet, auf dem sie auch noch in der Erinnerung mißhandelt werden konnten. Grausame Mordthaten weiß da«! Bolktlird zu berichten, die Juden an unschuldigen Ehristenknäblein verübten, und der alle Zeit bereite Lichtschein der christlichen Legende umfloß dann bald die Häupter der Ermordeten, dir ja sicherlich dereinst große Heilige hätten ryerden könren. Bald bemächtigte sich auch bat Drama der Juden, alt Ire« Urbilds von Grausamkeit und blutdürstendem Ehristrnhaß. Aut dieser Quelle ist Shylock in daS Shakspeare'sche Drama geflossen, der ja dieselben Merkmale trägt, die sich dem Juten in der englischen Dichtung angeheftet hatten, Geldliebe und Ehristenhaß. Und dennoch hat nach Rodenbergt feinem Unheil Shakspeare aut dem Shylock nicht die hassentwrrihe Gestalt gemacht, die oberflächliche Betrachtung in ihm hat finden »vollen. Der große englische Dichter, war wohl fei? Judenfreund, er hatte auch keine Gelegenheit, einen Julxn kenn« zu lernen, aber in ihm schaffte die poetische Gerechtigkeit, und so hat er de» Haß gegen Shylock, den seine Zeichnung leicht erwecken kann, durch dar Mitleid erweicht und gemildert, dat wir für den liebevollen und unglücklichen Vater empfinden «üffen. Aber selten ist wohl auch der Ehristrnhaß (wenn er je vorhanden war) so berechtigt dargestellt, mit so mächtiger, weil schneidiger Beredsamkeit vertheidigt worden, wie von Shylock« schmerzenöbleichen, blutdürstigen Lippen. Mit einer B«r«dsamkeit, „welche — nicht da> Ehristenthum, wohl aber di« Bekenner derselben, die in diesem Stücke' auftrrtm, mitten in« Herz trifft. Wer möchte, wenn er das Betragen dieser sauberen Herren untersucht, von christlicher Deniuth oder christlichem Erbarmen reden?" Aber der Jude Shtckspearr'», der vergewalttgt«, der „stch so tief demüthigt, den Navben der Bergewaltiger zu bekennen", ist der wahre Iitde nicht mehr. „Allein, nicht fünfzig Jahre später, und Englaich sollte ihn sehen! Dieser Jude war Manasseh den Israel, ein GotteSgelehrter au» Amsterdam." Im Jahre 1450 faßt« er den kühnen Entschluß, zu Hoffnungen ermuthigt durch de» großen Kromwell „messtanische" Erscheinung, «rit einer Bittschrift in Sachen der Juden sich an'» englisch« Parlament zu wenden. Einen Gesetze»beschluß konnte der hochherzig« Protektor für die Aufnahme der Juden nicht erwirken, Geistlichkeü und Kaufmannschaft erhob Einspruch, und so ertschrd er stch 1» »eschenfreundlicher Weisheit „für de» praktische» Weg der stillschweigenden Duldung." Eromwell erlebte e» »och, datz in London von den Juden «in Lrichmacker erworben werde» konnte und ein« Synagoge. Zehn Jahre später war Jakob Sasporta» Rabbiner der Londoner Gemeinde, die dann in raschem WachSthu« bi» zu ihrer heutigen Größe zunahm. Ichre Srldgesezäfft blühte», ohne ihnen viel Ehre zu bringen; ^van half ihien Reichthu« vermehren und belegte ihre Person mit dam Mgkel der Anrüchigkeit, wobei man freilich nicht brachte, daß da wo Reichthum ist, Macht unvermeidlich folgt» muß" (849). Al» man nach und nach die hohe Bedeutung de» Kap tal«, gleichsam de» Blute» im StaatSorgani»- «u» erkennen lernte, stieg auch die Achtung der Juden. Mt Obigem Geiste hatten diese au» dem auch damal» schon wütheuden GrünlmngSschwindel, dem Zusammenbruch der „Indischen Compagnie", reiche Erfahrungen gesammelt und Samson Gideon wrr der erste, der sie in hervorragender, durchaus ehrenhafter Weise zur Erwerbung eine» mächtigen vermögen» verweithet«. Aber in dem Manne regte sich jener Trieb, der nacftnal» so viele gefällt hat, er wollte „rin englische« Hau»" b gründen. Er war schon zu alt, dm Glauben zu wechseln, sr ließ er wenigsten» seine Kinder taufen, er selbst starb im Glauben seiner Büter 1762! Er war von jüdischem Adel, denn al» solcher galtm die „Sephardim" vormal«. Bor srphardtscher Abkunft ist auch die große Familie D'Israel. Au» Venedig war Benjamin -'Israeli nach London gekomnm, der Großvater de»jmigen, der dreimal Schatzkanzler und einmal Premier von England gewesen." Er war «», dn 1782 zum Christmthum überging, aber In seinem großen Enkel hat die Liebe zu seinem Stamme sich mächtig erwiesen. „Zu seiner Ehre sei e» gesagt, niemal» hat er. stch seiner Abstammung geschämt oder sie verleugnet, ««der in seiner. Romanen, wo er die Verherrlichung mittelalterlicher Roir antik mit einer schwärmerischen Begeisterung für da» Juden! hu« zu vereinen wußte, noch in seiner parlamentarischm Laufbahn, sw» er, rin standhafter Vorkämpfer der Iudmemaniipatton, nicht wmig dazu beitrug, dies« Frage uuter dem zweitm Derbymintsterium, dem er angehört«, zum glücklichm Abschluß zu bringen" (251). Im Jahre 1763 war von beider Häusern de» Parlament» eine Naturalisation«- bill der Juden angenommen worden, aber sie mußte zurückgezogen werden so groß war der Widerstand de» Volke»; da» aber war ivenigsten» damit erreicht, e« zeigte stch, daß der intelligente Theil der Nation, ihre Gesetzgeber und hohe Geistlichkeit, für sie gewonnen waren." Da» Geldfürstenthum im höchsten Sinne wurde damal» durch die jüdische Familie Goldsmid vertreten. Aber ein Unglück»strrn waltete über diese.» Hause. Gracht« und gelieb^ im höchsten Glücke, hatte Beu.iamin Goldimid in einem Anfalle von Trübsinn stch er« henkt; seitdem mied da» Glück die Unternehmungen diese» Hause». Seine Lücke füll« seitdem da» Hau» Roß - schetld, wie dt« Engltnlxr Rothschild nennen, über deffen Erhebung Rodenberg manch interessant« Einzelheit betzubringen weiß. 1830 wurde auÄ Reu« ein« Bill eingebracht, „die die bürgerliche Unfähig!'«» der Juden aufheben sollte." In erster Lesung mit 18 Stimmen Majorttüt angenommen, fitl H« M der zweiten mit 36 Stimmen. Da trat Macaulay mü s«nem klasflschen Effay: „Die bürgerliche Unfühigkett der Juden" hervor und dies« Schrift hattt die Wirkung, daß schon 1833 b« erneuter Einbringung die Bill, „von Macaulay'« warmer Vrredsamkett umerstützt", glänzend durchging. Al» auch die Eidesformel zu Gunsten der Juden abgeändert war, öffneten stch ihnen die Thore der City und de» Parlament». Sie haben Alle» gethar, um die ihnen erwiesene Ehre zu rechtferttgen, einer aber ror allen hat dem jüdische« Namen Ehre ge»