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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1873-01-01 · 4. Jahrgang Nᵒ 2. · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
4 (1873)
Issue
4. Jahrgang Nᵒ 2.
Date
1873-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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11 Notizen dürften wohl auch den weiteren Kreis der Leser diese« Blatte« intrresstren. # Zn dem ganzen westlich von der Oder liegenden Thrile de»' Provinz Pommern, abgesehen von dem damals noch schwedischen Neu-Vorpommern, hat r« im erstm Zahrzehent diese« Jahrhundert« keine israelitische Gemeinde gegeben. In Stettin, al« Festungsstadt, war den Zsraeliten der Aufenthalt sogar dergestalt untersagt, daß ein Jude, welcher dort übernachten wollte, sich durch Zeugniß eines christlichen Einwohnerdarüber auSzuweisen hatte, daß «in Geschäft ihn hier festhaltr, worauf ihm gegen Zahlung einer Gebühr eine besondere Erlaubniß, Nacht-Ouartterzrttel, verabfolgt wurde. Nur je ein Israelit hatte von Alters her Erlaubniß, mit seiner Familie hier zu wohnen, um (unter Oberaufficht des Berliner Rabbinats) den Handel hiesiger Kaufleute mit Koscherwein rituell zu überwachen. Zur fraglichen Zeit wohnt« hier in dieser Eigenschaft der als Gelehrter und Verfasser des „Masslul“ und anderer Werke über hebräische Grammatik wohlbekannte Hr. I. H. Borchart (auch R. Chaim CoeSlin genannt). DaS Edict von 1812 gewährte zwar Freizügigkeit, doch sind wegen de« bald auSgebrochenen Krieges, der eine langwierige Belagerung der Stadt (bis Ende 1813) zur Folge hatte, vor 1814 keine Juden von auswärts hierher gezogen. 1816, im Juli, constituirte sich bereits eine Gemeinde von 18 Mitgliedern; eine Jubelfeier im Juli 1866 war des Krieges und der Cholera wegen unmöglich; das Jubiläum der Odevrad ergänzte daher auch das der Gemeinde. Von den 24 Personen, welche erster« vor 50 Jahren gegründet haben, lebt zur Zeit hier noch Einer, Herr I. Lesser, welcher auch lange Jahre und bis 1868 Vorsteher deS Vereins gewesen ist. Außer diesem lebt von den Gründern noch Einer, in Berlin. Gegenwärtig zählt unsere Gemeinde über 450 Mitglieder, der Männer-Wohlthätigkeits- Berein 190, der Frauenverein 180. 6. Merlin, den 22. December. (Or. Corr.) So betrübend auch sonst die religiöse Zerfahrenheit und Zerrüttung der Gegenwart sein mag — und Berlin zeigt hierin im Kleinen das getreue Spiegelbild des Großen und Ganzen — so ist doch eins noch erhebend und stärkend, nämlich die Erscheinung, daß es rin neutrales Gebiet giebt, auf dem sich alle Glaubensgenossen, welch religiöser Richtung sie auch sonst immerhin angehören mögen, zusammenfinden, sich einander die Hand reichen und einträchtigen Herzens und rinmüthigen Sinnes mit und neben einander wirken. Ich meine das Gebiet der Menschenliebe und Wohlthätigkrit. Auf diesem Gebiete fragt auch kein Jude nach dem engeren Glaubensbekenntniß, sondern giebt mit offenem Herzen und voller Hand, wo es Roth thut, ja zuweilen, wo eS auch — nicht Roth thut. Und auch hierin zeigt sich Berlin — Referent darf das um so offener sagen, als er kein Berliner ist, sonder» sich hier nur um der Fiderung einer Humanitäts- Anstalt willen einige Tage aufhielt — ich sage: auch hierin zeigt sich Berlin als eine kleine jüdische Welt, alS einen Mikrokosmos, ja selbst alS Vorbild und Muster aller deutschen Schwestergemeinden. Ich will hier nicht von den herzerhebendrn Erfahrungen sprechen, die ich auf meinem Gange durch Berlin persönlich gemacht; nur ein kleines Beispiel aus der Fülle des Berichtstoffes will ich hervorheben. Mir liegt ein kleine- Schristchen vor, da« mir zufällig zu Händen gekommen ist und das den bescheidenen Titel führt: „Promemoria zur Gründung eine« „Aufhülfe-Bereins" (Odsdratd Jeschoah) in der jüdischen Gemeind« zu Berlin". Verfasser des schlichten, anspruchslosen und doch so edlen SchriftchrnS ist Herr!R. Oppenheim, Kaufmann und daneben langjähriges Mitglied der Armen-Commission der jüdischen Gemeinde in Berlin. Man sollte glauben, die langjährige Mitgliedschaft einer Armen-Sommisston, in welcher so manche trübe Erfahrung au« der Nachtseite des Menschenlebens sicherlich nicht erspart bleibt, inache daS Herz stumpf und unempfindlich gegen menschliche« Elend — aber Herr Oppenheim belehrt uns vom Gegentheil. In dem Schristchen zeigt nämlich der Herr Verfaffer, daß es nicht genug sei. Armen Unterstützungen zu gewähren — und wenn auch so reich gegeben wird wie man in Berlin gewohnt ist — daß es vielmehr nöthig sei, das Uebel H der Wurzel zu faffen und den Krebsschaden des Pauperismus gründlich zu heilen. Er plädirt darauf in klarer nad durchsichtiger Sprache für die Bildung eines „Auf- Hülfe-Lereins", „besten Mitglieder sich selbst besteuern mögen, um durih den Zusammenfluß bedeutender Mittel in 1er Lag« zu sein, Armen durch die Gewährung von 50, 100, ja selbst 200 Ttalern zu ermöglichen, daß sie ihren Erwcrbszweig wieder »ufnehmen können". „Wenn ich bedenke", sagt der Verfasser wörtlich, „wie Mancher, dem der Allgütige seinen Segen gegeben hat, mit vielen Kosten oft nur einen flüchtigen Genuß sich verschafft, so zweifle ich nicht, daß eben dieselben mit willigem Herzen bereit sein werden, ein so großes, schönes Werk zu fördern u. s. w." Und wir zweifeln ebenfalls ncht, daß es dem Herrn Verfasser bei den Berlinern, wie w.r sie und ihren Wohlthätigkeitssinn kennen gelernt haben, mit seinem edlen Werk gelingen wird. Wahrlich: Eine Gemeinde, die solche edle Früchte reiner Menschenliebe ain Baume des Judenthums pflegt und zeitigt, ist eine Zierde unseres Glaubens und berechtigt zu dem Ausrufe: „Israel ist nicht verwaist!" ^tozmi«. den 24. December. (Or. Corr.) Sonntag, am 2«. c., morgens 4 Uhr, verschied Hierselbst in seinem Ellern Hause Herr l)r. David Gerson. Mit guten Anlagen auSgeiüstet, war er schon als Knabe nach Breslau gekommen und besuchte zuerst mit dem günstigsten Erfolge das Elisabeth- Gymnasium. Hierauf trat er in das Rabbinerseminar ein, in welchem er durch seine Fähigkeiten und seinen Fleiß nicht allein sich bedeutende Kenntniste auf allen Gebieten der jüdischen Theologie, sondern auch die Zuneigung und Achtung seiner Lehrer und Commilitonen erwarb. Liebenswürdig im Umgang, war er auch in den besseren Kreisen der jüdischen Gesellschaft Br-rslau's wohl gelitten und gehörte mehreren Berei ten daselbst lange Zeit als vortragendrS Mitglied und al« Vorsitzender an. AlS Erstlinge seiner wissenschaftlichen Forschungen veröffentlichte er, nachdem er schon 1865 dir vom jüd. theolog. Seminar gestellte Preisfrage: Verhalten des Kaisers Julian gegen die Juden im Gegensätze zu ihrer Stellung unter seinen Borgingern x. gelöst hatte, in der Frankel'schen Monatsschrift und in einem Separatabdrucke: Die Eommentarien des Ephriem Syru« im Berhältniß zur jüd. Exegese. (Breslau 186k, 6. 46 S. bei Skuffch.) Diese Arbeiten berechtigten zu groß«» Erwartungen bei ferner» Leistungen. Auch als Prediger hatte er seine Befähigung in mehr als gewöhnlicher Weste durch Reden, die er theils in der Seminarsynagoge

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