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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 10. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 10.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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75 lichen Ausfälle Geigers, der vor lauter „Geist" den Leib verhungern lassen und in feinem Hasse gegen Palästina die dortigen Glaubensgenosse» durch Hunger euriren möchte — es ist auch von Andern jene Anklage erhoben. Nichts ist ungerechter. Die Alliance hat zuerst Schulen zu gründen unternommen; es ist der Zeit und dem Range nach ihr erstes Streben. Sie hat ferner bei zahllosen Gelegenheiten (Einzelfällen) protocollarisch erklärt, daß sie kein Wohllhäligkeits' verein im gewöhnlichen Sinne des Wortes und zur Unterstützung Nothleidender mit Geld nicht berufen sei. Als 1869 der Nothstand in Westrußland eintrat, wurde im Centralcomits der Alliance das Bedenken erhoben, daß Grldsammlungen zur Unterstützung der Hungernden eigenllich nicht in den Wirkungskreis des Vereins fielen, die riesigen Dimensionen deS Nothstandes ließen jedoch kurzweg über den Einwand hinwegsehen, Niemand hat das getadelt, überdies sind dir betreffenden Fonds theilweise separat gesammelt und verwendet worden. Also die Alliance will sicherlich in erster Linie durch „Geist", Verbreitung von Bildung. Gründung von Schulen u. dgl. helfen, aber dazu braucht man Geld, viel Geld. vr. Geiger hat diese Kleinigkeit übersehen. Endlich hat man dem Pariser Cenlralcomitä und der ganzen Organisation entgegengehalten, daß man in Berlin für einzelne Zwecke doch wieder Sprcialcomitss habe bilden müffen, um etwas zu erzielen. Für die russischen Juden habt man sich in Paris erst geregt, als in Deutschland schon monatelang von Juden und Christen mit vollen Händen gegeben worden sei. Richtig, man hat das Elend, die Schaaren der Jammergestalten, in Memel, Lyck und Königsberg, dann auch in Stettin und Berlin weit früher gesehen, als man in Paris davon hörte. Konnte daS anders sein? Nachher haben die Pariser sich gesagt: mit bloßen Unterstützungen ist hier nicht geholfen, mir müffen Rath schaffen, und dazu müffen wir unS mehr in die Nähe d«S Schauplatzes begeben und dort die Einsichtigen constiltiren. So kam die Bersamms lung im Oktober 1869 zu Stande, unter dem enthusiastischen Beifall aller Israeliten; der Erfolg ist nicht zu verachten gewesen und wird noch auf Jahre, wenn auch nur langsam, fortwirken. Das Hauptcomitä für diese Angelegenheit hat man nach Königsberg verlegt — ist e« Cremieux und Genoffen eingefallen, dieselbe von Pari« auS leiten zu wollen?! Für Persien hat man nur Geld gebraucht. Als beste Vermittlung boten sich da die englischen Consulate dar, daher concentrirten sich die Sammlungen naturgeinäß in London. Eigentliche Sache der Allianz sind sie nach dem oben Gesagten nicht gewesen. In Berlin hätte da« Comitä der Alliance die Sammlungen in die Hand nehmen, sich auch zu dem Behuf« einige geeignete Personen cooptiren können. Wenn da« nicht geschehen ist, so ist e« nicht die Schuld der Alliance. Thun nicht die Herren so, als ob sie erst von Pari« eine Aufforderung (warum nicht gar Erlaubnißl) hätten abwarten müffen? Ebenso steht es mit den Sammlungen für Rumänien. Ein besonderer Aufruf war dazu l nithig, aber ein besondere« Comitä? Hr. Prof. LazaruS hätte daffelbe Gehör gefunden, wenn er al» Vorsitzender de« Comitä der A. I. U. gezeichnet hätte, wie al« der de« Comitä für Rumänien, und schwerlich hätte ein andere« Müglied de« letzteren seine Unterschrift verweigert, wenn «an im Namen der All. I. Un. gebeten hätte. Die Absicht har man damal« ganz wohl gemerkt! Wir haben jedoch genug gesagt. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Aerliu, 24. Februar. Gestern Vormittag fand das Leichenbegängniß res am 19. d. Mts. verstorbenen Redacteurs de« „Magazin fix die Literatur des Auslandes" Joseph Lehmann statt. Eine außerordrntlich zahlreiche Versammlung, in welcher wir Notabilitäten aller Gebiete des öffentlichen Lebens, der Polittk, Wissenschaft, Ltteratur, Kunst, Preffe u. s. w. bi merkten, denen sich Abgeordnete zahlreicher Vereine (des Lette-, Handwerker-, VolkSküchen-Vereins u. s. w.) angeschlossen hatte», gab Zeugniß, in wie weiten Kreisen sich der Heimgegangene Anerkennung und Verehrung zu erringen gewußt hat. Die Kaiserin hat an die Famllie ein Condolenzschreiben gerichtet. (Joseph Lehmann war am 28. Februar 1801 zu Glogau geboren. Er hat e sich ursprünglich dem Kaufmannsstande gewidmet, gab den rlben aber bald auf, da er noch als junger Mann wegen seiner trefflichen Sprachkenntniffe durch Vermittlung Aleranlnr v. Humbold's in die Redactton der Preußischen Staarlzeitung berufm wurde. Als Beiblatt derselben gründete er das „Magazin für die Literatur des Auslandes." Al« Friedrich Wilhelm IV. das reacttonäre Ministerium Bodelschwi »gh-Eichhorn berief, verließ er den Staatsdienst, behielt aber sein Blatt als freies Eigenthum und sühne dessen Redaction über 41 Jahre lang, ohne je zu erkranken, ohne je zu schweigen, und — ohne Preßproceß! Er war grehn durch die Freundschaft der (verstorbenen) Buchhändler vr. Veit und Lehseldt und bekleidete längere Zeit da« Amt eines Vorstehers d:r jüdischen Gemeind«. Als Borstandsmitglied der „Gesellsckmft der Freunde" machte er sich besonders verdient durch eine wahrhaft tolerante Werkthättgkeit. — lieber seine Verdienste um die Organisatton des jüd.«theol. Seminars zu Breslau, an dem er auch rin jährltches Stipendium für die beste jüd. wissenschaftlich« Arbeit eines Seminaristen fundirte, berichtet das „Eröffnungsprogramm" dieser Anstalt (1854) in anerkennrndster Weise. — Von 1648 bis 1865 lebte er in Glogau oder auf dem Land« in der Nähe dieser Stadt und wurde bei settiem Scheiden Ehrenbürger derselben, Aach seiner Rückkehr ncch Berlin gehörte er dem Vorstande de« Central-Berein« für das Wohl der arbeitenden Klaffen an, war rin Mitgründer der so segensreich wirkenden Volksküchen, rin beliebter Lehre, im Handwerker-Verein, und der Senior de« Verein« der „Berliner Presse". Noch am 18. Februar d. I. in voller Arbeit, starb er sanft nnd unerwartet, fast 72jährig am 19. Februar. Sein Andenken wird ein gesegnete« bleiben.) (B. Z.) Htrerka», 20. Februar. (Or.-Corr.) DaS hiesige jüdisch-theologische Seminar ist vor drei Jahren von der österreichischen Regierung mtt wem Rechte zur Ausstellung staatsgülttger Zeugnisse versehen worden, bis innerhalb der österreichischen Monarchie eine Anstalt zur Ausbildung jüdischer Theologen in'« Leben treten würde. Die Datrrr bitftr Berechtigung wurd« auf drei Jahre ausgedehnt, weil die Errichtung einer jüdisch-theologischen Lehranstalt damals für nahe bevorstehend gehalten wurde. Bet Ablauf der festgesetzten Frist ist jedoch di« Erwartung betreff« der Verwirklichung diese» Projekt« noch nicht in Erfüllung gegangen, und deshalb haben sich die österreichischen Hörer am hiesigen Seminar

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