Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 4 (1873)
- Issue
- 4. Jahrgang Nᵒ 7.
- Date
- 1873-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5369809-5935020-5935690--1560-5371144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-0 crfio'ien nxrlen soll, aerob« dasjenige, was der kitchkiche unb^> "richtig ist, so folgt daraus, daß eS sich bei dem ganzen noch politische Liberalismus solange bekämpft hat? Würde.er auch einer, Eultusminister Wühler oder Raumevpder Skchhor» ein solche- Gesetz ootiren? Sind Gesetze KleiWngsstücke,«Me man auf den Leib einer bestimmten Person aitzwD! und zitschneidet?! Indessen diese Erwägungen gehör» nicht hierher; Me von uns apostrophirten Liberalen und FortschrittSminner wissen alleda», wo» wir eben gesagt haben, ganz gut, stell» davcn kein Wort in Abrede sie sage»: es sind nicht religiöse, sond:rn politische Erwägungen, welche uns lenen, welche uns zwingen, ein großes Loch in unsere Principim zu schlagen. Gur! mit politischen Erwägungen haben wir hier ja »ichls zu thun. Aber wir beurt heilen da» Gesetz von unsenn Gesichtspunl'te, wir übersetzen eS uns, sozusagen, in's Jüdische, d. h. wir nehmen an, daß es auf uns Anwendung finden sollte. Da wäre gegen §. 1 nich» einzuwenden, wenn eine «ynagoge »gemeinde einen Ausländer als Rabbiner anstelle» will, so niuß dieser seine Naturalisation nachsuche». Aber warum sollt: er diese nicht erlangen, wenn" nichts Ehrenrühriges gegen ihn vorliegt? Gesetzt, eine jüdische Gemeinde will durchaus eine» russischen Maggid oder Rabbiner haben — warum soll der preußische Staat das wehren? Einen Mann nicht natu* rali iren, ausweisen, weil er ein langes Kleid und Schläfer* locken trägt und ein schlechtesTeutschspricht— solche Engherzigkeit liegt doch weit hinter uns. U.id nun erst die Vorbildung und Anstellung der Rabbineri Unter der älter» Gmeration haben wir noch manche Juden, welche es herrlich fänden w»n der Staat auch für uns Rabbinerfchulen (oder wie man sie amnm mag) einricht», die Lehrer an solchen wähle» und jeder Gemeinde den Rabbiner zuweisen würde, ganz nach seinem Gu finden. Natürlich hat ein Jede» dabei den Hintergedanken der Staat wird meine Richtung prolegiren. („Und der König absolut, wenn er unfern Willen thut.") Die jüngere Generation ist klüger geworden, begehrt Derartiges nicht mehr. Doch wir brauchen keine Hypothesen, bleiben wir beim Wirklich:». Da haben wir ein Seminar in Breslau und eine Hochschule in Berlin, beide von bekannter, entgegengesetzter Richtung, bald wird eine strengst orthodoxe Rabbinerschule als drittes Institut hinzutreten. Wmn nun in einer Gerne nde ein Rabbiner anzustellen und zwischen den Schülern jenw drei Anstalten zu wähl» ist, wem, welcher Farbe soll der Vorzug gegeben werden? Soll der Staat eine Anstalt beiorzugm, privilegiren, und soll der Gemeinde, je nachdem der Cultusminister auch in jüdischen Dingen mehr zur orthodoxen oder zur resormirenden Richtung gravitirt, ein Rabbiner de, einen oder der andern Richtung eingesetzt werden: Wir sagen: „Um Gotteswillen! wo bleibt denn die Gemeinde?!" Mit einer kleinen Veränderung der Worte des Cc rdinals im Don Carlos sagt das Iudenthum zu den Libera en: „muß ich die Elemente der Religionsfreiheit mit meinen gnu gewordenen Schülern überhören?" Und wirklich ist E nem eine Ahnung des Verhältnisses aufgegangen; Vir chow hat in der Debatte am 17. Zannar gesagt: „denken Sie an daS Zudmthum, das einzig ans der Gemeinde beruht." Was man uns hier einwendm wird, ist allerdings sehr nnheliegend. Die Juden können dem Staate weder Ungele zmheit noch Gefahr bereiten; wmn die Ultramontanen ebenso ohnrrrächtig wären, wie jene, so würde niemand an den Era; kirchlicher Gesetze denken. Eben weil das vollkommen unabsehbar» Streite nicht um religiöse, sondern lediglich um Macht frag» handelt. Wenn Bismarck geg« Rom vorgeht, so kämpft er nicht gegen den infollibckn Papst, sondern gegen d» mit Frankreich und al» dem neu» Reiche feindlichen Mächt» verbündet» Ultrcmontanismu«; wmn in Posen Schulinspector» abgesetzt werdm, so handelt eS sich nicht um ihr insallibilistisches Bekenntniß, sondern um ihre antideutsch» Agitationen in der Schulweg. So können wir denn Gott danken, daß wir direct gar nichts mit jenen Streitigkeiten zu thun haben. Wa» man von der Schweiz zu sagen pflegt, daß ihre politische Unabhängigkeit durch ihre Schwäche garantirt werde, daS gilt auch von unserer Ohnmacht und unsrer religiösen Unabhängigkeit. Berichte lind Korrespondenzen, veutschlond. Hterki», 2. Februar. (Or.-Corr.) Nachdem ich Ihnen am 22. December v. Z. von der mir für eine wissenschaftliche Reise nach Italien au» Staatsmitte n gewährten Subvention Mittbeilung gemacht habe, kan» ich Ihnen heute von einem neuen Beweise der Liberalität des Herrn CultuSministerÜ berichten. Derselbe hat mir nämlich durch Rescript vom 2». v. Mts. eröffnet, daß er den Herrn Reichskanzler ersucht habe „Sie — so heißt es wörtlich — dem Kaiserlichen Herrn Gesandten am Königlichen italienischen Hofe zur thunlichsten Unterstützung Ihrer wissmschaillichm Zwecke während Ihres Aufenthalts in Italien zu empfehlen." — Ich trete nunmehr heute unter (Zolles Beistände meine Reise, zuvörderst nach Rom, an; sie wird mir eroiöglicht durch die fördernde Theilnabme, welche mir von Berlin, Wim, Paris, London, Hannover, Stetsin, Kempen und Inowraclaw aus bisher zu Theil geworden ist. Dank, herzlichen Dank allen jenen hochverehrten Männern, welche sich beeilt haben, ihrer Freude an diesem Rechts- und Culturfortschritt durch die Förderung meiner Aufgabe den würdigsten Ausdruck zu leihen. Nicht unerwähnt darf ich hierbei eines Beitrags lassen, der mir von Seiten des Herrn Dr. Lehmann in Mainz im Namen des Herrn Pfarrers Kraus zu Bolkaitshain in Obe, Hessen, indem er sich zu den Freunden und Förderern der jüdischen Literatur rechnet, zugesandt worden. — Ich benutze gerne diese Gelegenheit, Ihnen, geehrter Herr Reda.leur, wie allen meinen Freunden und Gönnern recht herzlich ein „Lebewohl" zuzurufen, wie auch zugleich zu versichern, daß ich, so Gott will, den vielfach an mich gelangten- Wünschen für eine nähere Vergleichung mancher Handschriften zu genügen suchen werde, wie ich auch von Zeit zu Zeit in diesen Blättern einen kleinen Bericht über dm Fortgang meiner Studien zu geben gedenke. Dr. A. Berliner. B. Aekgard, 27. Januar. (Or.-Corr.) Von den Adligen hiesiger Umgegend ist ein Zweigverein zum Vaterländischen Frauenverein gegründet worden. Außerdem, daß mehrere jüdische Damen unserer Gemeinde Mitglieder sind, ist auch eine von diesen, Fr au Casper Zarrder, als Vorsteherin desselben gewählt worden. Dem hiesig» jüdischen Wohlthüiigkeits-Vereine wurdm vom' ob» gedachten Verein 10 Thlr. Behufs Vertheilung an hirsige jüd. Arm» übersandt.