Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 9. · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 9.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5369809-5935020-5935692--1580-5371162
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 gleichwohl unschuldig, d. h. da« Opfer einer Verleumdung sein könnte. beeilte, meinen würdigen College« in St. über die hierorts vorgenommene Jnhaftinmg des.Verfolgten zu verständigen. Mt dem nächsten MittagSzuge traf der'erwähnte Bote wieder ein und zwar mit der Weisung, der Rabbiner wünsche, daß der neunzehnjährige Pole nach St. gebracht werde. Die Polizeiverwaltung, welcher kein bestimmter Antrag zur Erhebung einer Anklage vorgelegt werden konnte, entließ somit den „Handwerksreisenden", und dieser selbst ging scheinbar recht gern darauf ein, unter EScorte seines MelsterS die Rück, fahrt anzutreten. Ehe derselbe aber emgetroffen war, hatte ich mit Jenem zwei Male eine läirgere Unterredung gehabt, und daS eine wie daS andere Mal stellte derselbe den Sachverhalt so dar, daß er seine Ehefrau, die er vor etwa zehn Monaten gegen den Wunsch seines bemittelten Vaters zeheirathet» darum verlassen habe, weil er mit seiner bei ihm wohnenden Schwiegermutter, und durch dieselbe auch mit seinem Weib«, in fortwährendem Zwist gelebt. UeberdieS gestand er, daß er sich in Jtanpcn verlobt habe, in der Absicht, bald nachher auf förmliche Scheidung von seiner ersten Frau anzutragen. Ganz anders hingegen berichtet« sein Meister. Derselbe erzählte, daß ein Fremder (aus Galizien) auf der Durchreise durch Kempen den ihm bekannten Schuhmachergesellen gesehen und in ihm den einige Monate früher auS Oswiecim (Oesterreich) „verschwundenen Mann" erkannt habe. Der hiervon in Kenntniß gesetzte Rabbiner in St. habe sich sogleich an die ihm angegebene Adresse in O. gewendet und in Folge dessen sei — merkwürdigerweise — die -und« von der viel von sich reden machenden Verlobung deS schon verbTiratheten Polen bis nach einer unweit St. gelegenen russischen Stadt gedrungen, wo Letzterer früher gewohnt. Nun denke man: da kommt aus Rufs.-Polen eine hochschwangere Fylu, um den plötzlich ermittelten Ehemann aufzusuchen; zugleich aber trifft ein Brief aus OSwiecim «in, welcher die Aussage jenes Durchreisenden nicht nur bestättgt, sondern auch meldet, daß sich die verlaffene Ehefrau in gesegneten Umständen befinde- Also, nicht zufrieden damit, zwei Personen, ja zwei Familien in Rußland und Oesterreich in's Unglück gestürzt zu haben, verlobt sich dcr polnische Lchuhniacher mit einer Preußin, wohl nicht ahnend, daß er, um sie — aber auf wie lange? — sein eigen zu nennen, der nöthigen Legitimationspapiere aus der Heimalh bedürfe. Was sich weiter zugetragen? Die erste, die russisch« Frau, ist vor einigen Tagen von einem Knaben entbunden worden. Die zweite Frau, die Oesterreicherin', hat sich Anfangs dieser Woche nach Kempen und, da sie den Ehebrecher dort nicht mehr angetroffen, nach dem Wohnorte ihrer Leidens-! gefäblin begeben. Allein umsonst; er soll, sagt man, bereitweiter gereist oder gar ttanSporttrt sein. Dahin konnte die arme Frau jedoch ihm nicht folgen, um ihn persönlich zur Scheidung anzuhalten, da sie nicht mit einem russischen Passe versehen war. Unter Thränen erzählte sie mir heute, wie sehr sie am Bett der vorerwähnten Wöchnerin geweint und welche Worte der Beruhigung sie derselben gespendet. Soweit Thalsächliches. Reflexionen aber stelle ich hier nicht an, weder über die N217M noch über die -och über '£138 .121712- Einer Bemerkung kann ich mich jedoch nicht enthalten: Gottlob! in unserm deutschen Vaterland« ist ein wie hier mttgetheilteS Borkommniß durch auS unmöglich. Dr. Cohn, Rabbiner. * Jhu de« Kanniinrischen, Anf. Februar erhielten wir eine sehr ausführliche Kritik der in Nr. 2 der „Wochenschrift" enthaltenen Korrespondenz aus Emden. Wir gcken, da Abdruck des Ganzen ein halbe« Blatt füllen würde und manches auch gar nichts mit dem Inhalte jener Correspondmz zu thun hat, einm eorrecten Auszug. Zunächst wird über den jetzigen Verweser des LandrabbinatS Emden gesagt: „Die Ernennung de« Hrn. vr. Kroner zum commiffarischen Landrabbiner für die Bezirke Aurich und Osnabrück hat s. Z. in allm Kreisen die frmdigste Zustimmung gefunden, in denm er als vorzüglich befähigt und berufstreu gekannt und geschätzt wird. Die Erwartungen, die man an diese Ernennung knüpfte, sind in reichstem Maße befriedigt worden, so daß fast einstimmig das Urtheil verlautet, das Landrabbinat sei noch nie so exact und gewiffenhaft verwaltet worden. Während der Zeit seiner Amlirung ist schon mehr für die Besserstellung der jüdischen Lehrer bezw. Schulen und anderer nützlichen Gemeindeinstitute geschehen, als sonst in einem Decmnim. Unter den 20 meist sehr tüchtigen Männern, die sich s. Z. um die von Dr. Lippmann, später in Kissingen, unbjß. Well, jetzt in Karlsruhe, innegehabte Stelle des Predigers resp. Localrabbiners und Schuldirigenten zu Aurich beworben hatten, wurde Hr. Dr. Kroner wegen seiner vortrefflichm Zeugniffe vom Landrabbinate der Gemeinde in Vorschlag gebracht, von dieser engagirt und wrgen seiner homiletischm und pädagogischen Leistungen schon nach kurzer Wirksamkeit definitiv angcstellt, nachdem er d-:r Landdrostei — vorschriftsmäßig durch das Landrabbinat — völlig befriedigende Dokumente über seinen ganzen Lebens- und Bildungsgang vorgelegt hatte. Bezüglich der praktisch-pädagogischm Tüchtigkeit des Dr. Kr. hat u. a. der Inspektor des St. evang. Lehrer-Seminars zu Aurich sem höchst anerkennendes Urtheil in der Presse niedergelegt. Ebenso günstige Urtheile haben wir von competmter Seite über die casualen Gutachten und den hebr. Styl des Dr. Kr. vernommen." Es folgt ein Lob des Charakter« des Dr. Kroner; wir registrirm dies recht gern, da wir nichts dagegen einzuwmden oder vernommen haben, thatsächlicheS ist aber nicht angeführt, daher genügt hier die Erwähnung. Daun wendet sich das Schreiben gegen die Auölassungm des Corresp. von Emdm über die verzögerte definitive Besetzung des Landrabbinat« daselbst. Es sei nicht wahr, daß die „Landgemeinden" — d. h. Leer, Norden, Aurich, Osnabrück u. s. w. kurz all« außer Emden, „wo man aus LoealpatriottSmuS diese noch immer CT3TV zu nennen beliebe" — auS Sparsamkeitsrücksichten dem Definitivuin entgegenarbeiteten, denn diese Gemeinden insgesammt zahltm jetzt genau ebensoviel Landrabbinatsgehalt wie früher. Aber die 27 Gemeinden OstfrieSlands sträubten sich gegen den bisherigen Wahlmodus. Dieser lege die ganze Wahl in die Hand des Vorsteher-Collegiums Emden. Dieses, vielleicht in Wirklichkeit auS einem Letter bestehend, stelle drei Candidaten auf, von denen einer gewähtt werden müffe. Wenn also zwei Nullen neben dem Begünstigten ausgestellt würden, so liege die ganze s. g. Wahl facttsch in der Hnnd eines Manne» und zweier Nickefiguren. Daß dies jetzt nicht mehr so hin» gehen solle, da» sei der Aerger der Smdener.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.