Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 12.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5369809-5935020-5935695--1607-5371186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
02 drei Deeovirten, den Herren: Lehrer Tauen bäum, dem Stiftung«- pfeger Heinrich Steiner und dem Jubilar aut. Weitere Toaste in gebundener und ungebundener Rede folgten, von deren der in schönen Versen von B. H. Steiner besonder« zu erivähnen ist. Stuttgarter BlLtter berichten: Zn Betreff der Personalsteuer, welche die Zfraeliten in Württemberg nach dem Gesetz von 1828 noch immer zu zahlen haben, ist dieser Tage von 2 Gemeinden, denen sich wohl noch andere anschließrn dürsten, eire Borstellung an die zweite Äanr’ter gerichtet worden, wrrin dieselbe um sofortige Aufhebung dieser mit Recht mißlieiigen Steuer angegangen wird. E« soll hierdurch wohl eir Druck auf da« Cultminifterium geübt werden, welchem die Suche längst zur endgültigen Entscheidung vorliegt. Grterrrich. E. Aie», im Februar. (Orig.-Eorr.) Die Bemerkung in einer der letzten Nr. der „Wochenschrift" über dieGlorificirrng von Juden auf der Bühne, drängt mir eine Bemerkung übn: die Aufführung von Grillparzer« .»Jüdin von Toledo" in die Feder, wobei e« mir leid thut constatiren zu tnüffen, das; da« Andenken an den großen Dichter anläßlich det ersten Aufführung diese« Stückeein« leise Bitterkeit erfahreit. Zst doch seine „Jüdin" ei» ebenso niedriger wie unwahrer Ehrrakter, daß man erstaunt stehen bleibt und sich fragt, ob ein: so edle Dichterseele so charakterlose Personen ohne allen wahren Hintergrund zeichnen konnte. ( E« ist wohl wahr, Grillparzer hat nach Lopez de Bega gearbeitet und zu dessen Zeiten nnd in Spanien konnte oder dmlte man solche Personen malen, aber ob die Jetztzeit dazu ber-chtigt ist, eine solche Arbeit de« Dichter« gut zu heißen, vor der sich, was die Charakterzeichnung und Sittet^malrrei ankelangt, jeder gebildete, ehrenhafte Mensch abwendet, da« steht noch dahin. Und da« Publicum hat sich auch besonder« kalt zu dem Stricke bewiesen. Ein Blatt meinte, e« solle nicht die! Jüdin vor Toledo, sondern die Jüdin von Grillparzer genannt wer den; wir aber glauben, e« werde ob so oder so kaum eine -ft« re Wiederholung finden. Dazu sind wir zu weit von Sprnien und von Rom entfernt! 1 p Jlti de« H»eiche Hl-tezaßl», Ende Februar. (Or.- Eoi-r.) Auch ich bin ein Böhme »nd labe die Böhmen lieb; auc) ich bin ein Jude und habe di« Juden lieb. Gleiche» mtt Gleichem addirt giebt Gleiche«, daher habe ich die bihm. Juxn lieb, recht und wahrhaft lieb und lasse nicht gerne Ettim» auf sie kommen . . . . sed magis amica reritas. Der ^-Eorrespondent in der letzten Nummer d. Bl. wird r» daher nicht veriibrln, wenn ich seine Chiffre S al« die Abreviatur de« lese, d. h. r« ist nicht Alle« so buchstäblich zu nehmen, namentlich nicht in der Hauptsache, um den «willen er sich echauffirt und selbst auf Kosten der mährischer Juden den böhmischen ein Loblied singt mit den Worten: „G-rade der böhmisch« Jude ist dem mährischen darin v« au«, daß er sich um Reiigion«- und Gemeindeangelegenheiten eifrig beklmmert." Sagt auch der geehrte Eorr.: „Glauben Sie ja ittcht, daß in Böhmen die Indifferenz eine so große ist; nicht« weniger al« da«", so versichere ich Sie wieder, daß sie nicht größer sein kann, al« sie ist. Al« Beleg erzähl« ich folgende im conservativen Judenthum« diese Woche stattgefvndene Thatsache, und Jcher wird sich von der Größe der Indifferenz eine Borstellung machen können, die in Bihuren herrschen muß, wenn so etwa«-stillschweigend hingenommen wird. Eine kinderlose junge «lttwr oyS rrpipr sollte heirathen, e» wurden wegen der Ehalizah mir de« Kreisrabbiner in Nachod Verabredungen getroffen, da schreibt der Rabbiner, der die Trauung vornohmen sollte, «in Mann, der sich z« den Orthodoxen zählt und die Hände zusammenschlagea wßrd«, wenn «an ihm zmnuthete, er sympathisire mst den Au«sprüchen der Synode zu Aug»burg — er schreibt: Dies« Person brauche kein« Ehalizah, weil ihre Schwester einen Bruder ihre« verstorbenen Manne« zum Gatten hat, wiewohl noch zwei unverheirathete Brüder da lind. Ich beabsichtige nicht, diese kiasse Unwissenheit eine« Rabbiner« an'« Tagedlicht zu ziehen (s. Eb. Haes. 16 l, 4), ich will blo« den J»differenti»mu« der bihm. Juden in Re1igton«sacchm zeigen. Den betreffenden Leuten wurde von andern Rabbinern, darunter auch vom Kreiirabbiner gesagt, daß jener Rabbiner sich geirrt, daß Ehalizah stattfinden müsse, auch war der Schwager zugegen und bereitwillig, und doch fand keine Ehalizah, wohl aber di« Hochzest statt. Niemand erhebt stch dagegen, selbst der Kreitrabbinor legte kein Veto «in, wiewohl die Hochzeit kaum ein« Stunde von seinem Wohnorte gefeiert wurde. Sind wirklich die bihm. Juden eifriger in Religion«sachen al« di« mährische»? Ich glaube nicht. Da« aber verschuldet der Jndifferen1i»muS.*) Abgesehen von den wenigen größer« Gemeinden, ist Jeder Rabbiner, der stch dazu aufwirst'; über Nacht sprießt au» einem Schächter oder Lehrer rin Rabbiner, oft sogar mit dem Doctortttel, auf; die Behörden kümmern sich sttzt nach dem Staat«grundgesetz nicht um die Eultu«angelegenhei»en der Juden, «nd die autonomen Juden kümmern sich noch weniger da» ganze Sinnen ist auf «In schöne« Gotteithau« gerichtet, da« Judenthum selbst «st ihnen wenig oder nicht-, «nd wir sind auch glücklich dahin gekominen, Rabbiner zü besitze», die nicht« gelernt, und Doktoren, die nicht studirt haben. L Hlttolalurg. Mitte Februar. (Or.-Eorr.) Wieder einmal di« Erinnerung an unser Geineindelrben aufzufrischen, ist der Zweck dieser Zeile», die zwar nicht viel Neue« bringen werden, abe. doch konstatiren können, daß Friede in der Gemeinde, Gedeihen und Fortschritt in der Schule die schönsten Zierden de« Grmeindeleben« sind, und hoffentlich bleiben werden. Unserem Rabbiner Vr. Feuchrwang geht der Frieden über Alle« und so sucht er jede aufstürmend« Woge zu beschwichtigen. Unsere Schule hat durch die erfolgte Penstoniiung des Herrn Lehrer. Rei« der vor 3 Jahren sein 70 jährige« Jubiläum feierte, einen Verlust erlitten, den durch eine tüchtige Leh, kraft zu'ersetzen eben die Gemeinde bemüht ist. Unterdrß sucht der nimmermüde Direstor vr. Ei«ler da« fehlende zu vertreten. Im Ganzen scheint unsere Schule ein gute« Terrain für da« lange Leben der Lehrer zu sein; i« Mai feiert der «in *) Dem könam wir nicht zustimmen. Der Jndifferenriomu« liegt auf Seiim der betr. Rabbiner. Warum erheben sie nicht ihre Stimmen, um den quasi College« unschädlich zu machen? Aehnliche Fälle sind vor Jahrhunderten auch vorgekommrn, ober da gab e« Männer von hoher Autorität, welche, wenn sie auch Geschehene« nicht ändern konnten, doch dein „Pfuscher da« Handwerk legten"' Bom Staate war die Autorität nicht verlithen — damit wäre auch heute nicht gedient — fie war durch Wiffrn, Wollen und Wandel erworben. Fiat applicatiof (Red.)