Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 8.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Vermischte und neueste Nachrichten. Gauen der böhmischen reichen Hopfengegend in das Weichbild von Saaz — da ist man seit meinem jüngsten Berichte mit wahren Siebenmeilenstiefeln vorwärts geschritten auf dem Wege zum Bessern — man hat daselbst nicht weniger als drei Concurse ausgeschrieben, man sucht einen Rabbiner und zwei Lehrer, will also Kanzel und Katheder, Synagoge und Schule wieder in die Hände tüchtiger Männer geben, man will die Stellen sogar sehr anständig dotiren — also bravo! mögen die ehrenwerthen Männer, die an der Spitze der Saazer Cultusgemeinde stehen, nur die rechten Hebel ansrtzen, an Kräften fehlt es nicht, und „Israel ist nicht verwaist", die rechten, geeigneten Männer für Tempel und Schule werden sich wohl finden laffen. — Sie haben, verehrter Herr Redakteur, in einer kleinen Anmerkung zu meinem jüngsten Berichte den böhmischen Cullusgrmeinden ein eben nicht sehr schmeichelhaftes Zeugniß ausgestellt, und es kann Ihnen dies — nach Allem was man hie und da in den Blättern über Vorkommnisse in böhmisch-jüdischen Gemeinden zu lesen bekömmt — auch niemand verargen, aber glauben Sie mir, dem Manne, der die Verhältnisse auf Kreuz- und Ouerzügen in Böhmen durch Autopste kennen gelernt hat, das böhmische Israel ist „besser als sein Ruf"; wenn in irgend einer neuen kaum entwickelten Gemeind«, wo kaum erst 1—2 Dutzend jüdischer Familien warm geworden, wo noch Alles, was die Cultusgemeinde erst recht ausmachen soll, der energisch schaffenden erfahrenen und geübten leitenden Kraft bedarf, irgend ein des Schulstaubes überdrüssig gewordener Lehrer, mit der Kutte liebäugelnd, sich zum Rabbiner aufwirst, den ihm anfangs arglos gegönnten Titel aber später zu Uebergriffen mißbraucht, wer will es der neuen vorwärts strebenden Gemeinde verargen, wenn sie von ihrem Rechte Gebrauch machend den unbesonnenen Usurpator in seine Schranken zurückwirst - Wenn ein wirklich tüchttg herangebildeter aber eben noch allzu junger, im praktischen Amtsleben noch nicht verflrter Rabbiner, voll besten Eifers nur etwas überstürzt das neue Cultusgemeinde-Gebiude mit einem einzigen Rucke vorwärts bugsiren will, daß der neue Bau in allen Fugen krachen muß, und dies ominöse Krachen dann einen grellen Mißton hervorbringt, was kann die Gemeinde dafür- »uäi»1ar et alter» per»! nicht immer sind die Gemeinden, gar oft, glauben Sie ä mir, sind auch in erster Linie die Cultusbemnten zu tadeln — und grade in Böhmen mehr als irgendwo wird dem CüftuSbeamten besondere Achtung und friedlicher Sinn entgegen -gebracht. An Beispielen diese meine Ihnen vielleicht paradox klingende Behauptung zu demonflriren, wird es mir niemals fehlen. Was ich in böhmischen jüdischen Cultprmeinden zu rügen hätte, ist die Nonchalance, -mit der dort Männer als Chafanim vor die Bima -gestellt werden, deren Vorleben, wie gegenwärttges Gebaren in judaicia sie wohl alS Theatersänger, keineswegs jedoch alS Synagogenbeamte und Schliche Zibbur qualificiren — ja, in der doch schon recht ansehnlichen uralten Gemeinde B. hörte ich einen Cantor, der wohl sehr schön und geschalt singt — aber da er noch vor kurzem der Operette angehörte, in OffenbachS Partituren viel besser Bescheid wissen soll, als im Siddu, und dem auch das hebräische eine t«rr» inoogvit» ist; soweit sollten eS unsere jüdischen Cultusvorständ« denn doch nicht konmten kaffen, denn daß des hebrässchen unkundige Operettensänger unseren Gottesdienst letten, ist — Blasphemie. gtettiu. Die glänzende Rede, welche der Abgeordnete Lasker am 7. d. Mt», über die Eisenbahnstage gegen Gründerthum, Schwindel und Betrug gehalten hat, ist allen Lesern bekannt. Wie sehr wir uns auch freuen, daß diese Thal — denn eine solche ist diese Rede - von einem Glaubensgenossen >-vollführt ist, so gehören doch weitere Bemerkungen nicht in diese« Blatt. Nur einen Umstand wollen wir registrier», eine Bemerkung niederschreiben, die auch gewiß schon von tausend Israeliten gemacht worden ist: Es ist eine Wiederholung der Purimgeschichie, die wir da erlebt haben und noch writer hierin erleben werden; es ist ein Haman com me il faut, der von einem Mardochai gestürzt ist Wagner, seit zwanzig Jahren und länger ein Ankläger, Widersacher u s. w. wie einst Hamedatha s Sohn, ist entlarvt, man zeigt mit Fingern auf den ,"NN 21X1 "13C EPK, „sein Antlitz ist verhüllt", er geht „traurig und verhüllten Hauptes", er tritt nicht mehr vor den König Hedentnrg. Frau Katharina Rosenfeld, die Wittwe des am 20. August v. I. durch den Eisenbahnunfall bei Frohnhofen in Baiern verunglückten Herrn Jacob Rosenfeld, hat, um das Andenken ihres Gatten zu ehren, eine Schenkung von 20,000 Fl. zu wohlthätigen Zwecken gemacht, wovon 15,000 Fl. zum Baue eineisraelitischen Chortempels und einer israelttischrn Schule in Ordenburg und 5000 Fl. zur Unterstützung zweier an der Oedenburger Ober-Realschule studirender armer, braver Knaben verwendet werden sollen. Hkarts DaS neue Gesetz über Reorganisatton deobersten UnterrichtSrath bestimmt, daß demselben auch ein Mttglied des israel. Centtal-ConfistoriumS angehiren solle. Bei der Debatte über das erwähnte Gesetz äußerte Duvanloup, Bischof von Orleans: „Ich wiederholt, daß Sie, meine Herren, alle Kraft einsetzen müssen, um die erschütterte Gesellschaft wieder herzustellen. Sie bedürfen deS MoralgesetzeS. Ich sage und betheure Ihnen, daß eS nur Eines giebt, was Sie retten kann, eS sind die Zehngebote. Nur darum ist in Ihren Berathongen so viel Unsicherheit, nur darum erbeben zuweilen die Grundlagen, auf denen Eie stehen, und schwank der Boden unter Ihnen, weil der Dekalog Ihnen fehlt. Rufen Sie dem Volke zu, pflanzen Sie eS in seine Seele: du sollst nicht tödten, nicht stehlen I so haben Sir einen großen Schritt zur gesellschaftlichen Ordnung gethan. Ja noch mehr. Führen Sie den andern und sich selbst das große Gebot des DekalogS (?) zu Gemüthe: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst — so ist der Frieden da! Wir erinnern unS, daß 1848 ein Abbä (der Name ist uns augenblicklich entfallen) in der Nasionalversammlung zu Paris sich ähnlich ausgedrückt hat: „wir brauchen nur eine Verfassung, das ist der Drkalog." V«t«r«st. „Romanul" vom 25. Januar sagt, die Regierunghabe den Israeliten gerathen, keine Petttion in der diesjährigen Sitzung der Kammer einzureichen. Rumän. Post bezweifelt vorläufig die Richttgkeit dieser Mittheilung. — Die Kammer verhantette über das Project, brtteffend die Einführung eine« Monopol« für den Verkauf von Spirituosen. Wie ei heißt, sollen die Juden, wie es beim Täbakversthleiß geschehen ist, auch von dem Spirituosen-Handel ausgeschlossen werden.